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Städtebaulich unschönes Gebäude oder Würgeser Wahrzeichen? Die Syna würde den Turm für seinen Netztransformator in der Schulstraße gerne abreißen.

Droht der Abriss?

Turm für Netztransformator: Vom Wahrzeichen zum Zankapfel

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Würgeser Wahrzeichen oder städtebaulich unschönes und überflüssiges Gebäude? Am Würgeser Turm in der Schulstraße scheiden sich die Geister. Oder doch nicht so ganz . . .

Der gelbliche Turm hat oben kleine Löcher und Reste von Aufhängungen, die zeigen: Früher sind dort Kabel entlanggelaufen. Als die Stromverteilung noch über die Dächer ging, war der Turm für den Netztransformator der Süwag in dieser Höhe notwendig und wurde gebraucht. Rund 20 Meter misst das Gebäude. Es ist sanierungsbedürftig und sollte abgerissen werden, sagt Helmut Jedmowski. Der frühere Stadtrat der CDU ist ein Anlieger und berichtet: „Nicht nur die direkten Anlieger hatten sich über die Beseitigung des Schandflecks aus dem Dorfbild gefreut.“ Das sei so gewesen, als die Süwag-Tochter Syna begann, den Abriss in die Wege zu leiten. Ende Juli sollte der Turm fallen. Er steht noch.

Was ist passiert? Helmut Jedmowski erzählt es so: „Der Netzbetreiber, an dem auch die Stadt Bad Camberg beteiligt ist, hatte den Abriss des Gebäudes fest eingeplant. Die entsprechenden Bauaufträge waren durch den Stromnetzbetreiber vergeben. Vorarbeiten wurden durch das beauftragte Unternehmen ausgeführt.“ Doch in diesem Moment habe sich der ehemalige Ortsvorsteher Ernst Schuber (ebenfalls CDU), der noch immer im Ortsbeirat aktiv ist, eingeschaltet, den Schutz des Gebäudes als historisches Denkmal reklamiert und sich für das „Würgeser Wahrzeichen“ eingesetzt. Es folgte ein Besuch der Unteren Denkmalbehörde vor Ort und ein Verbot. Der Turm darf (noch) nicht abgerissen werden.

Grund ist der Ensembleschutz, der hier greifen könnte. Was ist darunter zu verstehen? „Das Gebäude ist gemäß der Bestimmungen des Hessischen Denkmalschutzgesetzes (Paragraph 2, Absatz 3) als Kulturdenkmal in der Gesamtanlage aus geschichtlichen Gründen denkmalgeschützt“, erklärt der Sprecher des Landkreises Jan Kieserg. Also müsste, um ihn abzureißen, eine denkmalschutzrechtliche Genehmigung eingeholt werden. „Der Turm bildet nach Rücksprache mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen in Wiesbaden an der Straßenkreuzung Schulstraße/Ecke Ferrutiusstraße und zum Einzelkulturdenkmal Emsbachbrücke eine wichtige städtebauliche Kante“, so Kieserg. Ob die Syna einen Abrissantrag stellen werde, sei der Kreisverwaltung derzeit nicht bekannt.

Das Unternehmen wird es tun, erläutert Sprecher Marcus Heckler auf Anfrage. Syna-Projektplaner Arno Schmidt erklärt das Vorhaben näher: Beabsichtigt sei, den fast 20 Meter hohen Turm durch eine etwa 1,80 Meter hohe Trafostation zu ersetzen, die ausreichend sei. Denn: Die Turmhöhe war nur wegen der Außenverkabelung nötig. In Zeiten der Erdkabel, die schon seit Jahrzehnten genutzt werden, sei es an der Zeit, den sanierungsbedürftigen Turm zu beseitigen.

Damit habe er sich beschäftigt, und er bestreitet, dass der Ensembleschutz auch für diesen Bereich gilt, sagt Arno Schmidt. Zurzeit wird ein detaillierter Abriss-Antrag vorbereitet. Auch ein Architekt ist beauftragt, eine Fachabteilung der Syna trägt die „inneren Werte“ des Turms zusammen, sprich, führt auf, was technisch notwendig ist. Aus Arno Schmidts Sicht gehört der hohe Turm sicher nicht zum Ensemble. Anwohner Helmut Jedmowski ergänzt: „Ein in den 50er Jahren errichteter Zweckbau kann doch nach allgemeiner Ansicht nicht als Teil eines Ensembles mit den zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert errichteten Wohnhäusern gesehen werden.“ Arno Schmidt fügt hinzu: „Im Gegenteil, der Turm behindert sogar die Ansicht auf die denkmalgeschützte historische Häuserreihe.“

Also muss/darf der Würgeser Turm doch weg? Der frühere Ortsvorsteher Ernst Schuber erklärt: Rein zufällig habe er von den Abriss-Absichten erfahren und, da er ehrenamtlich als Bad Camberger Stadtfotograf für das Stadtarchiv arbeitet, auch ein Bild von diesem Turm gemacht, sich außerdem mit dem örtlichen Historiker Karl Braun und dem Stadtbauamt in Verbindung gesetzt.

Es folgte der Ortstermin mit der Unteren Denkmalbehörde. Aber, so sagt es Schuber: Er wolle niemandem einen Stein in den Weg legen. So wertvoll sei dieser Turm nicht – zu diesem Ergebnis sei er im Gespräch mit Karl Braun gekommen. Und: „Von meiner Seite stand keine böse Absicht dahinter. Wenn es jetzt heißen würde, der Turm kann weg, würde sich keiner darüber aufregen. Ich auch nicht.“

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