npo_nachsorge_191120
+
Bürgermeister Matthias Rubröder (rechts) besuchte die Nachsorgestation Villmar mit (von links) Vereinsvorstand Panja Schweder, Einrichtungsleiter Ulrich Büchler und Vorstand Janin Schuett.

Festakt zum Jubiläum fällt aus

Der schwere Weg zurück in ein normales Leben

  • Rolf Goeckel
    vonRolf Goeckel
    schließen

Nachsorgeeinrichtung in Villmar bereitet seit 30 Jahren Menschen auf die Zeit nach der Sucht vor.

Villmar -Ein Festakt mit Tag der offenen Tür sollte es ursprünglich sein, Corona ließ jetzt nicht mehr als ein kleines Treffen zu: Der Verein für Integration und Suchthilfe, Nachfolgeverein der Jugend- und Drogenberatung Limburg, feiert in diesen Tagen das 30-jährige Bestehen der Nachsorgestation für suchtkranke Menschen in der ehemaligen Brauerei in Villmar. An dem Treffen nahmen der Leiter der Nachsorgestation Ulrich Büchler, die Vorstände des Trägervereins, Panja Schweder und Janin Schuett, sowie der Villmarer Bürgermeister Matthias Rubröder (CDU) teil.

Derzeit werden auf dem Gelände in der König-Konrad-Straße zehn Männer und fünf Frauen, die ihre Alkohol- oder Drogensucht überwunden haben, auf ein Leben ohne Suchtmittel vorbereitet, erläuterte Einrichtungsleiter Büchler. "Wir sind das Ende einer längeren Behandlungskette, die mit der Entgiftung beginnt, der sich eine medizinische Reha anschließt und bis zur sozialen und berufsintegrativen Nachsorge reicht", sagte er. In den 30 Jahren seit Bestehen der Nachsorgestation in Villmar wurden laut Büchler etwa 600 Klienten betreut, 20 bis 30 pro Jahr.

Die wenigsten Menschen, die in Villmar in ein geregeltes Leben zurückkehren wollen, kommen aus dem Landkreis Limburg-Weilburg, sondern aus dem gesamten Bundesgebiet, vorwiegend aber aus Hessen. Das, so Büchler, habe einen guten Grund: Die Süchtigen trennen sich häufig vollständig von ihren Herkunftsfamilien, in denen sie in die Abhängigkeit geraten sind. "Bei uns müssen sie sich sozial und beruflich neu orientieren", erläuterte der Stationsleiter. "Ob sie jemals wieder in ihre Familien zurückkehren, entscheiden sie hinterher selbst." Wichtig sei in jedem Fall die Emanzipation von ihrem bisherigen Leben, in dem sie nahezu alle Gewalt und Missbrauch erfahren hätten.

Um das zu ermöglichen, müssen sich die Suchtkranken wieder an ganz alltägliche Dinge gewöhnen, die für die meisten Menschen selbstverständlich sind: Selbst einkaufen gehen, Wäsche waschen und - ganz wichtig - Essen kochen und geregelte Mahlzeiten einnehmen. Darüber hinaus erhalten sie in der Villmarer Einrichtung auch Unterstützung beim Abbau von meist hohen Schulden und bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen. "Viele leiden unter Zwangsstörungen, Kontrollverlust oder leben in einer Parallelwelt", berichtete Büchler.

Auch erste Erfahrungen mit der Arbeitswelt können die 20- bis 60-jährigen Klienten in Villmar machen. Bereits vor 35 Jahren wurde das Projekt "Job & Work" gestartet, das vorübergehend mit der Nachsorge unter dem Namen "Arbeit und Wohnen" vereint war, bis es dann unter dem neuem Namen Job & Work vor 18 Jahren in die König-Konrad-Straße 11 umzog.

VIS-Vorstand Panja Schweder wandte sich an die Villmarer Bürger, "denen wir zu verdanken haben, dass wir hier sitzen". In den letzten 30 Jahren habe es - von Ausnahmen abgesehen - nie Probleme mit Bewohnern der Nachsorgeeinrichtung und den Mitarbeitern von Job & Work gegeben, bestätigte auch Bürgermeister Rubröder. Zwar habe es anfänglich in Teilen der Bevölkerung durchaus Vorbehalte gegen die ehemals suchtkranken Bewohner gegeben, "das hat sich aber schnell erledigt, weil es gut funktioniert". Auch Büchler dankte der Gemeinde Villmar und ihren Bürgern, ohne deren Bereitschaft, sich für Integration und Inklusion von Suchtkranken zu öffnen, eine solche Einrichtung nicht denkbar wäre. Nicht wenige Bewohner hätten in Villmar erstmals überhaupt das Vereinsleben kennengelernt, und manche fühlten sich so wohl, dass sie in Villmar eine neue Heimat gefunden hätten. Büchler verschwieg allerdings nicht, dass es auch schon zu "unschönen Szenen", zum Beispiel verwüsteten Wohnungen, gekommen sei. Das aber seien Ausnahmen. "Wir wollen nicht auffällig sein, sondern streben ein normales nachbarschaftliches Miteinander an." Dankbar zeigte sich der Leiter auch dafür, dass immer wieder Kinder von Bewohnern in den Kitas der Gemeinde betreut werden können.

"Wegsperren

wäre teurer"

Die Corona-Pandemie ging auch an der Villmarer Nachsorgeeinrichtung nicht spurlos vorüber, wie Büchler schilderte. Im Frühjahr durften die Bewohner die Einrichtung nicht verlassen, Besuche waren nicht erlaubt. Vorübergehend habe es sogar einen Aufnahmestopp gegeben, und auch das Freizeitangebot sei stark zusammengestrichen worden.

Zufrieden äußerte sich Büchler über den Erfolg seiner Einrichtung. Zwischen 60 und 70 Prozent der Bewohner gelinge der Weg zurück in ein normales Leben. Dass Nachsorge nicht ganz billig ist, verhehlte der Stationschef nicht. Allerdings: "Wegsperren und Maßregelvollzug verursachen höhere Kosten." Insofern sei die Villmarer Nachsorge eine "sehr gute Investition".

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare