Jens Kristen gründete vor drei Jahren die Selbsthilfegruppe Niederselters für Menschen mit Angst und Panik sowie chronischen Schmerzen. foto: GUNDULA STEGEMANN
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Jens Kristen gründete vor drei Jahren die Selbsthilfegruppe Niederselters für Menschen mit Angst und Panik sowie chronischen Schmerzen. foto: GUNDULA STEGEMANN

Selbsthilfegruppe

Wenn uns die Angst entgleist

  • vonGundula Stegemann
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Die Gruppe freut sich über jeden, der es schafft , dazuzukommen - selbst wenn er oder sie nur zuhören will.

Niederselters -Angst ist ein Urinstinkt, ein Schutzmechanismus, der uns das Überleben sichert. Angst lässt uns aufhorchen, schärft die Sinne, macht aufmerksam, so dass wir aus riskanten Situationen heile herauskommen. Insofern ist Angst zu haben vollkommen normal.

Manchen Menschen allerdings entgleist die Angst: Sie schätzen als bedrohlich ein, was ein Gesunder für gefahrlos hält. Die Fehleinschätzung bei ihnen hat fatale Folgen: Es wird eine Spirale in Gang gesetzt, die das Angstgefühl verstärkt und zu einer Panikattacke führen kann. Sie reagieren gegenüber der vermeintlichen Gefahr unangemessen und übertrieben. Darüber hinaus leiden sie in aller Regel unter körperlichen Symptomen, die diesen Zustand noch weiter verstärken, insbesondere Herzklopfen, Schweißausbruch, Zittern, Atembeschwerden, Beklemmungsgefühl, Übelkeit, Schwindel, Benommenheit, Bewusstseinsstörungen, Entfremdungsgefühle. Oft entsteht sekundär auch die Furcht zu sterben, vor Kontrollverlust oder die Angst, wahnsinnig zu werden. Einige Betroffene haben zudem chronische Schmerzen. Typischerweise dauert der Angstzustand deutlich länger an als nötig wäre. Der Betroffene kann die Reaktion nicht beeinflussen, nicht erklären und auch nicht selbst bewältigen. Angststörungen führen in erheblichem Maß zur Beeinträchtigung des Lebens und schränken den Betroffenen deutlich bei der Kontaktaufnahme und -pflege zu anderen Menschen ein. Über die Ursachen liegen derzeit keine abschließenden Erkenntnisse vor.

Seit 30 Jahren Panikattacken

So erging es auch Jens Kristen. Seit 30 Jahren leidet er an einer Angststörung und erlebt regelmäßig Panikattacken. Vor drei Jahren gründete er die Selbsthilfegruppe Angst, Panik, Schmerz Niederselters. "Gespräche mit anderen Betroffenen bringen viel mehr als mit Angehörigen oder Freunden", sagt er aus eigener Erfahrung. Wer nicht selbst betroffen ist, verstehe die Probleme oft nicht - wahrscheinlich weil eine dem Betroffenen nahe stehende Person täglich damit zu tun hat, auch selbst mittendrin steckt - es nicht nur jeden Tag hören, sondern auch miterleben muss. Das sei eben auch schwer auszuhalten, sagt er. Während einer Panikattacke könne einem niemand helfen, weil in diesem Moment fast nichts zum Betroffenen durchdringt.

Strategien entwickeln

Der Austausch mit anderen Betroffenen tue gut. "Denen geht es ja genauso", sagt er. "Die haben das eine oder andere auch. Und manche haben Strategien entwickelt, auf die man selbst noch nicht gekommen ist. Andere Betroffene haben auch mehr Verständnis..." In der Gruppe habe man sich schon über viele gute Tipps ausgetauscht. Wenn er heute merkt, dass sich in ihm etwas zusammenbraut, was in einer Panikattacke gipfeln könnte, mache er Entspannungsübungen. "Oder ich singe, vor allem im Auto: schön laut und falsch. Aber das ist ja egal. Manchmal lese ich auch, um mich abzulenken oder lenke mich ab mit Kopfrechnen. Auch das hilft." Die meisten, die zu den Gruppentreffen kommen, haben existenzielle Ängste. Sie alle haben auch Erfahrungen mit Depressionen gemacht.

Mit seiner eigenen Erkrankung kommt Jens Kristen inzwischen ganz gut zurecht. "Jeder hat Angst", so der 51-Jährige. "Das weiß ich. Aber die Ängste, die ich habe, sind extremer. Sie führen zu Panikattacken, zu starken körperlichen Symptomen und zu einem erheblichen Leidensdruck. Sie belasten mich, weil sie in weiten Teilen mein Leben bestimmen." Angefangen habe das in seiner Kindheit, erzählt er. Er war Epileptiker. Das sei sehr belastend gewesen. Deshalb bekam er mit der Zeit Angst, einen solchen Anfall zu bekommen. Die Epilepsie sei inzwischen weg, aber die Angst vor den Anfällen ist geblieben. "Ich hab mich immer mehr zurückgezogen, wurde zum Einzelgänger, weil ich auch andere nicht damit belasten wollte." Immer häufiger habe er auch Verabredungen abgesagt. "Jede Aktion ist für mich mit Ängsten verbunden. Etwas allein zu unternehmen, ist ein Problem."

Er sei in einem etwas überbesorgten Elternhaus aufgewachsen, sagt er rückblickend. "Das war der Grundstein für meine Ängste und die Panik. Und die Angst ist immer da", beschreibt er seinen Alltag. "Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht Angst habe." Inzwischen hat er aber nicht nur Angst vor epileptischen Anfällen, sondern auch vor schweren Krankheiten überhaupt, die tödlich oder mit Kontrollverlust enden könnten. Und er hat Angst vor dem Tod, vor dem Sterben... - und Angst vor der Angst. Es ist eine Spirale, die einmal losgetreten, immer weitergeht... Und wenn mehrere Sachen zusammenkommen, sich einiges aufgestaut hat, entladen sich seine Ängste in einer Panikattacke, als Reaktion - vor allem nachts. Dann habe er einen extrem hohen Herzschlag, schwitzt, hat Fluchtgedanken...

Hilfe in der Klinik

Vor vier Jahr habe er sich schließlich in eine Psychiatrische Klinik einweisen lassen. Dort sei man den Ursachen auf den Grund gegangen. Dabei sei herausgekommen, dass die Hauptursache in den epileptischen Anfällen in seiner Kindheit liegt. Der Klinikaufenthalt sei ein Wendepunkt gewesen, sagt er. Er könne mit brenzligen Situationen jetzt viel besser umgehen.

"Leider wird die Erkrankung immer noch viel zu oft einfach abgetan", so Kristens Erfahrung. "Außenstehende können oftmals nichts damit anfangen, wenn man sagt, die Psyche will nicht mehr, denn man kann diese Erkrankung ja nicht sehen wie zum Beispiel einen Bein - oder einen Armbruch. Die Psyche kann nun mal nicht eingegipst werden. Niemand sieht die Belastungen und den Druck, die diese Erkrankung für den Betroffenen mit sich bringen." Außerdem sei bei vielen Betroffenen die Scham sehr groß sich einzugestehen, dass sie solche Probleme haben. Es ist sehr schwierig... Oft sei auch keinerlei Vertrauen da, um sich anderen - auch nicht der Familie - zu öffnen. Die Betroffenen wollten mit ihren Problemen ja auch niemandem zur Last fallen. Der Weg zum Psychiater oder zum Psychologen sei schwer und tränenreich.Aus seiner Sicht tue es gut, sich mit Gleichgesinnten zu treffen, denn wer selbst betroffen ist, verstehe auch andere Betroffene besser und kann unter Umständen auch den einen oder anderen Tipp geben, wie man diese oder jene Situation gemeistert hat oder immer wieder meistert. "Wir sind kein Therapieersatz", fügt er hinzu. "Wir sind keine Psychologen, nur selbst Betroffene. Wir versuchen, das Gefühl zu vermitteln, dass man mit seinen Sorgen, Ängsten und Schmerzen nicht alleine ist und hoffen, dass mehr Betroffene - egal ob jung oder alt - den Mut finden, unser Angebot anzunehmen." Selbstverständlich bleibe alles, was in der Gruppe besprochen wird, vertraulich und werde nicht weitergetragen. Und wer ein Einzelgespräch wünsche, könne sich vertrauensvoll an ihn wenden.

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