Sudetendeutsche in Hessen

Flüchtlinge erfolgreich integriert

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Vertreibung, Flucht und Integration – Themen, die heute so aktuell sind wie vor 70 Jahren.

70 Jahre ist es nun her, dass die Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland mit Zügen in Weilmünster oder am Villmarer Bahnhof ankamen, um vom dortigen Lager am Steinbruch aus auf ihre neuen Heimatorte verteilt zu werden. Vor 20 Jahren wurde auf Initiative des Bundes der Vertriebenen (BdV), der Ackermann-Gemeinde, der „Egerländer Gmoi“ und der Katholischen Pfarrgemeinde „St. Peter und Paul“ eine Statue des heiligen Johannes von Nepomuk als Zeichen für

Völkerverständigung

auf der Villmarer Lahnbrücke aufgestellt. Über diese Brücke mussten 1946 die Heimatvertriebenen auf den Weg in ein neues Leben laufen. Bei einer Gedenkfeier am Sonntagabend auf der Brücke wurde daran gedacht.

Die Vertriebenen blicken, wie Organisator Franz Krotzky, Ehrenvorsitzender des BdV-Kreisverbandes, sagt, nicht im Zorn auf das erlittene Unrecht zurück. Sie haben sich für den Weg der europäischen Versöhnung entschieden. Darum arbeiten sie seit Jahren an der Partnerschaft von Marktflecken und Pfarrgemeinde Villmar mit der tschechischen Stadt Grulich mit. „Die Gedenkstätte auf der Villmarer Brücke soll dazu beitragen, die Kenntnis der historischen Wahrheit zu verbreiten, damit künftige Generationen sie zur Erhaltung von Recht und Frieden verwenden können“, sagte der 89-jährige Krotzky.

Johannes von Nepomuk ist ein Vorbild der Vertriebenen, weil er seine entschiedene Haltung für Wahrheit und Recht auch nicht aufgab, als ihm dafür das Todesurteil durch König Wenzel drohte. Darum wurde er in die Moldau gestürzt und kam dabei ums Leben.

Der früherere Villmarer Pfarrer Günter Daum erinnerte an die Einweihung der Villmarer Gedenkstätte durch den Limburger Weihbischof Gerhard Pieschl. Daum freut sich, dass die Perspektiven zum Nachbarland Tschechien mittlerweile sehr hoffnungsfroh seien. Auch die Freundschaft zwischen Grulich und Villmar existiere nun schon genau seit 20 Jahren. Margarete Ziegler-Raschdorf, Beauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, sagte am Sonntagabend: „Durch die Errichtung der Brückenstatue wurde eine bleibende Gedenkstätte geschaffen, die für jeden Vorübergehenden sichtbar ist. Und die Brücke ist bewusst als ein Symbol für die

Völkerverständigung

in Wahrheit und Recht zu verstehen.“ Die große Zahl der Gäste zeige, dass sich die Villmarer mit ihrem Nepomuk identifizierten. Ihre Teilnahme sei auch ein Zeichen des Mitgefühls für das Schicksal der Vertriebenen. Ziegler-Raschdorf sagte: „Die Aufnahme der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen vor 70 Jahren war schwierig. Sie waren bei den Einheimischen nicht willkommen.“ 1946 seien 330 000 Sudetendeutsche in Zügen nach Hessen transportiert worden. Auf die erfolgreiche Eingliederung der Vertriebenen in unsere Gemeinschaft ohne gesellschaftliche Spaltung oder Gewaltausbrüche könnten wir stolz sein, so die Landesbeauftragte.

Als Gastredner hatte Krotzky den Frankfurter Domkapitular und Pfarrer Johannes Graf zu Eltz gewinnen können. Der sagte, die in Deutschland feststellbare Tendenz, dass Gesellschaftsgruppen nur von eigenen Leuten umgeben sein wollen, sei der genaue Gegenentwurf zur Lehre Gottes. Er rief dazu auf, eng zusammenzustehen und weiter klare Haltung zu beweisen. Kreisbeigeordneter Thomas Werner (CDU) nannte die Gedenkfeier ein Zeichen des neuen nachbarschaftlichen Miteinanders. In Zeiten von Kriegen und Krisen seien Partnerschaften wie zwischen Villmar und Grulich besonders wichtig. Hier im Kreis sei die Unterstützung für die aktuellen Flüchtlinge vorbildlich.

Der Vorsitzende der Gemeindevertretung, Ludger Behr (CDU), lobte die menschliche Größe der Vertriebenen des Zweiten Weltkrieges: „Sie wollten keine Rache, sie tragen bis heute zu einem vereinten Europa bei.“ Behr wünscht sich mit Blick auf die aktuellen Flüchtlingsströme bald Zeiten, in denen der Begriff Flüchtlinge nur noch in Geschichtsbüchern und nicht mehr in der Gegenwart existiert. Peter Hoffmann von der Ackermann-Gemeinde sagte, die jährliche Gedenkfeier soll die Flamme der

Völkerverständigung

weitertragen. Die Feier umrahmte musikalisch das Sakrale Villmarer Blechbläserensemble unter der Leitung von Ulrich Schmidt.

(rok)

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