Dr. Philipp Weckenbrock sowie David Hansen und Dr. Christopher Morhart (von rechts) begutachteten gestern den entstehenden Agroforst auf dem Flurstück in der Münsterer Straße 3 in Aumenau.
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Dr. Philipp Weckenbrock sowie David Hansen und Dr. Christopher Morhart (von rechts) begutachteten gestern den entstehenden Agroforst auf dem Flurstück in der Münsterer Straße 3 in Aumenau.

Aufbau eines Agroforst-Systems

Bäume auf dem Acker sollen Schlammflut verhindern

  • Rolf Goeckel
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Auf dem Gladbacher Hof bei Aumenau gehen Wissenschaftler gegen Bodenerosion vor.

Villmar -Der 5. Juli 2018 wird vielen Aumenauern wohl unvergessen bleiben. Nach sintflutartigen Regenfällen ergoss sich an diesem Hochsommertag eine Lawine aus Schlamm und Geröll von den Lahnhängen auf die Leistenbachstraße. Tonnen von Erde verteilten sich bis zu einen Meter hoch auf Straße und Eisenbahnstrecke und drückten gegen Häuserwände. Fahrzeuge blieben in dem Morast stecken, das Bistro im ehemaligen Bahnhof erwischte es besonders schlimm, weil die Fluten durch das Gebäude stürzten.

Das Unwetter richtete aber auch enorme Schäden auf dem weiter oben gelegenen Gladbacher Hof, dem Lehr- und Versuchsbetrieb für Ökologischen Landbau der Universität Gießen, an. Auf den Feldern in der Hanglage wurde ein großer Teil des nährstoffreichen, fruchtbaren Oberbodens einfach weggespült. "Dabei hatten wir noch Glück, dass der Mais schon groß genug war, um wenigstens einen Teil des Bodens zu halten", berichtet Dr. Philipp Weckenbrock, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Die bittere Erkenntnis: Extremwetter wie im Juli 2018 treten im Zuge des Klimawandels immer häufiger auf, voraussichtlich alle vier bis fünf Jahre. Eine potenziell fatale Entwicklung nicht nur für den Gladbacher Hof, der typisch ist für viele andere landwirtschaftliche Betriebe in Mittelgebirgslagen. Dabei, so Weckenbrock, müssten es nicht einmal 100 Liter Niederschlag pro Quadratmeter sein, die vor zweieinhalb Jahren innerhalb von nur einer Stunde über Aumenau niedergingen. Schon die Hälfte würde ausreichen, um starke Erosionsschäden anzurichten. "Dieser Entwicklung müssen wir etwas entgegensetzen", sagt Weckenbrock, der zusammen mit Kollegen seit dem vergangenen Jahr ein sogenanntes Agroforst-System auf dem Gladbacher Hof aufbaut, mit dessen Hilfe die Forscher Folgeschäden des Klimawandels in der Landwirtschaft möglichst gering halten wollen.

Bäume auf Feldern

wurden beseitigt

Agroforst klingt modern, ist aber im Grunde sehr alt, wie Weckenbrock berichtet. Kurz gesagt geht es darum, mit Hilfe von Bäumen die Bodenqualität zu verbessern, die Artenvielfalt zu erhöhen und schlussendlich Erosion zu verhindern. Das wohl bekannteste Beispiel für ein Agroforst-System sind traditionelle Streuobstwiesen, auf denen in früherer Zeit Obstanbau und Weidewirtschaft zugleich betrieben wurden und sich gegenseitig ergänzten.

Noch bis in die 1950er Jahre, sagt Weckenbrock, waren Bäume auf Feldern Standard in der Landwirtschaft. Das belegen alte Luftaufnahmen. Doch mit der Intensivierung der Agrarwirtschaft mussten die Feldbäume weichen, um Platz zu schaffen für den Einsatz großer Pflug- und Erntemaschinen. "Für das Fällen der Bäume wurden den Landwirten sogar Prämien gezahlt", erzählt Weckenbrock mit einem Anflug von Bitterkeit. "Aus heutiger Sicht kann einem das damalige Vorgehen die Tränen in die Augen treiben", sagt der Wissenschaftler.

Tränen vor allem deshalb, weil alles das, was in den 60er und 70er Jahren zerstört wurde, heute erst mühevoll wieder aufgebaut werden muss. 800 Bäume haben die Agrarier der Uni Gießen im vergangenen Jahr auf einer dreieinhalb Hektar großen Fläche des Gladbacher Hofes gepflanzt. In sechs Reihen wechseln sich jeweils 18 Meter breite Ackerstreifen mit drei Meter breiten Baumstreifen ab. "Die Baumreihen sind insgesamt einen Kilometer lang", so Weckenbrock.

Wertholzbäume

als Wertanlage

Gepflanzt wurden Pappeln, Apfelbäume und Wertholzarten wie Kirche, Walnuss, Birne, Elsbeere und Speierling. Drei verschiedene Systeme kommen dabei zum Einsatz: Jeweils eine Reihe Apfel- und Wertholzbäume sowie eine weitere Reihe, die aus einer Kombination aus Wertholz, Apfel und Pappeln besteht, wurden in die Erde gebracht. Alle drei Baumtypen erfüllen ihren besonderen wirtschaftlichen Zweck: Das Holz der Pappeln, deren untere Äste regelmäßig weggeschnitten werden sollen, soll unter anderem als Energielieferant dienen; die Äpfel sollen zu Apfelschorle für die Uni Gießen verarbeitet werden und die Wertholzbäume dienen, wie der Name andeutet, als Wertanlage, sozusagen als "Sparbuch" für kommende Generationen.

Aber auch die Funktionalität ist wohldurchdacht, wie Weckenbrock schildert. Die rasch in die Höhe schießende Pappel spendet genügend Schatten, damit sich die übrigen Bäume darunter gut entwickeln können. Während die Wertholzbäume später einmal zur Krone der Baumreihen heranwachsen sollen, werden die Apfelbäume den Mittelbau bilden. Und auf der untersten Etage sollen zusätzlich Holunderbüsche gepflanzt werden. Wenn die Pappeln in den kombinierten Baumreihen zu groß werden, werden sie in der Höhe beschnitten, damit sie den anderen Bäumen nicht zu viel Licht wegnehmen. Die 18-Meter-Breite der Ackerstreifen ist ebenfalls nicht zufällig gewählt, denn sie ist so bemessen, dass der Gladbacher Hof mit seinen sechs und neun Meter breiten Maschinen in drei beziehungsweise zwei Bahnen pflügen und ernten kann.

Moderne Agroforst-Systeme sind, wie Philipp Weckenbrock berichtet, bereits seit Jahren in Südamerika bekannt und mittlerweile auch in der gemäßigten Klimazone Deutschlands verbreitet. Neuland betritt der Gladbacher Hof allerdings mit der kombinierten Pflanzung verschiedener Baumarten in einer Reihe. "Wir wollen herausfinden, wie sie einzeln und zusammen wachsen", so Weckenbrock. "Die Hypothese dabei lautet, dass sie gemeinsam besser wachsen als alleine."

Dabei sollen die Baumreihen vielfältige Vorteile für das landwirtschaftliche Ökosystem erzeugen. Die tief in den Boden reichenden Baumwurzeln sollen Stickstoff aus dem Dünger nach oben transportieren und damit zum Grundwasserschutz beitragen. Mikrolebewesen sollen im Boden gedeihen, aber auch die Vielfalt der Tierarten, beispielsweise von Wandervögeln, die in den Bäumen leben, vergrößert werden. Durch das Wachstum der Bäume soll außerdem Kohlenstoff gespeichert und damit zur Verringerung des Treibhausgases CO2 beitragen werden. Das wichtigste Ziel aber ist, dass die sich ausbreitenden Baumwurzeln den Boden festhalten und damit Erosion bei Starkregen verhindern. All diese Vorteile haben dem Agroforst-System den Ruf einer "eierlegenden Wollmilchsau für die Landwirtschaft" eingetragen, sagt Weckenbrock.

Die Effekte der Ackerbäume vom Gladbacher Hof werden wissenschaftlich regelmäßig kontrolliert: Einmal pro Woche sind Weckenbrock und seine Kollegen an Ort und Stelle, um Bodenproben zu ziehen und die chemischen und biologischen Veränderungen in der Erde zu untersuchen. Dass es sich dabei um ein "Langristprojekt ohne Ende" handelt, liegt auf der Hand. Die Pappelbäume liefern frühestens nach drei bis acht Jahren genügend Holz zur Energiegewinnung, nennenswerte Erträge der Apfelbäume sind nach fünf, der Wertholzbäume nach 15 Jahren zu erwarten.

Somit ergibt sich nicht nur Arbeit für mehrere Forschergenerationen, sondern auch die nötige Zeit, um, wie Philipp Weckenbrock es nennt, "eine neue Denke" in der Landwirtschaft zu etablieren.

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