Bombolo im Zwiegespräch mit seiner Skulptur Covid-19.
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Bombolo im Zwiegespräch mit seiner Skulptur Covid-19.

Ungewöhnliche Kunst

Langhecke: Das Coronavirus aus Wellpappe zum Anschauen

Künstler Bombolo hat drei neue Skulpturen "Covid-19" geschaffen

Langhecke -Es ist still auf der Schieferhalde in Langhecke. Stiller als früher. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie gibt es keine Einladungen mehr und keine fröhlichen Feste. Stattdessen entsteht neue Kunst in Zeiten von Corona: "Covid-19, 1 bis 3" sind die drei neuen Skulpturen betitelt, die der Künstler Bombolo überwiegend aus mehrlagiger verleimter Wellpappe geschaffen und mit bunten Drähten und Dekor verziert hat. Köpfe angefüllt mit Corona: mit Angst und Ungewissheit über eine Situation, auf die bisher noch niemand eine Antwort gefunden hat. Bombolo mit dem Geburtsnamen Norbert Graubner lebt seit 2011 am Ortsausgang von Langhecke auf 750 000 Quadratmetern Gelände, Dreiviertel davon sind Schieferabraum und ein kleines Waldstück, ein Viertel stehen für einen weitläufigen Garten sowie Hoffläche und mehrere Gebäude zur Verfügung.

Geboren wurde der europaweit bekannte Maler und Bildhauer 1947 in Weinbach. Er absolvierte eine Ausbildung zum Koch und leitete ab 1970 renommierte Restaurants mit französischer Küche - bis er sich 1983 aufmachte, die Welt zu erkunden. Es folgten Studienaufenthalte in der ganzen Welt, intensive Zeiten in einem japanischen Zen-Kloster und dann 29 Jahre Leben auf seiner Finca auf Mallorca.

Irgendwann hat er auch einen 1905 in England gebauten Lotsenkutter, den zeitweise Ernest Hemingway segelte, restauriert: Die Fair Down liegt heute im Museumshafen von Flensburg. Das Spaltschieferhaus in Langhecke hat Bombolo 2007 gekauft und restauriert, endgültig dorthin umgesiedelt ist er vier Jahre später. "In Zeiten von Corona ist mein Tagesablauf in etwa der gleiche, wie auch vorher", gewährt er einen Einblick in seinen Alltag, "wenn es nicht diese unheimliche Bedrohung gäbe, wäre diese Zeit für mich und meine Kunst eine luxuriöse Zeit, weil eine unglaubliche Ruhe eingekehrt ist."

Wenige Besucher finden derzeit den Weg auf die "Schiwwerkaut", wie der hessische Volksmund sagt, aber einmal in der Woche kommt Imker und Musikerfreund Rudi Maurer und schaut nach seinen Bienen, die hier einen idealen Lebensraum vorfinden und hochwertigen Honig produzieren.

Konzentriert und diszipliniert

In dieser "guten Zeit der Reflexion" habe er auch mehr Zeit, sich neben seiner Kunst den vielen Pflanzen zu widmen und die Schönheit des Anwesens zu genießen, verrät Bombolo. Derzeit dominiert die pralle Pracht der Kletterrosen, die überall an den Gebäuden gepflanzt sind und durch gelenkte Wuchshilfen und gute Pflege wunderbar gedeihen.

Im Atelier startet der Tag morgens nach sechs Uhr mit einem starken Kaffee. Dann wird an Bildern oder Plastiken gearbeitet - bis zu acht Stunden lang, konzentriert und diszipliniert. Nur der Sonntag sei ihm heilig, sagt Bombolo, das sei noch wie zur Zeit seines Lebens in Spanien. Dort hat er gemalt und ausgestellt - und war sehr gefragt als Künstler und auch als Mensch. "Mit Freunden an einem Tisch am Meer zu sitzen und etwas Schönes zum Essen zu genießen - das vermisse ich sehr", sagt Bombolo. Und muss auch gleich an seinen Freund Udo denken, mit dem er in der letzten Zeit sonntags gerne zu Mittag gegessen hat. Und der vor kurzem viel zu früh in Folge eines schweren Sturzes verstorben ist.

Galerist aus Spanien "fliegt ein"

Ist es Zufall, auf der Suche nach Spuren aus Bombolos Vergangenheit jetzt gerade einen Katalog aufzuschlagen, auf dessen Seite zwei zu lesen ist: "Herzlichst Udo zugedacht, 19. Februar 2019"? Es ist ein Katalog zur Ausstellung "Baumträume, Traumbäume" vom November 2018 bis Januar 2019 im Weilburger Museum Rosenhang. Und jetzt ist Udo nicht mehr da und nur Erinnerung und Trauer bleiben noch.

Traurig gleitet auch der Blick über die Wälder, wo das Nadelgehölz ausgedörrt im Mischwald steht und das Baumsterben voran schreitet. "Ich liebe hier die Natur und ihre vier Jahreszeiten besonders, das gibt es so ausgeprägt in Spanien nicht", sagt Bombolo. Dorthin ist er kurz vor Corona wieder einmal zu einem Besuch aufgebrochen, und überall freuten sich die Freunde und Bekannten, ihn zu treffen. Auch der Galerist, mit dem er in Puerto Andratx viele Jahre lang sehr erfolgreich zusammen gearbeitet hat. Die Zusammenkunft und die Erinnerungen führten dazu, dass dieser Galerist wenig später in Langhecke "einflog" und sich einen großen Fundus an Bildern und Skulpturen aussuchte, um diese in einer Vernissage und später über Jahre verteilt in wechselnden Ausstellungen in der Galerie zu zeigen. Nun warten die Arbeiten auf den Transport in den Süden.

Seiner damaligen "Heimatgemeinde" Andratx hat Bombolo auch 2019 seine umfangreiche Privatsammlung von Werken zeitgenössischer spanischer Künstler geschenkt. Der nächste Schritt sei nun das Begleiten eines Katalogs und danach die offizielle Übergabe mit einer großen Ausstellung - aber auch das warte auf die Zeit "nach Corona", so Bombolo.

Den drei Skulpturen "Covid-19 1 bis 3" in die Gesichter zu schauen, beeindruckt: dicke Lippen, fragende Augen und lange Auswüchse aus dem Kopf ragend. Alles eingebettet in ein beeindruckendes Gewirr von Schnüren. Werner Krüger - bekannter Kurator, Kunstkritiker und Autor zahlreicher Kunstbücher und Kunstartikel - nennt Bombolo einen "durch Tag und Nacht weitgereisten Tibeter-Buddha-Khan, Erfinder und Beherrscher von Kraken, Dämonen, Monstern, Alb, Nachtmahren und Ich-Es-Du-Seelen".

Geflecht von symmetrischen Zellen

Und mit dem Material Pappe, aus denen die Covid-Plastiken entstanden, beschäftigte sich María José Corominas aus Barcelona anlässlich einer früheren Ausstellung. Sie sieht die aus einem Baum und seiner Rinde gewonnene Pappe als ein eher "bescheidenes Material" an, "das nach der Verarbeitung in seinem Inneren ein Geflecht von symmetrischen Zellen" berge, etwa wie in einer Bienenwabe. Ein gleichzeitig anregendes und geheimnisvolles Material, weil "wir zwar die Öffnungen der kleinen Zellen erkennen können, ihr Inneres jedoch vor unseren Blicken verborgen bleibt, was unserem Vorstellungsvermögen einen gewissen Freiraum beschert".

Dazu komme eine gewisse Sinnlichkeit des Materials, das im Alltag einen funktionalen Nutzen als Verpackung besitze, der Künstler Bombolo aber verleihe ihm in seinen Plastiken eine Hauptrolle. Corominas beschreibt weiterhin, dass Bombolo nicht nur expressive Köpfe und Torsen aus Wellpappe geschaffen habe, sondern auch ganze Figuren und Vögel prähistorischen Charakters: "Bombolo ist ein Künstler, der das Schlichte und Bescheidene an den Dingen, aber auch den Wert der Verschiedenartigkeit liebt. Werte, die er auf seinen Reisen durch die ganze Welt erlernt hat. Das Wertvollste am Leben findet sich für ihn in den kleinen Dingen, und er ist so sehr authentisch."

Neben den Skulpturen sind in der letzten Zeit auch viele neue Gemälde entstanden, teils abstrahiert, teils realistisch. Aber allesamt enorm farbenprächtig. Und etliche greifen Themen auf, die Bombolo seit Beginn seines kreativen Schaffens begleiten: die Natur und der Mensch - und die Gefahr, die vom Menschen für die Natur ausgeht.

Und er fügt an: "Worüber ich viel nachdenke, ist: Wie viele Menschen - Künstler, Geschäftsleute, Gastronomen - verlieren jetzt aufgrund von Corona ihre Existenzgrundlagen? Meine große Hoffnung ist, dass dieses Innehalten vielleicht über die Coronazeit hinaus die Menschen bewusster und nachdenklicher macht und sie beispielsweise nachhaltiger mit unseren Ressourcen umgehen lässt." (Margit Bach)

Die aktuellen Entwicklungen der Corona-Pandemie lesen Sie in unserem News-Ticker zu Corona in Hessen.

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