Emanzipationsgeschichte

Stück über die Visionärin Hildegard von Bingen beendet Limburger Theatersaison

Dem Licht verfallen: Die Visionen der Heiligen Hildegard und ihr Ringen mit der männlichen Kirchenhierarchie thematisierte das Finale der Limburger Theatersaison: „Hildegard von Bingen, die Visionärin“ hieß das Stück von Susanne Felicitas Wolf.

Bunte Lichter, lautes Stimmengewirr und sphärische Musik mit viel Latein. Vielleicht war der multimediale Ansturm letztlich doch ein bisschen viel gewesen. Denn nachdem sich das Limburger Publikum mit donnerndem Applaus von den Akteuren des Theaterstücks „Hildegard von Bingen, die Visionärin“ verabschiedet hatte, steuerte es schnurstracks den Ausgang an. Lediglich ein kleines Häufchen Theaterinteressierter scharte sich noch im Foyer um Regisseur Thomas Luft. Und das, obwohl er noch vor Beginn auf die Gesprächsrunde hingewiesen hatte. Ein für Limburger Theaterabende ungewöhnliches Angebot, das aber nicht angenommen wurde.

Eine Verweigerung, die aber nichts mit der Qualität des Gezeigten zu tun hatte. Ganz im Gegenteil: Wie das Licht, das Hildegard von Bingen zeitlebens in ihren Visionen sah, bildete auch Hauptdarstellerin Anja Klawun in der Rolle der berühmten Mystikerin den Fixpunkt des Abends. Unterstützt wurde sie von einer kraftvollen Inszenierung. Denn ständig passierte irgendetwas: Lichtprojektionen ließen in der Kulisse Bäume aufblühen, aus denen Sätze mit Worten Hildegards herausquollen. Wie von Geisterhand bewegt, wirbelten mobile Stellwände über die Bühne und Stimmen aus dem Off trieben nicht nur die Hauptfigur fast in den Wahnsinn.

Einen wahren Kraftakt bewältigte währenddessen Cornelia Melián, die mit Harmonium, Blockflöte und Mezzo-Gesang weit mehr tat, als die Handlung musikalisch zu begleiten. Für die Inszenierung war ihr Auftritt fast genauso wichtig wie das gesprochene Wort. Und das nicht nur, weil Hildegard von Bingen auch Musik komponiert hatte. Für das gewisse sphärische Extra sorgte am anderen Bühnenende mit elektronischen Klängen die Musikerin Manuela Rzytki.

Die Geschichte selbst gab sich ungeheuer wortlastig, da war von den Zuschauern volle Konzentration gefragt. Erzählt wurde der bekannte Werdegang der schon zu Lebzeiten als Heilige verehrten Äbtissin. Als zehntes Kind einer hochadligen Familie trat sie, wie damals üblich, mit acht Jahren ins Kloster ein. Ein Eintritt, den das Stück durchaus auch als eine Art Abschiebung charakterisiert. Zu groß ist die Verwirrung, die die Visionen des Kindes bei Eltern, Umfeld und in ihr selbst auslösen. Da Hexenverfolgungen aber kein Phänomen des Hochmittelalters, sondern erst der frühen Neuzeit waren, spielte der Scheiterhaufen diesmal keine Rolle. Was nicht heißt, dass Hildegard als Frau in einer vom Patriarchat geprägten (Ordens-)Gesellschaft einen leichten Stand gehabt hätte: Wie kann es diese Rippe Adams wagen, ihr eigenes Kloster gründen zu wollen?

Ein Konflikt, der historisch verbürgt ist, den die Autorin Susanne Felicitas Wolf aber auch sehr breit auswalzt. So breit, dass beim Zuschauer der Verdacht aufkommt, einer modernen Emanzipationsgeschichte im mittelalterlichen Gewand beizuwohnen. Unterstützt wurde Hildegard von ihren beiden Vertrauten, Mönch Volmar (Benjamin Hirt) und Schwester Richardis von Stade (Hannah Moreth). Der eine korrigierte ihre auf Latein verfassten Werke, die andere fungierte als ihre rechte Hand. Beide wurden ihr im Ringen um Macht und Einfluss zeitweilig oder im Fall von Richardis für immer entzogen. Letztere wird auf Betreiben ihres Bruders, dem Bischof von Bremen, selbst zur Äbtissin gewählt und verlässt das Kloster. Ob sie das tatsächlich, wie es das Stück suggeriert, nur aus Pflichtgefühl gegenüber ihrer Familie tat, kann bezweifelt werden.

Als Widersacher in der Geschichte fungierte erst Abt Kuno (Reinhold Behling), der die Mitgift der Schwestern einbehält und aus rein finanziellen Erwägungen Hildegard das Leben schwer machte. Die Verbindung von Kirche und Geld wird als so innig dargestellt, dass man Martin Luther fast an der Bühnentür klopfen hört. Zur Persiflage gerät der Auftritt des Kaisers Friedrich Barbarossas (Wolfgang Mondon) mit seinem abnehmbaren roten Bart. Er wird als wankelmütiger, eitler und selbstgefälliger Regent dargestellt, an dem sich Hildegard erfolglos abarbeitet.

Mit dem Abstand von 900 Jahren ist die historische Wahrheit ohnehin zwangsläufig relativ, trotzdem stellt sich bei „Hildegard von Bingen, die Visionärin“ am Schluss die Frage: War das nun die mittelalterliche Realität oder doch eher eine moderne feministische Heldinnengeschichte?

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