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Pfarrkirche ist St. Peter und Paul Villmar zwar nicht mehr, Gottesdienste werden hier aber auch in Zukunft noch gefeiert.

Kirche

Interview mit dem PGR-Vorsitzenden Marc Schütz über das schwierige Verhältnis zu den Villmarer Katholiken

 Im Gespräch mit NNP-Redakteur Rolf Goeckel räumte der soeben neu gewählte Pfarrgemeinderatsvorsitzende Marc Schütz ein, dass die Pfarreiwerdung seit einer umstrittenen Entscheidung von Bischof Tebartz-van Elst vorbelastet war.

NNP: Die Gründung der neuen Großpfarrei Heilig Geist Goldener Grund Lahn zum 1. Januar wird am Sonntag mit einem offiziellen Akt gefeiert. Wie beurteilen Sie den Zusammenschluss von neun bisher selbstständigen Pfarrgemeinden zu einer?

MARC SCHÜTZ: Auslöser für das Konzept der Pfarrei neuen Typs war die zurückgehende Priesterzahl und die Überzeugung von Bischof Tebartz-van Elst, dass nur Priester Pfarreien leiten können oder dürfen. Unter Bischof Kamphaus waren ja auch hauptamtliche Laien als Pfarrbeauftragte eingesetzt. Man kann also durchaus kritisch diesem Prozess und dem priesterzentrierten Gemeindebild, das hier zugrunde liegt, gegenüberstehen. Nichtsdestotrotz ist es jetzt einfach so. Mit der Kommunalreform vor über 40 Jahren hat man ja einen ähnlichen Schritt unternommen. Niemand der Beteiligten hat sich den Prozess selbst ausgesucht, wir müssen aber das Beste daraus machen. Und es gab auch viel Gutes in den letzten Jahren, zum Beispiel die Namensgebung der Pfarrei Heilig Geist Goldener Grund Lahn. Auch die gemeinsame Arbeit in den Projektgruppen, die den Text der Gründungsvereinbarung erarbeitet hat, war sehr schön. Langfristig müssen wir daran arbeiten, wie trotz der Veränderungen die Kirche im Dorf bleiben kann. Als Gebäude bleibt sie es, als Gemeinde hoffentlich auch.

Dem Zusammenschluss ging ein längerer sogenannter Pfarreiwerdungsprozess voraus. Halten Sie diesen für gelungen und abgeschlossen?

SCHÜTZ: Bisher ist die Pfarreiwerdung nur formal erfolgt. Weihbischof Dr. Thomas Löhr hat schon im April letzten Jahres gesagt, dass die eigentliche Pfarreiwerdung am 1.1. 2019 beginnt. Jede der ehemals neun selbstständigen Pfarreien hat etwas aufgegeben. In einem Veränderungsprozess muss man möglichst viele Menschen mitnehmen; alle wird man aber nie mitnehmen können. Die Entscheidung von Bischof Tebartz für Villmar als Sitz der Pfarrgemeinde beruhte auf einem Bauchgefühl. Rückblickend würde ich sagen, dass durch das Vorgehen von Bischof Tebartz in unserem Fall das Projekt, wie man bei uns sagt, „in de Brout verdorbe“, also vorbelastet war. Bei der Prüfung der fachlichen Kriterien kam man dann zu einem anderen Ergebnis.

Kritik hatte es vor allem aus Villmar gegeben: Dessen Pfarrgemeinderat hielt bereits im Frühjahr 2018 den Pfarreiwerdungsprozess für gescheitert und weigerte sich bis zuletzt, die Gründungsvereinbarung der neuen Pfarrei zu unterschreiben. Wie sehr belastet die Villmarer Haltung die neue Pfarrgemeinde?

SCHÜTZ: Natürlich schmerzt es alle, die in diesen Prozess eingebunden sind. An der Gründungsvereinbarung haben aber schließlich auch Villmarer in den einzelnen Projektgruppen mitgearbeitet. Und wir hoffen, dass auch zum Gründungsgottesdienst viele Villmarer Gläubige kommen. Es ist schließlich ein Neuanfang eines sicherlich nicht einfach zu gestaltenden gemeinsamen Weges. Wir haben im Pastoralausschuss überlegt, wie wir die Bedürfnisse und Anliegen der Villmarer Gläubigen berücksichtigen können, auch wenn keine Villmarer anwesend sind. Viele Dinge wie Erstkommunion und Firmvorbereitungen laufen ja schon auf der Ebene der neuen Pfarrei weiter – und sie laufen gut. Es gibt seit vielen Jahren gemeinsame Aktivitäten zwischen den kirchlichen Gruppen und Vereinen der ehemaligen Pfarreien. Das ist doch ein guter Ansatzpunkt. Wir sollten jetzt den Blick nach vorne richten. Auch stellt sich mir die Frage, inwiefern sich die strukturellen Entscheidungen überhaupt auf den Glauben des Einzelnen und der Gemeinde auswirken.

Der ehemalige Villmarer Pfarrgemeinderatsvorsitzende Dr. Bernold Feuerstein hat unter anderem Sie persönlich kritisiert. In einer Neujahrsansprache schrieb er, die Leitung der neuen Pfarrei habe „Spaltung und Misstrauen erzeugt und Missgunst geschürt“. Was sagen Sie zu solchen Vorwürfen?

SCHÜTZ: Es ist sehr schade und aus meiner Sicht überhaupt nicht hilfreich gewesen, dass der Konflikt auch auf einer persönlichen Ebene und dann zudem noch außerhalb der Gremien in der Öffentlichkeit ausgetragen wurde. Das entspricht nicht meinem Verständnis eines gewählten kirchlichen Amtes. Ich scheue keine inhaltliche Auseinandersetzung im dafür vorgesehenen Rahmen. Darüber hinaus käme es mir nicht in den Sinn, mich zu solchen Unterstellungen zu äußern. Persönliche Betroffenheiten sollten hier nichts verloren haben.

Konfliktpunkt war vor allem die Enttäuschung der Villmarer Seite darüber, dass sie entgegen früheren Versprechungen auf den Sitz der neuen Pfarrgemeinde, das priesterliche Wohnen und zuletzt sogar den Status einer Pfarrkirche verzichten musste. War es klug, der ehemaligen Kirchengemeinde St. Peter und Paul sämtliche Funktionen zu nehmen? Auch vor dem Hintergrund, dass die Villmarer Befindlichkeiten seit Jahren bekannt sind.

SCHÜTZ: Bei solchen Entscheidungen kann es nicht um die Berücksichtigung von Befindlichkeiten gehen. Es gab verschiedene Ebenen, die in den vergangenen Monaten immer wieder miteinander vermischt wurden. Villmar hatte einen umfangreichen Immobilienbestand, für den es kein richtiges Konzept zu geben schien. Dieser Frage haben sich im Rahmen der Aktion „Sparen und Erneuern“ zuvor schon viele andere Pfarreien stellen müssen. Ich erinnere hier gerne auch an meine Heimatpfarrei Niederbrechen, die ihren Immobilienbestand von 1200 auf 300 Quadratmeter verkleinern sollte. Solche Überlegungen sind nie einfach, zumal mit den Räumen, um die es geht, immer Erinnerungen und Emotionen verbunden sind. Aber Gesellschaft und Kirche ändern sich gerade fundamental. Da kann man auch bei Räumlichkeiten und den finanziellen Verpflichtungen, die diese langfristig mit sich bringen, nicht so weitermachen wie vor 50 Jahren. Auf der zweiten Ebene galt es langfristig zu bedenken: Welche Räume braucht die Pfarrei und welche der bestehenden eignen sich am besten dazu. Der Pastoralausschuss hat sein Vorgehen einmütig getroffen und auf der Basis von unabhängigen Gutachtern und selbst erarbeiteten Kriterienkatalogen entschieden. Ich empfand diese Vorgehensweise als sehr transparent und nachvollziehbar. Alle neun Pfarreien mussten ihre Eigenständigkeit aufgeben, und überall gibt es gewisse Befindlichkeiten, die von diesem Prozess betroffen sind. Im übrigen ist es keineswegs so, dass in Villmar gar nichts verblieben ist. Villmar hat einen Dienstsitz eines hauptamtlichen Seelsorgers und außerdem eine Kontaktstelle des Pfarrbüros mit nicht veränderten Öffnungszeiten.

Wie stellen Sie sich die Zukunft vor, das heißt wie wollen Sie das Tischtuch wieder zusammenfügen, das viele Villmarer Katholiken als zerschnitten betrachten?

SCHÜTZ: Das ist eine gute Frage. Es wäre wohl eine maßlose Überschätzung unserer eigenen Möglichkeiten zu glauben, dass wir „Kirche machen“. Letztlich ist es der heilige Geist, der wirkt und bewirkt. Der Begriff des Gottvertrauens ist mir ganz persönlich sehr wichtig. Einige der handelnden Personen befinden sich ja schon seit Herbst letzten Jahres in einem professionell begleiteten Konfliktbewältigungsprozess. Dieser musste leider durch die Klage („Regress“) von Bernold Feuerstein ausgesetzt werden und kann erst fortgeführt werden, wenn das Verfahren abgeschlossen ist. Ich weiß allerdings nicht, inwieweit der Konflikt sich über diese persönliche Ebene der Betroffenen wirklich in die Tiefe fortgesetzt hat. Ich selbst habe Verwandte und Freunde in Villmar und stelle da durchaus auch immer wieder eine pragmatische Haltung fest. Mir scheint es sinnvoll, sich auf das Gemeinsame zu besinnen. Wir werden sicherlich viele kleine Schritte der Versöhnung gehen müssen. Wer, wenn nicht wir Christen, sollten dazu fähig sein?

Wie ist das Verhältnis unter den übrigen ehemals selbstständigen Kirchengemeinden?

SCHÜTZ: Unsere Kirchorte sind alle höchst unterschiedlich. Da gibt es katholisch geprägte – kleine wie Langhecke mit weniger als 100 Katholiken oder Arfurt und Werschau und große wie Villmar, Ober- und Niederbrechen. Aber es gibt eben auch die Diasporakirchorte Aumenau, Kirberg und Runkel. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Bedürfnisse und Strukturen. Aber es gibt Ähnlichkeiten, über die man sich austauschen und von einander lernen kann. Alle sind eingeladen, sich gemeinsam auf den Weg zu begeben und den Blick nach vorne zu richten.

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