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"Versorgungssicherheit geht vor Klimaschutz"

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Von: Anken Bohnhorst, Stefan Dickmann, Sabine Rauch

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Die Benzinpreise erreichen auch im Kreis Limburg-Weilburg fast täglich neue Rekordwerte.
Die Benzinpreise erreichen auch im Kreis Limburg-Weilburg fast täglich neue Rekordwerte. © dpa

Wie Vertreter von Branchen und Verbänden die steigenden Preise bewerten

Limburg-Weilburg -Die Preise für Benzin, Heizöl, Gas und auch Strom gehen durch die Decke. Auch Lebensmittel werden immer teurer. Schon vor dem Krieg in der Ukraine stieg die Inflation, nun gibt es etwa beim Spritpreis fast täglich neue Rekorde. Wir haben uns in der Region bei verschiedenen Branchen und Verbänden umgehört, welche Auswirkungen und Lösungsansätze sie sehen.

Ölbranche: "Die Nachfrage nach Heizöl ist immens", berichtet Axel Saueressig, Leiter des Ein- und Verkaufs von Schwarz Mineralöle in Diez. Viele Kunden erkundigten sich nach den Preisen. Die Bestellmengen bewegten sich allerdings auf einem für die Jahreszeit durchschnittlichen Niveau. Trotz der enormen Preissteigerung beim Heizöl. Am Donnerstag kostete der Liter 1,84 Euro bei einer Abnahmemenge von 2000 bis 3000 Litern. Zum Vergleich: Vor einem Jahr lag der Preis noch bei rund 65 Cent pro Liter.

Lieferengpässe gibt es beim Heizöl derzeit nicht, sagt Saueressig. Allerdings wisse er von Regionen, in denen das Angebot bereits eingeschränkt werden musste. Die Lieferanten erfüllten zwar bisher die vertraglich vereinbarten Verpflichtungen zuverlässig, dies gelte aber nicht für außerplanmäßige Zukäufe.

Der Absatz von Benzin und Diesel sei an den 30 Tankstellen, die Schwarz Mineralöle zwischen Eppstein und Neuhäusel sowie Neu-Anspach betreibt, etwas zurückgegangen, berichtet Saueressig. Viele Autofahrer reagierten verärgert auf die enormen Preissteigerungen der vergangenen Wochen und führten Diskussionen mit dem Kassenpersonal. "Idealerweise hätten unsere Kassiererinnen zwei Semester Psychologie studieren sollen."

Wie die weitere Entwicklung aussieht, will Saueressig nicht prognostizieren, dafür sei die Lage zu unsicher. Hoffnung mache, dass seit Mittwoch der Anstieg der Rohölpreise gestoppt sei. Offenbar wirke der hohe Preis dämpfend auf die Nachfrage. Eine Situation wie diese hat Saueressig, der seit 20 Jahren für Öl Schwarz arbeitet, noch nie erlebt. Zuletzt gab es einen starken Preisanstieg nach der Lehmann-Pleite 2008 - aber bei Weitem nicht so stark.

Sozialverband I: Wenn das so weitergeht, ist der soziale Frieden in Gefahr, sagt Max Prümm, Geschäftsführer des Caritasverbandes für den Bezirk Limburg. Denn wieder treffe es vor allem die Schwachen, wie immer bei Inflationsbewegungen. Aber auch für jene, die sich für die Schwachen in der Gesellschaft einsetzen, seien die steigenden Preise eine Katastrophe. "Das reißt ein gigantisches Loch in unsere Kasse", denn die Menschen in den Einrichtungen müssten ja trotzdem essen und trinken und sie wollten es trotzdem warm haben, in den Altenheimen könnte man ja nicht einfach an Heiz- oder Personalkosten sparen, "wir haben so gut wie keine Stellschrauben". Er rechne im Geschäftsjahr 2022 mit einer zusätzlichen Belastung von rund 20 Prozent bei den Kostengruppen Energie und Lebensmittel, sagt Prümm. Und er hoffe, dass die Politik vorausschauend und weise agiere. Natürlich müsse man das Klima schützen, aber auch den sozialen Frieden wahren. "Versorgungssicherheit geht vor Klimaschutz."

Frank Mach, Abteilungsleiter Soziale Dienste beim Caritasverband, sieht das genauso. Denn er weiß, in welche Not die steigenden Energiepreise seine Klienten bringen. Die Heizkosten hat der Sozialhilfeträger gedeckelt - wer mehr braucht, muss selbst zahlen. Die Stromkosten werden mit dem Regelsatz abgedeckt, wer mehr Geld für Strom ausgibt, muss an anderer Stelle sparen - dasselbe gilt für alle, die jetzt mehr Geld für Essen ausgeben müssen oder für ihre Mobilität. Die Regelsätze müssten dringend angepasst werden, sagt Mach. "Und außerdem ist die Frage, ob die Höhe der Deckelung der Heizkosten angesichts der steigenden Energiepreise überhaupt noch zeitgemäß ist."

Sozialverband II: Auch der VdK hat die Menschen in prekären Verhältnissen im Blick. Frank Richter, amtierender Kreisvorsitzender des VdK Limburg, erinnert daran, dass der VdK zur Entlastung armer Haushalte schon länger fordert, dass die Grundsicherung die tatsächlich entstehenden Energiekosten übernimmt. Zudem müsse es beim Wohngeld wieder eine Energiekomponente geben. Und er zitiert Vera Bentele, die VdK-Präsidentin und ihre Kritik an den steuerlichen Maßnahmen zur Entlastung der Bürger. "Rentner und Menschen mit Behinderungen sind für Einkäufe oder Arztbesuche auf ein Auto angewiesen und leiden daher sehr unter den hohen Spritpreisen." Von einer Erhöhung der Pendlerpauschale hätten sie aber nichts. Das gleiche gelte für die Anhebung der Werbekostenpauschale. Und die Erhöhung des Grundfreibetrags sei zwar eine wichtige Maßnahme, jedoch viel zu gering angesetzt. "Die Chance für eine echte Entlastung all jener, die wenig Geld zur Verfügung haben, wird mit diesen Maßnahmen daher verpasst."

Umweltschutzverband: Auch der BUND will, dass alle Menschen ihre Wohnung heizen und mobil sein können und ist schon allein deshalb gegen eine "Steuersenkung nach dem Gießkannenprinzip", aber er hat auch das Klima auf der Agenda: "Wir halten hohe Spritpreise aus ökologischen Gründen für sinnvoll und müssten sie zur Einhaltung der Klimaziele im Verkehr eigentlich begrüßen", sagen Gerd Zimmermann und Hermann Maxeiner, die beiden Vorsitzenden des BUND-Kreisverbandes Limburg-Weilburg. "Allerdings fließt das Geld momentan in Kanäle, die wir nicht bedienen wollen, wie etwa russische Ölkonzerne." Die steigenden Sprit- und Energiepreise zeigten doch auch, wie abhängig wir uns von fossilen Brennstoffen gemacht hätten. "Es wird allerhöchste Zeit für eine sofortige Energiewende, hin zu erneuerbaren Energien wie Wind, Sonne und Erdwärme."

Und es sei allerhöchste Zeit für eine Verkehrswende, und die sei offenbar nur mit höheren Treibstoffpreisen zu erreichen. Das Ziel müsse aber eine klimatische Lenkungswirkung sein und nicht eine Steigerung der Steuereinnahmen. Die Wege seien klar: Der ÖPNV müsse gestärkt werden und dürfe keinesfalls teurer werden. Und das Tempolimit müsse her. "Dies ist eine Maßnahme zur effektiven Energieeinsparung zum Nulltarif", sagen Gerd Zimmermann und Herbert Maxeiner.

Kommunen: Die Stadt Limburg reagiert gelassen auf die derzeit hohen Spritpreise mit Blick auf den eigenen Fuhrpark. Zum einen falle bei einer Bilanzsumme des städtischen Haushalts von rund 210 Millionen Euro die Kostensteigerung bei den Treibstoffkosten "kaum ins Gewicht", so Stadtsprecher Johannes Laubach, "sie werden in Summe nur wenige Tausend Euro betragen". Zum anderen setze die Stadt ohnehin schon länger bei der Neuanschaffung von Fahrzeugen auf E-Mobilität - nicht zuletzt aufgrund der Stickstoffdioxidbelastung in der Innenstadt. "Wir nutzen zum Beispiel auch das E-Carsharing-Angebot der EVL, in dem wir für Dienstfahrten solche Fahrzeuge einsetzen."

Finanziell deutlich gravierender für die städtischen Finanzen sei die künftige Entwicklung der Inflationsrate. "Das spüren wir zum Beispiel schon bei allen Bauprojekten, die wir aktuell laufen haben", erklärt der Stadt-Sprecher. "Die Kosten laufen uns teilweise davon. Die steigenden Kosten werden sicherlich auch durch die steigenden Treibstoffkosten beeinflusst, allerdings auch nur zu einem kleineren Teil."

Logistikbranche: "Das dicke Ende kommt erst noch", sagt der Leiter einer Limburger Spedition. Wie stark seine Branche von den steigenden Benzin- und Dieselpreisen betroffen ist, "das kann der normale Verbraucher gar nicht so begreifen". Der stehe an der Tankstelle und ärgere sich. Für Spediteure aber geht es um hohe fünfstellige Beträge, die beglichen werden müssen. Zwar bestünden Kundenvereinbarungen, um auf steigende Preise reagieren zu können. Aber die Verträge sehen einen Zeitpuffer vor und wirken nicht unmittelbar, sondern erst nach zwei Monaten. Konkret bedeutet das, dass jetzt auf dem Preisniveau von Januar abgerechnet wird, aber gleichzeitig die rasant nach oben gekletterten Spritkosten anfallen. Dazu kommt noch, dass die Spediteure ihren Kunden in der Regel ein Zahlungsziel von vier Wochen einräumen, sagt der Unternehmenssprecher. Mithin müssen drei Monate vorfinanziert werden. Das muss man erst mal leisten können.

Transportbranche: Ein noch düsteres Bild zeichnet Busunternehmer Walter Mrakawa aus Brechen. Seit mehr als 25 Jahre ist er im Geschäft und chauffiert mit seinen zwei Reisebussen Gruppen durch Deutschland und ins angrenzende Ausland. Nur sei dieses Geschäftsmodell schon durch Corona torpediert worden. Jetzt steigt auch noch der Spritpreis, und diese Mehrkosten müsse er an die Kunden weitergeben. "Wohin sich diese Spirale dreht? Ich weiß es nicht", sagt er. Die Rücklagen schrumpfen. Um das zu erkennen, "muss man kein Akademiker sein". Und selbst wenn sich die Situation eines Tages wieder entspannen sollte, "dann müssen wir erst mal wieder die Leute ins Auto kriegen". abv/dick/goe/sbr

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