Franz-Josef Sehr ausgezeichnet

„Mister Feuerwehr“

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Franz-Josef Sehr (64) aus Obertiefenbach ist mit dem diamantenen Leistungsabzeichen der Feuerwehr ausgezeichnet worden.

Die Scheune des landwirtschaftlichen Betriebes brennt, die Flammen schlagen immer höher. Die Brandschützer sind informiert. Der 16-jährige Sohn des Hauses fragt sich: „Wo bleiben die denn?“ Es dauert ihm alles viel zu lange. Der junge Mann von damals ist kein Feuerwehrhasser geworden, sondern hat die „Ich-mach-es-besser-Haltung“ entwickelt. Mittlerweile ist der 64-Jährige Franz-Josef Sehr eine der Lichtgestalten der regionalen Feuerwehrszene. Ehemaliger Chef des Kreisfeuerwehrverbandes, Bundesverdienstkreuzträger. „Du bist für mich der Kreisfeuerwehrmann“, sagte Erster Kreisbeigeordneter Helmut Jung (SPD), als er Sehr nach der Kreisleistungsübung in Villmar das diamantene Leistungsabzeichen für 50-malige Teilnahme an Leistungswettkämpfen ansteckte.

Mit seiner Sportlichkeit sei Sehr ein großes Vorbild. Auch wenn er Ende des Jahres aus Altersgründen seine aktive Feuerwehrzeit beenden muss und folglich in Villmar zu seinem letzten Kreisentscheid antrat, trainiert er immer noch täglich. Am liebsten geht er schwimmen. Als Sehr in die Obertiefenbacher Wehr ging, war sein Onkel Jakob Mai stellvertretender Ortsbrandmeister. Hilfe für andere war ihm schon damals ein wichtiges Anliegen. Als der gelernte Kaufmann und spätere Abteilungsleiter beim Bistum Limburg seinen Dienst begann, herrschten andere Zeiten. Mit einem alten Opel Blitz wurde zu Einsätzen gefahren; oft sprang das Gefährt nicht an. „Über Hilfeleistungsfristen hat da noch keiner nachgedacht“, erzählt er.

Mit Unfällen auf der B 49 hatte die Wehr Obertiefenbach mit ihren damals 20 Aktiven noch nichts zu tun. Dafür waren die Limburger und Weilburger Kameraden verantwortlich. Zu schaffen machten den Obertiefenbacher damals heftige Brände, denn die landwirtschaftlichen Betriebe waren noch mitten im Dorf. Aus heutiger Sicht ist es für Franz-Josef Sehr abenteuerlich, unter welchen Bedingungen in diesen Jahren Brandschutz betrieben wurde. Die Feuerwehrleute trugen im Einsatz einen Blaumann, der laut Sehr alles andere als schwer brennbar war. Handschuhe wurden gar keine benutzt, Wehrleute kamen in Freizeitschuhen oder Gummistiefeln. Schwer verletzt hat sich zu Sehrs Zeiten in Obertiefenbach dennoch keiner. „Aber gezieltes Löschen war ohne Atemschutz nicht drin, weil wir nicht nahe an die Brandherde herangehen konnten.“

Er weiß auch noch gut, wie er als 17-Jähriger in Aumenau seine erste Feuerwehrleistungsübung absolvierte. Als Schlauchtruppmann wurde er Kreissieger mit seiner Löschgruppe. Fragebögen gab es nicht, nur eine praktische Übung. Wasser mussten die Obertiefenbacher aus der Lahn holen, Schläuche ausrollen, Hindernisse überwinden und zuletzt mit dem Strahlrohr drei Fallklappen umlegen. „Damals waren wir noch heiß, alles gewinnen zu wollen“, sagt er.

Der Obertiefenbacher war als erfolgreicher Leichtathlet, Triathlet und TuS-Fußballer ehrgeizig. 1993 dann ein Triumph, mit dem keiner gerechnet hatte. Die Obertiefenbacher Wehr nahm in Berlin zum dritten Mal an der Feuerwehr-Olympiade teil. Die nationale Qualifikation war kein Problem. Doch beim Finale warteten als Gegner Ostberliner, die zu DDR-Zeiten zur Nationalmannschaft gehört hatten. Berufsfeuerwehrleute, die monatelang während des Dienstes gezielt mit Vollgas trainiert hatten. Die Obertiefenbacher wollten mit aller Macht die Sensation schaffen, doch es war wie David gegen Goliath. Sehr, ehemaliger Kreismeister im 100-Meter-Sprint, hetzte am Ende die Leiter in den dritten Stock eines Wohnhauses hoch, als ginge es um sein Leben. Erster. Plötzlich waren seine Kameraden und er

Olympiasieger

der Feuerwehrleute.

Während in den darauffolgenden Jahren viele Kameraden aufhörten, machte Franz-Josef Sehr immer weiter. „Ich bin in jungen Jahren bei uns in Obertiefenbach schon Wehrführer geworden“, sagt er: „Ich kann doch von anderen nicht verlangen, immer da zu sein, wenn ich selbst nicht da bin.“ Nebenbei wurde „Mister Feuerwehr“, wie ihn Kumpels gerne nennen, acht Mal Kreis- und zwei Mal Bezirksmeister bei Leistungsübungen. Am letzten Wochenende wurde die Obertiefenbacher Wehr beim Kreisentscheid in Villmar „nur“ Dritter, qualifizierte sich trotz Punktgleichheit mit dem Zweiten wegen eines Knotenfehlers nicht für den Bezirksentscheid. Somit endete die Karriere von Franz-Josef Sehr als Feuerwehrwettkämpfer. Er nahm es mit Humor. „Dann habe ich Zeit für unser Weinfest“, meint er lachend.

Ganz ohne Feuerwehr wird und kann Sehr aber auch künftig nicht sein. „Feuerwehr ist mein Leben“, sagt der 64-Jährige. Seiner Frau Hedi ist er dankbar, dass sie dafür über Jahrzehnte auf vieles Private verzichtet hat. Nun ist sie stolze Frau des einzigen heimischen diamantenen Leistungsabzeichenträgers.

(rok)

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