Noch verhalten war die Stimmung bei der SPD-Wahlparty am Sonntagabend im Bürgerhaus Staffel.
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Noch verhalten war die Stimmung bei der SPD-Wahlparty am Sonntagabend im Bürgerhaus Staffel.

Historisches Ergebnis

SPD gewinnt erstmals im Landkreis Limburg-Weilburg

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  • Anken Bohnhorst-Vollmer
  • Stefan Dickmann
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  • Tobias Ketter
    Tobias Ketter

Genossen trommeln nach der Bundestagswahl für eine Ampel. CDU-Abgeordneter Willsch fremdelt mit Jamaika.

Kreis Limburg-Weilburg -Der Landkreis Limburg-Weilburg ist normalerweise fest in der Hand der CDU, das gilt auch bei Bundestagswahlen. Das ist seit Sonntag anders. Denn die SPD holt sich die Mehrheit im Landkreis Limburg-Weilburg! Der Vorsprung zur CDU ist mit 27,7 zu 27,2 Prozent zwar nur knapp, aber für die CDU dürfte dieses Ergebnis trotzdem ein Schock sein. "Das ist eine sehr positive Überraschung für uns", sagt der Vorsitzende der SPD Limburg-Weilburg, der Landtagsabgeordnete Tobias Eckert. "Das ist ein toller Tag für uns." Es mache aber auch demütig, weil die SPD noch vor wenigen Monaten von vielen öffentlich tot gesagt worden sei.

Auch die Grünen dürfen sich mit einem Plus von knapp fünf Punkten bei den Zweitstimmen auf der Siegerseite wähnen. Die AfD verliert im Landkreis zwar an Zuspruch, wenn auch nicht dramatisch hoch, die Linke hingegen halbiert ihr Ergebnis im Vergleich zu 2017. Und die FDP? Stabilisiert sich mit leichten Zugewinnen auf hohem Niveau.

Bitterer Abend für

Martin Rabanus

Besonders bitter war die Wahl dennoch für den Direktkandidaten der SPD im Wahlkreis Rheingau-Taunus - Limburg, Martin Rabanus, was auch für Eckert das Gesamtergebnis seiner Partei trübt. Dass Rabanus so knapp gegen Platzhirsch Klaus-Peter Willsch (CDU) verliert, hätte er noch verschmerzen können. Doch der Segen für seine Partei, in Hessen sehr viele Direktmandate geholt zu haben, war für Rabanus persönlich ein Fluch, denn damit ist ihm der Einzug über die Landesliste verwehrt worden. Rabanus wird dem neuen Bundestag nicht mehr angehören.

Willsch wiederum verdankt seinen hauchdünnen Sieg den treuesten CDU-Wählern im Altkreis Limburg. Sein Vorsprung vor Rabanus reichte hier aus, um einen für ihn enttäuschenden Platz 2 in seinem Rheingau-Taunus-Kreis, wo er ebenso wohnt wie Rabanus, auszugleichen.

Die Niederlage von Rabanus hat aber auch viel mit den Wählern der Grünen zu tun, weil sie ihre beiden Stimmen so gut wie gar nicht gesplittet haben - anders als die FDP-Wähler, wovon Willsch als bekennender Wirtschaftsliberaler profitiert hat. Bei Dr. Anna Lührmann (Grüne) beträgt der Unterschied zwischen ihrer Erst- und der Zweitstimme ihrer Partei nur knapp 0,5 Punkte, bei ihrem Kontrahenten Alexander Müller (FDP), der dank der Landesliste wieder dem Bundestag angehören wird, dagegen knapp 3,3 Punkte. Bei dem knappen Vorsprung von Willsch machte das für Rabanus den Unterschied aus.

Grüne und FDP

halten sich bedeckt

Lührmann war am späten Sonntagabend noch voll im Wahlkampfmodus. Ob ihr auf Bundesebene eine Ampel oder Jamaika lieber ist, wollte sie nicht sagen. Nur, dass für die Grünen ein "Klimaschutzministerium "und das Finanzministerium in einer Regierung sehr wichtig seien.

FDP-Mann Müller sagt: "Wir wollen regieren und werden es probieren." Mit wem, da gibt es von ihm aber auch keine klare Ansage, nur zwei Versprechen: "Einen Linksrutsch wird es mit uns nicht geben, und wir werden unsere roten Linien einhalten." Letztere sind keine neuen Belastungen und das Einhalten der Schuldenbremse. Müllers Fazit: Mit dem Programm der CDU gebe es größere Überschneidungen.

Darauf setzen auch viele führende Köpfe der Union im Landkreis Limburg-Weilburg. Der Landtagsabgeordnete und Kreisvorsitzende Andreas Hofmeister plädiert ebenso für Jamaika wie der Vorsitzende der Limburger CDU und der Kreistagsfraktion Christian Wendel. Auch der Elzer Bürgermeister Horst Kaiser (CDU) wünscht sich ein solches Bündnis.

Willsch hingegen sieht erst einmal keinen Regierungsauftrag seiner Partei. "Scholz hat gewonnen und muss jetzt schauen, ob er eine Mehrheit zustanden bringt", sagt er am Tag danach. Mit Jamaika fremdelt Willsch sehr - wegen der Grünen, die für ihn eine "Verbotspartei" sind und bleiben. Im Zweifel wäre ihm deshalb sogar die Fortsetzung der großen Koalition lieber, auch wenn das für seine Partei als Juniorpartner sehr schwer werden würde.

Eine Ampelkoalition würden dem Wahlergebnis entsprechen, sagt SPD-Kreisvorsitzender Eckert. Denn vor allem SPD und Grüne hätten deutlich zugelegt, und die FDP habe ebenfalls ein besseres Ergebnis erzielt. Der eindeutige Wahlverlierer sei Armin Laschet.

"Wir sind der klare Wahlverlierer", sagt auch Daniel Rühl, Fraktionschef der CDU Bad Camberg. Auch er sieht keinen Regierungsauftrag für die Union. "Die stärkste Partei hat nun den Anspruch, einen Kanzler zu stellen. Sollte die SPD aber nicht in der Lage sein, eine Regierung zu bilden, ist auch eine Jamaika-Koalition denkbar", sagt Rühl. Innerhalb der CDU müsse es nun "personelle Erneuerungen" geben. Es habe sich klar gezeigt, dass die Bürger keinen Bundeskanzler Armin Laschet möchten.

Ungeschickte

Kandidatensuche

Auch Günter Foth, Fraktionsvorsitzender der CDU Hünfelden, spricht von einer "deutlichen Niederlage". Im Land herrsche eine Wechselstimmung - und eine "einseitige Berichterstattung" in den Medien habe das Ergebnis beeinflusst. Innerhalb seiner Partei seien aber auch Fehler gemacht worden. "Die Kandidatensuche verlief ungeschickt", sagt Foth. Dass Willsch wieder in den Bundestag einziehen wird, verbucht der Hünfeldener nicht wirklich als Erfolg. "Er hat sich über die Ziellinie gerettet", sagt Foth.

Allen Grund zur Freude hat hingegen Doris Dietrich, Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Selters. "Es ist ein tolles Ergebnis, das zeigt, dass wir den richtigen Kanzlerkandidaten aufgestellt haben", sagt sie. Dietrich befürwortet eine Ampelkoalition. Sie bedauert, dass es Rabanus vorerst nicht in den Bundestag schaffen wird. "Er ist ein guter Mann und sein Wahlergebnis ist prima. Leider hat es dennoch nicht gereicht."

Dieter Oelke von den Grünen aus Bad Camberg blickt mit gemischten Gefühlen auf die Wahlergebnisse. "Wir hatten uns mehr erhofft, sind aber trotzdem froh, dass wir jetzt in dieser Position sind", sagt er. Es sei wichtig, dass die Grünen künftig mitregieren und Einfluss in der Bundesrepublik haben.

Tobias Kress, Fraktionsvorsitzender der FDP in der Gemeinde Brechen, ist ebenfalls zufrieden mit dem Ergebnis seiner Partei. "Ein Aufwärtstrend ist zu erkennen. Das macht Mut", sagt er. Es sei sinnvoll, sich nun zunächst mit den Grünen an einen Tisch zu setzen, um über eine mögliche Koalition zu sprechen.

Das findet auch der Dornburger FDP-Mann Reiner Schmidt. Gemeinsamkeiten mit den Grünen auszuloten, mache den potenziellen Partnern deutlich, "dass wir nicht nur Mittel zur Macht sind", sondern dass an den Liberalen und den Grünen kein Weg vorbeiführt.

Das bestätigt Anke Föh-Harshman, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen in Hadamar. Ihre Partei müsse jetzt auf "pragmatische Arbeitslösungen" setzen und endlich vom Wahlkampfgetöse wegkommen. Ein ähnliche Empfehlung formuliert Ottmar Baron von der SPD Dornburg, ohne sich freilich den Hinweis zu verkneifen, dass die CDU selbst in ihrer Hochburg Dornburg rund zehn Prozentpunkte abgerutscht ist. Baron setzt auf eine Ampel und ist froh, dass die Mitte gestärkt und die extremen Gruppierungen an den Rändern des Parteienspektrums in ihrer Bedeutung gestutzt wurden.

SPD feiert Erfolg im Wahlkreis Montabaur - CDU-Kreischef plädiert für Gang in die Opposition

Der SPD ist im Wahlkreis 204 (Montabaur) eine Sensation gelungen. Zum dritten Mal nach 1972 und 1998 ist es ihr gelungen, den Wahlkreis direkt für sich zu entscheiden. Die Direktkandidatin der Sozialdemokraten, Dr. Tanja Machalet, konnte 31,5 Prozent der Stimmen auf sich vereinen und zieht nun erstmals in den Bundestag ein. Der große Verlierer des Abends im Wahlkreis ist der Christdemokrat Dr. Andreas Nick mit 30 Prozent. Er hat nicht nur den Wahlkreis verloren, sondern auch seinen Sitz in Berlin. Er wird auch nicht über die Landesliste, auf deren neuntem Platz er gesetzt war, wieder in den Bundestag einziehen. Vor vier Jahren sah das Ergebnis noch ganz anders aus. Die CDU gewann mit 37,5 Prozent, während die SPD nur 24,7 Prozent erzielte. Nick bekam damals 43,3 Prozent der Stimmen.

Am Wahlabend sagte Machalet, dass sie ihren Einzug in den Bundestag mit einem Sieg des Wahlkreises krönen möchte. Das gelang ihr, wenn auch nur knapp. Sie schreibt ihren Sieg dem Erfolg von Olaf Scholz zu. Dieser sei ein Regierungsauftrag, den sie nun mit Grünen und FDP erfüllen möchte. Nach Ansicht des Vorsitzenden des SPD-Kreisverbandes Rhein-Lahn, Mike Weiland, war Machalets Wahlsieg ihr eigener Verdienst. Aber auch das gute Miteinander der Partei und der Kandidatin hätten den Ausschlag gegeben. Er setzt auf die Ampelkoalition, die in Rheinland-Pfalz im sechsten Jahr erfolgreich funktioniere.

Für Hendrik Hering, Präsident des rheinland-pfälzischen Landtags und Vorsitzender des SPD-Kreisverbandes Westerwald, ist Machalets Erfolg eine kleine Sensation. "Wir sind nach der Landtagswahl im März dieses Jahres erneut die stärkste Partei im Westerwald", freut sich Hering - vor allem, weil der Westerwald bislang eine CDU-Hochburg war. Er freue sich über diesen riesigen Erfolg, der Scholz und Machalet gleichermaßen zu verdanken sei. Eine Ampelkoalition sei zukunftsgewandt und bedeute eine Fortentwicklung von Politik und Gesellschaft. Das mache der Wahlsieg von SPD, Grünen und FDP deutlich. "Der Wähler hat klar gesprochen", kommentiert Hering. Jetzt gehe es darum bei den Sondierungsgesprächen mit der FDP und den Grünen, Kompromisse zu machen und aufeinander zu zugehen.

Gegen eine Ampelkoalition hätte auch Matthias Lammert, Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Rhein-Lahn, keine Einwände: "Vielleicht ist es besser, uns personell und inhaltlich zu erneuern und in vier Jahren stark wieder zu kommen." Das schlechte Ergebnis der CDU sei sehr bedauerlich. "Wir hätten uns ein besseres gewünscht", sagt er. Die Schuld sieht er vor allem auf Bundesebene, aber nicht bei Armin Laschet allein. Außerdem hätten die Direktkandidaten der Freien Wähler und der AfD die CDU Stimmen gekostet. na

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