Alfons Jost auf dem Fahrrad.
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Alfons Jost auf dem Fahrrad.

Zwei Familien - Freunde seit dem Krieg

Selters: Mit dem Rad durch Kugel- und Bombenhagel

Seit vielen Jahren sind die Familien van der Tang und Jost/Noll befreundet - Die Holländer und die Eisenbacher haben den Kontakt nie verloren seit Alfons Jost als deutscher Soldat in Voorhout stationiert war

Eisenbach -Der Eisenbacher Alfons Jost konnte nur schwer von seinen Kriegserlebnissen und der Zeit in Holland sprechen. Nach dessen Tod hat sein Enkel Frank Noll gemeinsam mit der Familie van der Tang eine Spurensuche gestartet. Rudolf van der Tang blickt zurück in die Jahre ab 1940, als Alfons Jost in Voorhout stationiert war und seine eigene Familie an der Bahnstrecke lebte und arbeitete:

"Die Bahnstrecke war sowohl tagsüber und als auch nachts immer wieder Ziel englischer Jagdbomber, weil die Strecke so nah am Meer lag und somit die Flugzeuge nicht weit über feindliches Land fliegen mussten. Eines nachts fielen Bomben mitten ins Dorf, dabei gingen viele Fenster des protestantischen Pfarrhauses zu Bruch. Am nächsten Sonntag predigte der katholische Pfarrer (der 500 Jahre zu spät geboren war), dass man jetzt mal wieder sehen könne, was der wahre Glauben war. Gott strafte umgehend: Beim nächsten Angriff flatterten alle Vorhänge des katholischen Pfarrhauses durch die kaputten Fenster.

Nach dem D-Day im Juni 1944 wurden viele Soldaten von der Westfront abgezogen. Alfons war auch dabei. Er kam noch mal abends spät, um sich zu verabschieden. Er sagte, dass er kämpfen würde, wenn ein freies Deutschland angegriffen worden wäre. Aber für ein Verbrecherregime würde er nicht den Kopf hinhalten, und daher würde er sich bei der erstbesten Gelegenheit von den Alliierten gefangen nehmen lassen.

Alfons hatte auch noch ein Geschenk mitgebracht. Unterwegs vom Kanal bis zum Trafohäuschen hatte er einen Sack mit Kartoffeln gefunden und er meinte, das könnte die Familie meiner Mutter gut brauchen, da die Lebensmittel knapp wurden. Als er den Sack auspackte, stellte sich heraus, dass die Kartoffeln in Wahrheit Tulpenzwiebel waren. Alfons hatte anscheinend eine intuitive Vorahnung. Denn in dem folgenden Winter 1944/1945 gab es eine Hungersnot im Westen der Niederlande und die Leute aßen in der Not Tulpenzwiebel. Dazu war es noch ein eiskalter Winter ohne Brennstoffe.

In Voorhout wurden die Lebensmittel immer knapper. Die Soldaten, die jetzt zum Stromkabel reparieren kamen, gehörten nicht unbedingt zum besseren Teil der Gesellschaft. Es kamen sowieso immer weniger Soldaten zum Stromanzapfen, weil inzwischen die Stromversorgung nicht mehr gut funktionierte - aufgrund von Brennstoffmangel in den Kraftwerken. Auch wurde in Voorhout mancher Bauer von deutschen Soldaten erschossen, weil sie das geforderte Milchkontingent nicht liefern konnten. Da auch die Kühe nichts mehr zu fressen hatten, gaben die Kühe auch kaum noch Milch. Auch das Brennmaterial war so knapp, dass viele Leute ihr Leben riskierten und im Lisser Wald (Keukenhof) Bäume fällten. Das war streng verboten, da dort die V-1-Raketen auf London abgeschossen wurden und der Wald als Tarnung diente.

Den Ort abgefackelt

Mein Opa und sein Schwager (Onkel Piet) mussten auf dem Fahrrad gen Osten fahren, um Getreide und Kartoffeln zu holen. Auf dem Rückweg über einen schmalen Wasserlinien-Damm, wo zwischen den Essenholern auch Wehrmachttransporte verkehrten, wurde ein Wehrmachtkonvoi von Jagdbombern angegriffen. Die Leute suchten Schutz in provisorischen Schützengräben. Nur Onkel Piet, der dauernd vom Rad fiel, radelte ausgerechnet im Kugel- und Bombenhagel weiter. Später fand mein Opa ihn unverletzt. Auf seine Frage, warum er sich nicht, wie sonst immer, vom Rad hat fallenlassen, antwortete er nur ganz trocken: ,Ich konnte nicht absteigen.' Später fuhren meine Mutter und ihre ältere Schwester auch mit dem Rad gen Osten zum Essen holen. Sie passierten eine Kleinstadt, die völlig ausgebrannt war, und wo keine Leute zu sehen waren. Später stellte sich heraus, dass dort ein (missglücktes) Attentat auf den Chef der SD (Rauter) verübt worden war. Als Repressalie hatte die Deutschen alle Männer über 14 Jahre ins KZ Ladel und abtransportiert, die Frauen und Kinder in ein Lager in den Niederlanden gebracht und den Ort abgefackelt. Dann kam der Hungerwinter 1944-1945. Allein in Leiden starben tausende Menschen durch Hunger."

Die Bahnstation Voorhout.

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