Baby
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In Limburg steht ein Vater vor dem Landgericht, weil er sein Baby geschüttelt hat. (Symbolbild)

Prozess

„Menschlich versagt“: Mann schüttelt Baby, das nun für immer behindert ist

  • VonAnken Bohnhorst-Vollmer
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Ein Vater aus Villmar schüttelt sein Baby, es erleidet deswegen für immer eine schwere Behinderung. Vor dem Landgericht Limburg läuft das Verfahren.

Limburg/Villmar – Am fünften Verhandlungstag vor dem Landgericht räumt der Angeklagte endlich ein, was die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft und was bis dahin bereits mehrere Fachleute mit ausführlichen medizinische Gutachten und Bildern haben bestätigt haben. Ja, sagt der 34-jährige Mann leise, „ich habe mein Kind geschüttelt, aber nicht lange“. Er habe dem damals fünf Monate alten Baby nichts antun wollen. „Ich habe in dem Moment menschlich versagt“, sagt er. Die Betreuung des Kindes habe ihn an jenem Nachmittag überfordert. Die Folgen dieser Überforderung sind dramatisch: Das erlittene Schütteltrauma hat dem Kind eine schwere Hirnschädigung zugefügt; es wird zeitlebens geistig behindert sein. Zudem ist es blind und halbseitig gelähmt. Sitzen, krabbeln oder gehen wird der Junge nie können.

Für diese zerstörte Lebensperspektive muss sich der Angeklagte jetzt verantworten. Denn er hat nach Überzeugung von Staatsanwaltschaft und Gutachtern am 10. Februar vergangenen Jahres innerhalb von nur 30 Minuten die Grenze seiner Frustrationstoleranz überschritten. Weshalb er derart rasant überfordert war, kann er dem vorsitzenden Richter Marco Schneider nicht erklären. Der sagt, „Überforderungen bauen sich normalerweise über Wochen und Monate auf“, nicht aber über wenige Minuten. Eine Antwort darauf hat der Angeklagte nicht.

Prozess in Limburg: Vater fühlte sich mit Baby überfordert

Er wiederholt, was er bei seiner ersten Einlassung gesagt hatte: Seine Lebensgefährtin und Mutter des Kindes verließ an diesem Nachmittag die Wohnung in einem Ortsteil von Villmar, um in Limburg Besorgungen zu machen. Das Baby hatte sie zuvor versorgt und ins Bett gelegt. Er habe eine Bong rauchen und sich dann ebenfalls ausruhen wollen. Nur wurde daraus nichts, weil das Baby aufwachte und zu schreien begann. Das habe ihn gestresst. In einer Sprachnachricht an die Mutter sagt er, „ich hasse das“.

Die Versuche, das Kind zu beruhigen scheiterten, weshalb er den Kleinen aus dem Bett nahm, nach seinen Angaben stolperte und auf das Kind fiel. Weil das Baby nach diesem Sturz merkwürdig atmete, die Augen verdrehte und einen Krampfanfall zu erleiden schien, habe er es geschüttelt. Danach lief er mit dem reglosen Kind zu den Nachbarn, die den Notarzt alarmierten. Dem habe er nicht gesagt, dass er sein Kind geschüttelt hatte. Er habe unter Schock gestanden, betont der Angeklagte.

Limburg: „Schädigungsgrad“ des Babys beinahe tödlich

Dass der Vater mit seinem Kind tatsächlich gestürzt sein könnte, schließt auch Professor Reinhard Dettmeyer, Facharzt für Rechtsmedizin und Pathologie an der Uniklinik Gießen, mit seinem Gutachten nicht aus. Allerdings spricht nach seiner Einschätzung für diese Variante „gar nichts“, zumal weder Vater noch Kind Sturzverletzungen aufwiesen. Auch ein einmaliges Rütteln des Kindes hätte nicht zu den vorliegenden Schäden geführt.

Wissenschaftlichen Studien zufolge treten schwere Schütteltraumata bereits nach fünf bis zehn Sekunden auf, wenn das Baby mit großer Gewalt 10 bis 30 Mal geschüttelt wird, berichtet Dettmeyer. Der „Schädigungsgrad“ des Jungen aus Villmar sei beinahe tödlich gewesen. Überlebt habe der Junge vermutlich nur, weil der Kopf nicht ausschließlich vorwärts und rückwärts geschleudert sei. Vielmehr hätte Rotationsbewegungen den Tod verhindert.

Das Verfahren vor dem Landgericht wird am Donnerstag, 2. September, um 9 Uhr im Sitzungssaal 129 fortgesetzt. Dann werden vermutlich die Schlussvorträge von Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung gehalten. (Anken Bohnhorst-Vollmer)

Vor zehn Jahren erleidet ein Kleinkind in einem Krankenhaus einen schweren Hirnschaden. Schuld daran trägt das Klinikpersonal, wie das Landgericht Limburg urteilt.

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