Rotterdam: Alfons und Anna Jost bei Alfons' einziger Reise nach Holland nach dem Krieg in den 1960er Jahren.
+
Rotterdam: Alfons und Anna Jost bei Alfons' einziger Reise nach Holland nach dem Krieg in den 1960er Jahren.

Zwei Familien - Freunde seit dem Krieg

Selters: Es geht ums Überleben, die Freundschaft bleibt

Seit vielen Jahren sind die Familien van der Tang und Jost/Noll befreundet - Die Holländer und die Eisenbacher haben den Kontakt nie verloren, seit Alfons Jost als deutscher Soldat in Voorhout stationiert war

Eisenbach -Der Eisenbacher Alfons Jost konnte nur schwer von seinen Kriegserlebnissen und der Zeit in Holland sprechen. Nach dessen Tod hat sein Enkel Frank Noll gemeinsam mit der Familie van der Tang eine Spurensuche gestartet. Rudolf van der Tang blickt zurück in die Zeit, als sein Vater Gerhard Zwangsarbeiter in Stuttgart war. Kurz vor Kriegsende: "Auch in Stuttgart änderte sich die Situation, und mein Vater meinte, dass man sich so langsam vom Acker machen sollte, bevor die Front nach Stuttgart kommt und man dabei unter die Räder geraten könnte. In Frankreich hat sich mein Vater bei den französischen Behörden gemeldet. Da Holland noch immer besetzt war, wurde er zu einem Internierungslager bei Bar-le-Duc gebracht. Da hausten 3000 andere Holländer unter erbärmlichen Umständen in Zelten.

Freiwillige für die amerikanische Armee

Kurz danach kamen amerikanische Offiziere ins Lager und wollten holländische Freiwillige für die amerikanische Armee anwerben. Es meldeten sich nur vier Personen, einer davon war mein Vater. Die anderen waren der Meinung, dass die Amerikaner selber die Kastanien aus dem Feuer holen sollten. Mein Vater verrichtete seinen amerikanischen Militärdienst ohne Verletzungen. Nach der Befreiung Hollands machte er sich mit dem Zug auf den Weg nach Holland. Auf dem Grenzbahnhof Rosendaal mussten alle in den Zug aus Frankreich umsteigen auf inzwischen wieder fahrende holländische Züge. Es wurde sehr streng kontrolliert.

Vor dem Kontrollposten wurde mein Vater von einer hübschen Holländerin angesprochen, ob er ihren schweren Koffer tragen wollte. Mein Vater, immer Gentleman, willigte ein. Sie spekulierte darauf, dass ein Holländer in amerikanischer Uniform wohl nicht so streng kontrolliert wurde. Das war aber nicht der Fall. Mein Vater musste den Koffer aufmachen (oder die Militärpolizei hatte den Koffer aufgebrochen, das weiß ich nicht genau). Jedenfalls war der voll mit Juwelen und Gold.

Ein Koffer voller Gold und Juwelen

Wahrscheinlich war die Frau eine Geliebte eines hohen SS-Offiziers gewesen, der das Raubgut den Juden gestohlen hatte. Nach der Kontrolle hatte sie auf meinen Vater gewartet, und als sie sah, dass ihr Trick fehlschlug, machte sie sich schnell aus dem Staub. Mein Vater konnte diese Beute nicht erklären und kam ins Gefängnis. Die Militärpolizei hatte ihm alles abgenommen. Selbst seinen amerikanischen Sold und seine Uniform.

In Voorhout war der Krieg am 5. Mai noch nicht vorbei. An den Kontrollposten der Bunker und zum Atlantikwall hielten schwer bewaffneten Mongolen die Stellung. Es waren russische Kriegsgefangene, die nach der Gefangennahme in deutschen Dienst getreten waren. Die ahnten wohl, dass sie bei der Rückkehr bei Stalin schlechte Karten hätten. Sie wollten sich nicht ergeben und marschierten auch durch Voorhout. Sie waren grausam und völlig unberechenbar. Erst Ende Mai gaben sie auf. Kurz danach kreuzte mein Vater bei meiner Mutter auf. Fröhlich pfeifend und nur gekleidet in einer grünen amerikanischen Armeeunterhose. Alfons war in kanadische Gefangenschaft geraten, wo es ihm den Umständen entsprechend relativ gut ging. Später wurde er nach England gebracht und dort in ein Kriegsgefangenenlager gesteckt. In England ging es ihm nicht gut. Die Gefangenen mussten in der Kälte bei eisigem Regen auf dem Appellplatz stehen. Hierdurch holte er sich eine Lungenentzündung. Als er heimkam, war seine Gesundheit angeschlagen.

Alfons war nach dem Krieg nur noch ein einziges Mal in Holland. Gemeinsam mit Anna besichtigte er den Keukenhof. Anschließend fuhren sie mit dem Taxi zu Corry und Gerhard. Alfons wollte jedoch nie mehr über Nacht von zu Hause weg sein. Und so ging es noch am gleichen Abend mit dem Bus wieder zurück nach Eisenbach. Alfons starb leider viel zu früh, nicht zuletzt durch seine angeschlagene Gesundheit aufgrund der Kriegsgefangenschaft, im Alter von nur 63 Jahren. Auch Gerhard starb früh mit nur 55 Jahren. Die beiden Ehefrauen erlebten noch das neue Jahrtausend, Anna starb im Jahr 2000, Corry zwei Jahre später. Zu ihrer Beerdigung in Voorhout fuhren damals Alfons' Sohn, Alfons' Enkel und der Ehemann von Alfons' Enkelin, um ihr die letzte Ehre zu erweisen.

Bis in die dritte Generation

Die ,Voorhouter' und die ,Eisenbacher' blieben miteinander in Kontakt und sind es bis heute immer noch (bis in die dritte Generation). Das Haus in Eisenbach, in dem Anna und Alfons lebten, gehört inzwischen der Tochter von Gerhard und Corry und deren Mann, die damit in Eisenbach einen Zweitwohnsitz haben. Rudolf ("Ruud") ist komplett nach Deutschland gezogen und lebt mit seiner Frau in Flensburg. Die Nachkommen von Alfons und Anna leben in Eisenbach und Rheinland-Pfalz. pp

Wer möchte mitmachen?

Hiermit endet unsere kleine Serie über die Freundschaft der Familien van der Tang - Jost/Noll. Ausführlich ist sie auf der Website des Vereins eisenbach-einst-und-jetzt.de zu lesen. Der Geschichtsverein sucht außerdem weitere Mitbürger, die seine Arbeit unterstützen.

Corry van der Tang und Alfons Jost in

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare