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Jacob Winter gelang die Verschmelzung der Wunderhorn-Lieder mit Leonhards Texten.

Matinee

Was den Bilderhauer Leonhard prägte

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Eine Matinee unter dem Titel „Gute Nacht! Ihr Marmelstein!“ im Villmarer Lahn-Marmor-Museum berührte. Die schrecklichen Erlebnisse des Villmarer Bildhauers Johann Peter Leonhard als Soldat in der Schlacht bei Waterloo genauso wie die dazu passenden Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“.

„Marmelstein“ ist ein alter Begriff für Marmor. Doch obwohl es in der Matinee „Gute Nacht! Ihr Marmelstein!“ um alte Erlebnisse und alte Kunst ging, war die Veranstaltung alles andere als von gestern.

Dr. Bernold Feuerstein – obwohl als Kind des Ruhrpotts „nur“ Zugereister – ist seit Jahren einer der aktivsten Villmarer Akteure, was Geschichte und Kunst angeht. So kam er auf die tolle Idee, zur Sonderausstellung über das Wirken der Villmarer Bildhauerfamilie Leonhard im Villmarer Lahn-Marmor-Museum eine Matinee zu entwickeln und Johann Peter Leonhards Aufzeichnungen über seine Erlebnisse als nassauischer Soldat bei der Belagerung von Mainz und der Schlacht bei Waterloo mit der Musik der Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ verschmelzen zu lassen. Gedichte, zwischen 1805 und 1808 von Clemens Brentano und Achim von Arnim veröffentlicht, von Gustav Mahler vertont und sehr gefühlvoll und gesanglich gekonnt vom Bariton Jacon Winter aus Wirbelau umgesetzt. Glänzend wurde er dabei von Martin Krähe – bekannt als renommierter Kirchenmusiker und Leiter der Weilburger Kreismusikschule – am Piano begleitet.

Winter hat auch einen besonderen Bezug zum Marmor. War sein lange Jahre in Limburg lebender und wirkender Vater Karl doch auch ein über die Region hinaus bekannter Bildhauer. Unter anderem die das Foyer der König-Konrad-Halle zierende Skulptur „Der Löwinnenwürger“ stammt aus seiner Hand. Jacob Winter war so sicherlich mit dem Herz dabei. Aber auch sein Können, schon früh bei den Limburger Domsingknaben geschult, führte dazu, dass Texte und Lieder im Villmarer Museum eine Symbiose eingingen. Manche Texte wirken, als hätte sie einer von Leonhards Soldatenkollegen kurz vor der Waterloo-Schlacht niedergeschrieben. „Des Morgens zwischen drei’n und vieren, da müssen wir Soldaten marschieren, das Gäßlein auf und ab, trallali, trallaley, trallalera“, heißt es beispielsweise in „Revelge“. Auch in anderen der Lieder werden das Greuel der Schlachten, die Tragik des Lebens und des Todes beschrieben. Johann-Peter Leonhards Aufzeichnungen sind auch etwas Besonderes. Er war zwar nur von 1813 bis 1817 einer von vielen Tausend Soldaten seiner Zeit, aber es gibt außer seinen nur ganz wenige Aufzeichnungen aus der Sicht eines einfachen Soldaten, die diese Ereignisse detailliert beschreiben.

So wird Geschichte lebendig, wenn Leonhard mit seinen Kameraden bei Waterloo nachts und nach Dauerregen im tiefen Morast auf das Signal zum Angriff warten muss. Rohes Fleisch essend, damit er nicht verhungert. Wer liest, wie Leonhard Todesangst hatte, irgendwann sogar den Gedanken hat, selbst lieber sterben zu wollen, als das Elend weiter erleben zu müssen, der kann eigentlich nur zur Erkenntnis kommen, dass jeder alles daran setzen sollte, dass künftig so wenig wie möglich mörderische Kriege auf dieser Welt entstehen. Dass es besser ist, die leuchtende Kraft der Kunst zum Seelenfrieden der Menschen leuchten zu lassen. Da ist es auch nicht entscheidend, dass Leonhard, wie Sprecher Wilhelm Lendle zu berichten wusste, kein Meister der deutschen Rechtschreibung war.

Willi Wabel gab in Villmar einen Überblick über Waterloo und seine Folgen. Leonhard lebte nach der Schlacht noch lange, bis zu seinem natürlichen Tod 1873 in seiner Wahlgemeinde Villmar. Insgesamt 25 Mitglieder der Familie setzten über acht Generationen hinweg Leonhards künstlerische Arbeit im heimischen Raum und in der fernen Welt fort.

1821 wurde Johann Peter Leonhard nach der Heirat mit Anna-Maria Krämer in die Liste der Villmarer Bürger aufgenommen. Drei Kinder gingen aus der Ehe hervor, auch wenn die Gattin bereits zehn Jahre nach der Hochzeit mit 33 Jahren verstarb. Wer sich dafür interessiert: der Gedenkstein an sie aus grauem Marmor von ihrem Gatten ist heute noch auf dem alten Villmarer Friedhof zu finden. Leonhard heiratete dann ein zweites Mal, die ledige Anna Maria Geis. Aus der Ehe gingen sieben weitere Kinder hervor. Wie die Forschungen der Villmarerin Lydia Aumüller ergaben, arbeitete Johann-Peter Leonhard mit mehreren Gesellen und später mit seinen Söhnen. Bekannt sind Marmorarbeiten an mehreren Schleusen im Lahntal und am Schiffstunnel in Weilburg sowie Arbeiten für die Schlösser Dehrn, Neuwied, Koblenz, Biebrich, Karlsruhe und Hohenzollern-Hechingen. Auch die Marmorausstattung im Inneren der Russischen Kirche auf dem Neroberg in Wiesbaden ist ein Zeugnis der Handwerkskunst des Villmarer „Marmorierers“ Johann-Peter Leonhard und seiner Söhne. Die Kirche wurde 1849 bis 1855 als Grabeskirche für die jung verstorbene Nassauische Herzogin und russische Großfürstin Elisabeth Michajlowna erbaut.

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