Die Gemeinde Selters schafft auf Benjamin Zabels Initiative hin ein einmaliges Naturschutzgebiet.
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Die Gemeinde Selters schafft auf Benjamin Zabels Initiative hin ein einmaliges Naturschutzgebiet.

Naturschutzgebiet auf 6,8 Hektar Fläche

Selters: "Ein großer Wurf für den Naturschutz"

  • VonRobin Klöppel
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Das Gebiet "Unter dem Nippchen" wird zum Paradies für Vögel, Amphibien und Insekten

Niederselters -In Niederselters wird ein im Kreis wohl bisher einmaliges Naturschutzgebiet "Unter dem Nippchen" am Emsbach ab Höhe Kläranlage Richtung Oberbrechen entstehen: 6,8 Hektar Fläche, acht Teiche, ein großer Totholz- und ein Steinhaufen, eine zweireihige Streuobstwiese sowie eine bereits im dritten Jahr vorhandene Storchenplattform.

Der erste Bauabschnitt für 100 000 Euro mit fünf Teichen war bereits im Dezember fertig. Der zweite soll schnellstmöglich folgen. "Das ist für den Naturschutz und die Gemeinde ein großer Wurf", sagt Benjamin Zabel. Die Gemeinde Selters kann sich in Sachen Naturschutz glücklich schätzen, einen Bauamtsleiter wie den 40-jährigen Niederselterser zu haben, der sich schon seit Kindertagen in der Selterser Ortsgruppe des Naturschutzbundes (Nabu) engagiert. Dort ist Zabel "mit einem tollen Team" mittlerweile Vorsitzender, der über seine Eltern Helga und Altbürgermeister Norbert schon früh die Liebe zur Natur entdeckte. Viel von seinem Fachwissen hat er seinen Nabu-"Ziehvater" Ferdi Muth zu verdanken.

Benjamin Zabel hat es geschafft, die kompletten 100 000 Euro für den ersten Bauabschnitt durch öffentliche Zuschüsse und Spenden zu finanzieren. Das Regierungspräsidium (RP) Gießen hat mittlerweile seinen Zuschuss auf 55 000 Euro erhöht. Weitere größere Beträge kommen von der Unteren Naturschutzbehörde (15 000) und vom "Forstservice Taunus (12 000), Zabels Bruder Frank. Mit jeweils 2 000 Euro sind auch der heimische Landkreis, Kreis- und Ortsverband des Nabu im Boot. Der Anteil der Gemeinde besteht darin, Zabel sowie Bauhofmitarbeiter für einen Teil der Arbeiten abzustellen, den Zaunbau und das Setzen der Obstbäume beispielsweise. Und Zabels Fachwissen aus seinem größten Hobby ist natürlich Gold wert, um Geld einzusparen, aber dennoch das Optimum für Vögel, Reptilien, Amphibien, Kleinsäugetiere und Insekten zu schaffen.

Vor Fuchs und Waschbär geschützt

Als Benjamin Zabel mit der Nassauischen Neue Presse die Baustelle besucht, kreist ein Schwarzstorch über dem Gelände. Ein Paar Nilgänse fliegt über unsere Köpfe und weiter oben in der Luft ein Graureiher. Ein Teichhuhn huscht zügig weg und Zabel hat auch schon einen Eisvogel entdeckt, dem extra auf einer Teichinsel eine vor Fuchs und Waschbär sichere Bruthöhle geschaffen wurde. Zabel zeigt aus der Ferne auf zwei Wasserläufer an den Teichen, über deren Präsenz er glücklich ist. Zwergtaucher hat er auf dem Gelände auch schon gesehen, ein Paar Löffelenten. Aber was für ihn wirklich besonders war: An drei Tagen ist ein Kiebitz aufgetaucht. Froh ist Zabel auch, dass auf dem Gelände bereits zwei verschiedene Weißstörche gesichtet wurden. Vielleicht kann in Selters bald die erste Brut beobachtet werden.

Das vom Radweg aus nur über eine Brücke erreichbare Biotop "Unter dem Nippchen" wird vom Radweg R 8 aus durch einen Zaun abgesperrt, denn Wanderer, gerade mit Hunden, würden laut Zabel zu viel Unruhe reinbringen. Darum wird es auch einen Sichtschutz geben, damit die Vögel die gerade im Sommer auf dem R 8 zahlreich vorbeikommenden Menschen nicht wahrnehmen und durch diese nicht gleich wieder dauerhaft verschreckt werden.

Zabel möchte die Spaziergänger und Radfahrer aber mitnehmen, ihnen den Sinn des Biotops näherbringen. Darum wird es fußläufig vom Radweg eine vier Meter über der Brücke liegende Aussichtplattform geben. "Wenn die Mittel es zulassen, vielleicht auch zwei", kündigt der Fachmann an. Und es wird Schilder geben, die die hoffentlich bald auf dem Gelände auch vorhandenen Tier- und Pflanzenarten erläutern werden. Benjamin Zabel sagt, dass er Ende 2019 die Idee gehabt habe, hinter dem bereits seit Jahren bestehenden Karl-Rembser-Biotop einen großen Teich anzulegen. Bei einer Besprechung im Rathaus fiel dann seinem Kollegen Michael Gros beim Blick auf eine Luftaufnahme auf, dass der Gemeinde nicht mehr viele Flächen fehlten, um ein richtig großes Naturschutzgebiet zu schaffen.

Den Ball nahm Zabel natürlich gerne auf, beantragte flugs beim Regierungspräsidium Unterstützung und bekam zügig von der Behörde zunächst einmal 35 000 Euro zugesagt. Der Grundstein war gelegt. Zabel muss dafür nur in Zukunft der Behörde dokumentieren, wie sich die Natur durch die Anlage des Biotops "Unter dem Nippchen" verändert. Das ist viel Arbeit, aber da es Zabels Leidenschaft ist, in die Natur zu gehen und Tiere zu beobachten, ist er gerne drei Mal die Woche dort.

Was er noch sucht, ist einen Landwirt als Kooperationspartner. "Das Gelände kann man nicht sich selbst überlassen. Da würde wieder alles zuwachsen", erläutert der Bauamtsleiter. Von daher sollen weidende Tiere den Wuchs kleinhalten. Damit die Teiche nicht wie anderswo in heißen Sommern austrocknen, werden sie ständig mit in der Kläranlage gereinigtem frischen Wasser gespeist. Vom Emsbach aus wäre die Wasserversorgung laut Zabel trotz direkter Nachbarschaft aufgrund des Höhenunterschiedes nicht möglich gewesen.

Ein Steinhaufen wurde auch angelegt, um Reptilien und Amphibien einen Rückzugsort zu bieten. Die Ringelnatter hat Zabel bereits auf dem Gelände entdeckt, aber er hofft auch auf Schlingnattern und Blindschleichen. Was Zabel ebenfalls anlocken will, sind Kröten und Grasfrösche, Faden- und Teichmolche sowie in die Gräben den Feuersalamander. Das im Umfeld des Biotops künftig gefällte Holz wird die Gemeinde auf einem Totholzstapel liegen lassen, unter den sich nach Aussagen Zabels Igel und Mäuse verkriechen könnten. Aber auch für Insekten und Pilze sei dieser als Lebensraum wichtig.

In den Teichen wurden Stämme als Ansitze für die Vögel aufgestellt und auf den Inseln künstliche Bruthöhlen geschaffen. Es wird auch noch überlegt, in einem Teil der Teiche kleine heimische Fischarten anzusiedeln. Für den zweiten Bauabschnitt mit drei weiteren Teichen braucht Zabel noch einmal 130 000 bis 150 000 Euro.

Am liebsten würde er den zweiten Abschnitt auch in einem Aufwasch schaffen, damit in dem Gebiet bald wieder Ruhe einkehrt und man den Bereich "Unter dem Nippchen" endlich komplett der Natur überlassen kann. Die Teiche sind unterschiedlich groß und unterschiedlich beschaffen, damit sie eine Vielzahl an Tiere anziehen. Im größten Teich wird zum Beispiel eine 200 Quadratmeter große Insel aus Sand sein. Was sich Zabel vorstellen kann, ist irgendwann im "Nippchen" den Laubfrosch und die Europäische Sumpfschildkröte anzusiedeln.

Zabel dankt den Kollegen in der Verwaltung und den Gemeindegremien für die Unterstützung, "denn das ist ja nichts, was eine Gemeinde machen müsste".

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