Ahmad Mansoor Rasteen in Afghanistan. Beinahe wäre der 20-Jährige von Taliban ermordet worden, weil das Planungsbüro seines Vaters für die gestürzte Regierung arbeitete.
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Ahmad Mansoor Rasteen in Afghanistan. Beinahe wäre der 20-Jährige von Taliban ermordet worden, weil das Planungsbüro seines Vaters für die gestürzte Regierung arbeitete.

Zwei junge Menschen aus Afghanistan hat es nach Freiendiez verschlagen

Sie sind Feindbilder für die Taliban

  • VonRobin Klöppel
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Zahra und Ahmad erzählen von ihrem Land

Limburg-Weilburg -Zahra Tohidi ist 15 Jahre jung, Tochter eines Journalisten und Betreiberin des Internet-Blogs "Afghanistannotsafe". Ahmad Mansoor Rasteen ist 20 Jahre alt und erst seit zwei Wochen hier. Er arbeitete im Architekturbüro seines Vaters für die Regierung und hätte dies fast mit dem Leben bezahlt.

Beide sagen übereinstimmend im Gegensatz zu manch deutschen Kommentaren, dass die Mehrheit der Bürger Afghanistans nicht die Machtübernahme durch die Taliban gewünscht habe. Die meisten Menschen dort hätten nach 50 Jahren Krieg nur nicht mehr die Kraft, dagegen anzukämpfen. Zahra wirkt für eine 15-Jährige beeindruckend gebildet, nach nur fünf Jahren hier auf Deutsch rhetorisch überzeugend, sehr selbstbewusst und auf der anderen Seite dann doch wieder unglaublich verletzlich. Sie stellt, nachdem nun plötzlich sogar das deutsche Fernsehen ihre Geschichte senden will, die provokante Frage: "Warum habt ihr jetzt plötzlich Mitleid mit uns? Warum hat uns die letzten 20 Jahre niemand zugehört?" Sie fragt auch, warum die Westmächte die Menschen in Afghanistan durch ihren Soldatenabzug einfach im Stich gelassen hätten.

"Zu intelligent

und fortschrittlich"

Sie sagt, es sei einfach, sich hinzustellen und zu sagen, die Menschen Afghanistans hätten gegen die Taliban kämpfen müssen. "Wir haben 50 Jahre Krieg", berichtet Zahra. "Irgendwann ist man dann einfach zu müde, um weiterzukämpfen. Wir können noch gehen, aber wir fühlen uns so tot wie wandelnde Zombies."

Warum die Familie Tohidi - Vater ein im Iran tätiger Journalist, Mutter als Sozialarbeiterin für Unicef tätig und drei Töchter - vor fünf Jahren nach Deutschland floh? Zahra sagt: "Wir sind den Taliban zu intelligent und fortschrittlich. Sie möchten die Menschen dumm halten, dass Frauen Hausfrauen bleiben. Wir wollen dagegen ein Afghanistan, in der jeder Bildung und Zukunftschancen hat".

Ein weiterer Grund, warum die Familie schon immer im Land diskriminiert wurde, ist laut der ältesten Tochter, dass die Tohidis zu einer Bevölkerungsgruppe aus der Grenznähe zu China stammen, deren Vorfahren Mongolen sind und die in der Vergangenheit in Afghanistan schon immer unterdrückt worden seien. Die 15-Jährige sagt: "Mein Vater hat als Journalist immer gearbeitet ohne Ende, um seiner Familie eine gute Zukunft zu geben. Gedankt hat es ihm keiner". Sogar im Gefängnis ist Vater Muhammad gelandet und musste Steine schlagen, weil er ein kritischer Geist ist und eine moderne Haltung vertritt. Die Familie wusste, ihre einzige Rettung könnte es sein, übers Gebirge zu fliehen. Zahra bricht urplötzlich in Tränen aus, als sie darüber spricht: "Ich habe zwei Mal gesehen, wie meine Eltern in den Bergen fast in den Tod abgestürzt sind. Wir werden immer tiefe Wunden in uns tragen".

Unterdrückung

und Rassismus

Zahra macht es richtig wütend, wenn Menschen hier in Deutschland über Menschen aus Afghanistan urteilen, ohne sich anscheinend ernsthaft mit der Situation dort beschäftigt zu haben. Zahra denkt nicht, dass jemand, der Unterdrückung und Rassismus nicht wie sie ihr Leben lang erlebt hat, das Recht hat, ihr zu erzählen, wie sie sich zu fühlen hat. Die Schülerin des Diezer Sophie-Hedwig-Gymnasiums sagt: "Die Taliban ziehen dort gerade herum und holen Mädchen ab zwölf Jahren aus den Familien, um sie zu ihren Frauen zu machen."

Wer aus Deutschland zurückreise, sei dort Feindbild Nummer eins und kurz nach seiner Ankunft tot. Die 15-Jährige macht es sauer, dass nicht wenige Deutsche Muslime und Terroristen in einen Topf werfen. Sie erzählt: "Taliban geht es um keine Religion, ihnen geht es nur um Macht. Wir jungen Menschen sind fortschrittlich." Zahra glaubt, dass es den USA bei ihrem Afghanistan-Einsatz nicht um die Menschen Afghanistans gegangen sei, sondern nur um Bodenschätze wie Gold und Öl. Sie habe übers Internet Kontakt zu Leuten aus den USA gehabt, die das offen so zugegeben hätten. Die junge Frau kann es den US-Amerikanern nicht verzeihen, dass sie das afghanische Volk im Stich gelassen hätten, ebenso wie ihrem geflohenen Präsidenten, dem es auch nur um Geld gegangen sei. "Auf diesen Moment haben die Taliban doch nur gewartet, dass kein Schutz mehr da ist", sagt Zahra. Von daher ist ihre Mutter Arefa sehr dankbar, dass die Familie in Sicherheit in Freiendiez leben könne und hier Unterstützung von Menschen erfahren habe, Sie habe schon gute deutsche Freundinnen.

Im Auftrag der

Regierung

Ahmad Mansoor Rasteen kam erst vor zwei Wochen über ein Lager in Speyer nach Freiendiez. Der 20-Jährige erzählt, dass das Planungsbüro seines Vaters gerade damit beschäftigt gewesen sei, im Auftrag der Regierung eine Schule zu bauen. Auch Ahmad wird es nie vergessen können, was er erlebt hat. Er hatte einen Geschäftspartner, der gesagt habe, dass er an dem Projekt nur weiterarbeite, wenn seine Sicherheit gewährleistet sei. Ahmad hat vor Ort dann mit den Taliban verhandelt und ihm wurde zugesichert, dass sie die Schule weiterbauen könnten. Als der 20-Jährige jedoch mal kurz in der Stadt war, um Baumaterialien zu besorgen, hätten Taliban seinen Partner einfach erschossen. "Wenn ich in diesem Moment auch dort gewesen wäre, wäre ich genauso tot gewesen", erzählt er.

Zum Glück hat Ahmad nach eigenen Angaben einen Tipp bekommen, dass die Taliban ihn suchten und konnte rechtzeitig untertauchen. "Ins Haus meiner Familie konnte ich nicht zurück, weil jemand aus der Familie meines Vaters auch bei den Taliban ist und die über uns sehr genau Bescheid wissen", berichtet er.

So ist Ahmad über den Iran und die Türkei nach Europa geflohen. Es macht ihn immer noch traurig, dass er seinen Vater unter unwürdigen Umständen im Iran habe zurücklassen müssen, doch der sei einfach körperlich nicht in der Lage gewesen, den harten Weg der Flucht zu gehen. Er habe aber Kontakt mit dem Vater und versuche alles von Deutschland aus, ihn in Sicherheit zu bringen. Nach Afghanistan können beide nach Ahmads Aussagen nicht zurück, weil sie Feindbilder für die Taliban seien, da sie für die Regierung gearbeitet hätten.

Auch der 20-Jährige hat eine Begründung, warum die Taliban so schnell an die Macht kommen konnten. "Die meisten Menschen haben einfach Angst, Widerstand zu leisten, weil sie wissen, dass wenn sie das tun, tot sind", denkt er. Viele wollten jetzt einfach nur weg, weil sie frei leben und keinen Krieg mehr wollten. Die Regierung habe die Menschen einfach alleine gelassen.

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