Ortsvorsteherin Doris Dietrich verzichtet derzeit auf Fleisch. Stattdessen steht mehr Obst auf dem Speiseplan.
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Ortsvorsteherin Doris Dietrich verzichtet derzeit auf Fleisch. Stattdessen steht mehr Obst auf dem Speiseplan.

Verzicht bis Ostern

Selters: "Gegen den inneren Schweinehund ankämpfen"

  • vonTobias Ketter
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Fasten steigert körperliche und geistige Fitness - Ortsvorsteherin geht mit gutem Beispiel voran

Münster -Ein saftiges Steak mit Pommes. Zum Nachtisch ein Eis und einen süßen Cocktail. Wer kann da schon widerstehen? Momentan rühren tatsächlich einige Menschen solche Leckereien nicht an, denn es ist Fastenzeit. Von Aschermittwoch bis Ostersonntag verzichten sie auf Alkohol, Fleisch oder andere sonst alltägliche Genüsse. Auch in Münster in der Gemeinde Selters wird gefastet. Dort geht Ortsvorsteherin Doris Dietrich mit gutem Beispiel voran.

"Seit Anfang der 90er faste ich in jedem Jahr zwischen Fasching und Ostern", sagt Dietrich. Auf die Idee ist sie durch die Fastenaktion der evangelischen Kirche namens "7 Wochen ohne" gekommen, die 1983 von Journalisten und Theologen in Hamburg ins Leben gerufen wurde. In diesem Jahr isst die Ortsvorsteherin nur das, was sie "zum Leben braucht". "Ich verzichte auf Fleisch, Koffein, Softdrinks und natürlich Alkohol", berichtet die 68-Jährige. Stattdessen stehe mehr Brot, Obst und Gemüse auf dem Speiseplan. In den vergangenen Jahren habe Dietrich während der Fastenzeit auch schon mal keine Veranstaltungen besucht oder den Fernseher ausgelassen. "Nur auf die Nachrichten konnte ich nicht verzichten", erinnert sie sich.

"Fasten ist für mich kein Zwang, sondern mein eigener Wille", betont die Ortsvorsteherin von Münster. Sie mache dies nicht aus religiösen Gründen oder weil die Kirche es erwarte. Der Verzicht tut Dietrich nach eigener Aussage sehr gut. Man lerne dadurch Dinge wertzuschätzen und bekomme den Kopf frei. Daraus resultiere eine bessere körperliche sowie geistige Fitness. "Ich bin insgesamt deutlich wacher sowie aufmerksamer und profitiere auch nach der Fastenzeit noch davon."

Der Ehemann von Dietrich fastet nicht mit. "Das ist aber beim Kochen kein Problem", sagt die 68-Jährige Rentnerin. Beispielsweise bereite sie Gemüse für sich zu und brate dann zusätzlich noch ein Stück Fleisch für ihren Mann. "Das ist kein großer Mehraufwand", so Dietrich. Durch die Corona-Pandemie falle ihr in diesem Jahr das Fasten etwas leichter. "Veranstaltungen oder Versammlungen, wo man zum Beispiel Softdrinks angeboten bekommt, finden ja schließlich derzeit kaum statt", sagt die Frau aus Münster. Besonders freut sie sich auf die erste Tasse Kaffee am Ostersonntag. "Diese wird unvergleichlich gut schmecken."

Kein Koffein, nur Tee und Wasser

Auch José Michel fastet momentan. "Ich verzichte auf Koffein, Süßigkeiten, Zucker, Knabberzeug und trinke nur Tee sowie Wasser", sagt er. Seit 2018 macht Michel dies sogar dreimal pro Jahr. Auf die Idee ist der Münsterer durch einen Ernährungsberater gekommen, bei dem er sich erkundigte, weil sich sein Fitnesszustand trotz intensiver Bemühungen nicht verbesserte und er schlecht schlafen konnte. "Seit ich mit dem Fasten angefangen habe, hat sich mein geistiger Zustand deutlich verbessert. Ich kann gut schlafen und habe kein Mittagstief mehr", sagt Michel.

Besonders in der Anfangszeit sei der Koffeinverzicht schwer gefallen. "Ich hatte damals immer mal wieder Kopfschmerzen", erinnert sich der Münsterer. Das habe sich aber mit der Zeit gelegt. Anstatt Süßigkeiten isst Michel während der Fastenzeit vermehrt Obst. Es sei reine Kopfsache, die Gelüste zu überwinden. "Man muss eben gegen seinen inneren Schweinehund ankämpfen", sagt der 28-Jährige.

Die Corona-Krise erleichtere laut Michel das Fasten. "Ich bin derzeit nicht auf Geburtstagen oder anderen Partys und habe generell viel weniger Kontakte, so dass die Versuchung nicht so stark ist." Einmal pro Woche bricht der junge Mann seine eigenen Fastenregeln. "Dann koche ich mir irgendein Essen, auf das ich gerade besonders Lust habe", sagt er.

Nach der Fastenzeit gönnt Michel sich keine besondere Belohnung. Stattdessen möchte er auch ab Ostersonntag weiter gesund essen. "Ich habe in den vergangenen Jahren nach der Fastenzeit festgestellt, dass ich die Dinge, auf die ich verzichtet habe, dann nicht mehr so sehr brauche wie vorher", sagt Michel.

Ulrich Finger, evangelischer Pfarrer von Münster, hat in den vergangenen 40 Jahren immer zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag auf Alkohol verzichtet. "Die Idee ist mir gekommen, als ich während meiner Studentenzeit in einer Kneipe gearbeitet habe", erinnert er sich. Dort habe der Münsterer nämlich die Schattenseiten des Alkohols kennen gelernt. Durch das Fasten könne man Kraft schöpfen und Zeit für andere Dinge gewinnen. Außerdem sei es eine Möglichkeit, um andere Perspektiven kennenzulernen. Das Rauchen konnte sich Finger mit Hilfe der Fastenzeit abgewöhnen. "Ich habe vor einigen Jahren am Aschermittwoch aufgehört und nach Ostern einfach nicht mehr wieder damit angefangen", berichtet er.

Fasten sei für den Pfarrer "kein Gewaltakt", sondern eine freiwillige Entscheidung, die auch Spaß mache. "Der Verzicht führt dazu, dass man körperlich leistungsfähiger und konzentrierter ist." Während der diesjährigen Fastenzeit hat sich für Finger wenig geändert. Denn er verzichtet bereits seit einem Jahr komplett auf Alkohol.

Der Pfarrer rät allen Menschen, die in Zukunft fasten wollen, sich nicht zu viel vorzunehmen. "Sie sollten sich auf eine Sache fokussieren und diese dann aber auch durchziehen", sagt er.

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