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Selters: Die starken Frauen in einer eigenen Vitrine

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Dem Vereinsleben von Niederselters, beispielhaft dargestellt an den ältesten Vereinen des Dorfes, sind zwei Vitrinen der neuen Ausstellung in der alten Kirche gewidmet. Dr. Norbert Zabel, Armin Ilion, Heinz Seidel, Uli Willert, Thomas Brühl und Pfarrer Joachim Wichmann (von links) begutachten das gelungene Werk.
Dem Vereinsleben von Niederselters, beispielhaft dargestellt an den ältesten Vereinen des Dorfes, sind zwei Vitrinen der neuen Ausstellung in der alten Kirche gewidmet. Dr. Norbert Zabel, Armin Ilion, Heinz Seidel, Uli Willert, Thomas Brühl und Pfarrer Joachim Wichmann (von links) begutachten das gelungene Werk. © Ursula Königstein

Mit der neuen Ausstellung hat der Ortsausschuss der katholischen Kirchengemeinde mit Unterstützung des Kultur- und Geschichtsvereins einen weiteren Beitrag zur 1250-Jahr-Feier des Dorfes geleistet.

Selters -In den Farben des Regenbogens präsentieren sich die sieben Ausstellungsvitrinen in der alten Kirche seit kurzem. Ebenso neu wie die Farbgestaltung ist ihr Inhalt: Dargestellt werden verschiedene Aspekte der jüngeren Dorfgeschichte. An die Rettung der alten Kirche, deren Sanierung und Umgestaltung zum Kulturzentrum erinnerte der Vorsitzende des Ortsausschusses,

Dr. Norbert Zabel, der die Ausstellung den Mitgliedern des Gremiums, Pfarrer Joachim Wichmann und Heinz Seidel vom Ortsbeirat vorstellte. Damals habe der Vorsitzende des Geschichtsvereins Goldener Grund, Robert Spitzlay, eine kleine Ausstellung angeregt und der Verein die Vitrinen dafür angeschafft.

Die zusammen mit Friedrich Wüstenfeld arrangierte Ausstellung habe jedoch kein bestimmtes Konzept gehabt. Der Ortsausschuss habe daher das Dorfjubiläum und den Abschluss der Arbeiten zum Anlass für die neue Ausstellung genommen. Dr. Norbert Zabel dankte allen, die an der Realisierung mitarbeiteten, allen voran Uli Willert und Armin Illion. Heinz Seidel wies auf den ökumenischen Gottesdienst zur 1250-Jahr-Feier am Festsonntag, 3. Juli, um 9.30 Uhr am Brunnen sowie einen späteren Vortrag zur Kirchengeschichte hin.

Selterser Dialekt mit italienischem Akzent

An erster Stelle der neuen Ausstellung steht die Kirchgeschichte. Vorgestellt werden unter anderem mit den Pfarrern Christian Wiest, Anton Spangemacher, Valentin Rath, Alois Born und Carl Rothbrust Seelsorger, die entscheidende Impulse für das kirchliche Leben in Niederselters gaben, so zum Beispiel mit dem Bau der neuen Pfarrkirche, der Ansiedlung der Dernbacher Schwestern, der kirchlichen Jugendarbeit in der Nazizeit, der Wiederbelebung des christlichen Vereinslebens nach dem Krieg und dem Bau der Christophoruskapelle oder mit dem neuen Friedhof und dem Bau der Gedächtniskapelle für die Kriegsopfer, für die sich auch der damalige Bürgermeister Adam Gräf stark gemacht hatte und der in diesem Zusammenhang ebenfalls gewürdigt wird.

Erinnert wird auch an Pater Dr. Paulus Pabst, der bereits als 14-Jähriger in den Orden der Salvatorianer eintrat, in Rom studierte und 1895 dort zum Priester geweiht wurde. Seine Primiz feierte er in der alten Kirche. Für seine Arbeit in der Kriegszeit wurde er 1956 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Bei seinen Heimatbesuchen habe er, so erinnerten sich Zeitzeugen, Selterser Dialekt mit italienischem Akzent gesprochen. Nicht fehlen dürfen die 1717 errichtete alte Kirche, die nach 1909 dem Verfall preisgegeben war, bis sie zum Kulturzentrum umgestaltet wurde, sowie das frühere Gasthaus "Zum doppelten Adler", das von 1890 bis 1968 als Volksschule genutzt und zwei Jahre später von der Pfarrgemeinde erworben und zum Pfarrheim umgestaltet wurde. Der Brunnengeschichte wird naturgemäß ebenfalls breiter Raum eingeräumt; wie alle Vitrinen auch diese mit historischen Bildern, einigen dazu passenden Gegenständen und erläuternden Texttafeln illustriert.

Gestapo-Gefängnis und Konzentrationslager

Prägend für das Leben im Dorf waren auch starke Frauen, denen ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Dazu gehören die in Niederselters über 100 Jahre lang segensreich wirkenden Dernbacher Schwestern, deren Gründerin, die heilige Katharina Kasper ihre Schwestern des öfteren besuchte. Als phantasiebegabte Frau wird die Heimatdichterin Anna Kirschbaum (1892 bis 1958) bis heute charakterisiert. Sie schrieb eine Geschichte von Niederselters, verfasste Gedichte und Theaterstücke, auch in Niederselterser Mundart, und vor allem auch das Theaterstück "Urquell und Fortuna" für den Festkommers der vorgezogenen 1200-Jahr-Feier von 1951.

Drei Lehrerinnen aus Niederselters, Maria Anna Hilfrich sowie die Schwestern Margarete und Katharina Pabst, setzten, stark vom katholischen Glauben geprägt, in der Nazizeit ihre christlichen Überzeugungen über den brauen Ungeist und leisteten auf ihre Weise Widerstand, den Maria Hilfrich mit Inhaftierung im Frankfurter Gestapo-Gefängnis und im Konzentrationslager Ravensbrück bezahlte. Die drei Frauen, die mit einander in Verbindung standen, fanden auf dem Friedhof ihres Geburtsorts ihre letzte Ruhe.

Vorgestellt werden neben anderem auch einige Besonderheiten aus der jüngeren Dorfgeschichte wie Kirmes, Fastnacht und die seinerzeitige 1250-Jahr-Feier sowie markante Gebäude und Einrichtungen, die für den Ort von großer Bedeutung sind.

Vieles davon ist das Resultat von Gemeinschaftsleistungen engagierter Bürger und Vereine wie die Mariengrotte, die 1903 im Niederwald gebaut wurde, das erst kürzlich renovierte Aussichtstürmchen, das seinerzeit vom Brunnendirektor Jean Stoppel finanziert und vom Verschönerungsverein errichtet worden war. Dazu gehören auch das Schwimmbad oder die 1952 von heimischen Handwerkern geschaffene Christophoruskapelle, die an die Kriegsopfer und das Elend des Zweiten Weltkriegs erinnern sollte.

Ortsbildprägend sind neben den Kirchen auch das Rathaus, die ehemalige Kaserne der kurtrierischen Brunnenwache, und stattliche Häuser wie der "Römische Kaiser", der heute mehrere Wohnungen und eine Zahnarztpraxis beherbergt. Stellvertretend für das rege soziale Leben stehen die ältesten Vereine, zu denen auch die Feuerwehr gehört.

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