Im vergangenen Jahr wurden die ersten Stolpersteine in Villmar verlegt. Weitere sollen folgen.
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Im vergangenen Jahr wurden die ersten Stolpersteine in Villmar verlegt. Weitere sollen folgen.

Beitrag gegen das Vergessen

Villmar: 16 neue Stolpersteine erinnern an NS-Opfer

  • Rolf Goeckel
    vonRolf Goeckel
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Verlegung verzögert sich wegen Pandemie

Villmar -Die Corona-Pandemie legt nicht nur den Kulturbetrieb und weite Teile des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens lahm, sondern hat auch die eigentlich für März geplante Verlegung von 16 weiteren "Stolpersteinen" in Villmar und Aumenau verhindert. "Die Steine sind da und sollen verlegt werden, sobald es die Pandemiesituation erlaubt", sagt der Vorsitzende des Arbeitskreises Stolpersteine Dr. Bernold Feuerstein. "Wir wollen der Bevölkerung die Teilnahme an der Verlegung ermöglichen."

Deshalb habe der Arbeitskreis von einer Verlegung der Messingplatten, die derzeit nur in einem sehr kleinen Kreis möglich wäre, bisher abgesehen. Zumal das Interesse der Villmarer Bevölkerung an der Stolperstein-Aktion sehr groß sei, wie Feuerstein mit Blick auf 150 Besucher sagt, die an der Erstverlegung von insgesamt 19 Stolpersteinen im vergangenen Jahr in Villmar und Weyer teilgenommen hatten. Damals hatte der Kölner Künstler Gunter Demnig, Erfinder der Stolpersteine, die Verlegung der Messingplatten mit Namen von NS-Verfolgten persönlich vorgenommen.

Dies werde in diesem Jahr allerdings nicht möglich sein, so Feuerstein. Denn wegen Corona habe Demnig schon im vergangenen Jahr viele Termine absagen müssen, die noch nicht alle nachgeholt worden seien. In diesem Jahr habe der betagte Künstler sämtliche Termine bis Ende April absagen müssen, so dass absehbar sei, dass er in nächster Zeit nicht nach Villmar kommen könne. Allerdings sei der Künstler damit einverstanden, dass die von ihm gefertigten 16 Messingplatten ausnahmsweise vom Arbeitskreis Stolpersteine verlegt werden, erläutert Feuerstein.

Warten will der Arbeitskreis mit der Verlegung außerdem deshalb, um in den USA lebenden Angehörigen der Familie Rosenthal die Teilnahme an der Aktion zu ermöglichen. Derzeit sei Reisen jedoch wegen Corona nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Feuerstein, der mit der Familie in Kontakt steht, berichtet, dass das Interesse der Nachfahren der Rosenthals an der Stolperstein-Verlegung groß sei.

Ludwig Rosenthal und seine Frau Minna Meta Rosenthal (geborene Frank) lebten mit ihren Kindern Rolf und Ruth in der heutigen König-Konrad-Straße 7 (früher Lahnstraße 282). Die Rosenthals, berichtet Feuerstein, hätten schon frühzeitig den Ernst der Lage erkannt. Im Jahr 1936 wanderte Rolf Rosenthal im Alter von 15 Jahren zu Onkel und Tante nach St. Louis (USA) aus. Seine Eltern und die Schwester folgten im Jahr 1938. Die Villmarer Familie Rosenthal gilt als Verfolgte des NS-Regimes, weshalb ihr nach den Bestimmungen von Demnigs Stiftung Stolpersteine zustehen.

Rolf Rosenthal, der 2016 im Alter von 95 Jahren starb, hatte bis zu seinem Tode regen Kontakt nach Villmar gehalten. Als Soldat hatte er die alte Heimat im Jahr 1945 besucht, und im Jahr 2000 war er zusammen mit seiner Ehefrau June aus Anlass ihrer Goldhochzeit noch einmal nach Villmar gereist.

Den Kindern gelang die Flucht

Drei weitere Stolpersteine sollen in der König-Konrad-Straße 16 (Lahnstraße 178) verlegt werden. Sie erinnern an Betty Frank (geborene Ackermann) und ihre Kinder Siegfried und Gretel Margarete. Betty Ackermann wurde 1939 zum Umzug nach Mainz gezwungen, wo sie in sogenannten Judenhäusern in der Kaiserstraße und der Walpodenstraße untergebracht war. Im Jahr 1942 wurde sie über Darmstadt ins Ghetto Piaski in Polen deportiert. Sie gilt als verschollen und wurde sehr wahrscheinlich ermordet. Ihren Kindern Siegfried und Gretel gelang 1937 und 1938 die Flucht nach Texas. Von Siegfried Frank ist bekannt, dass er 1930 Kirmesbursche in Villmar war.

Vor dem Haus Grabenstraße 43 in Villmar will der Arbeitskreis insgesamt sieben Stolpersteine in das Pflaster legen. Sie werden an die Familien Löwenstein und Isenberg erinnern, deren Mitglieder bis auf eine Ausnahme 1941 deportiert und ermordet wurden. Der Viehhändler Rudolf Löwenstein, seine Ehefrau Berta (geborene Isenberg) sowie die Tochter Lotte und der Sohn Siegbert wurden in ein Sammellager in Frankfurt am Main (Hermesweg 6) und von dort ins Ghetto Minsk deportiert, wo sie verschollen sind. Alle vier Familienmitglieder gelten als ermordet.

Der Viehhändler Louis Liebmann Isenberg wurde nach dem November-Pogrom 1938 ins KZ Dachau deportiert, von wo aus ihm am 28. August 1939 die Flucht nach England gelang. Seine Ehefrau Gertrud (geborene Bär) und sein Sohn Fred wurden im selben Transport wie die Familie Löwenstein am 3. Mai 1941 in das Frankfurter Sammellager verschleppt, von wo aus sie dasselbe Schicksal ereilte: Deportation nach Minsk und anschließende Ermordung.

Erstmals werden auch in Aumenau, in der Lahnstraße 31, zwei Stolpersteine verlegt. Sie sollen künftig an Sally Frank und seine Frau Johanna erinnern, die 1937 in ein jüdischen Altersheim nach Frankfurt zogen. Von dort aus wurde das Ehepaar 1942 ins KZ Theresienstadt und später ins KZ Auschwitz deportiert, wo beide im Oktober 1944 ermordet wurden. Über Sally Frank ist bekannt, dass er in dem Haus an der Lahnstraße/Kohlstraße gemeinsam mit seinem Vater eine Schumacherwerkstatt betrieb. Sally Frank war aktives Mitglied in der Kyffhäuser Kameradschaft in Aumenau, 1912 war er Erster Kassierer.

Mit der Verlegung von 16 weiteren Stolpersteinen in Aumenau und Villmar ist das Erinnerungsprojekt des Arbeitskreises allerdings nicht erledigt, wie Bernold Feuerstein betont. Geplant seien mindestens zwei weitere Verlegungen, so dass die Zahl der Stolpersteine am Ende 60 betragen soll. Finanziert würden die kleinen Messingplatten mit der Gravur von Lebensdaten ausschließlich aus Spenden. Zum Beispiel von jenem Nachfahren eines politisch verfolgten Mannes aus Villmar, der ebenso einen Stolperstein erhalten soll wie die Euthanasieopfer, die in den Tötungsanstalten in Hadamar und Weilmünster umgebracht wurden.

Eine Voraussetzung für die Stolperstein-Verlegung ist die Recherche von biografischen Daten der NS-Opfer, die dem Kölner Künstler Demnig übermittelt werden und auf deren Grundlage anschließend die Messingplatten angefertigt werden. Wichtige Vorarbeiten, auf die der Arbeitskreis heute zurückgreift, hat die im Januar 2019 verstorbene Villmarer Heimatforscherin Lydia Aumüller geleistet. Aber auch aus Nachlässen, Angaben der letzten Zeitzeugen, des Archivs Arolsen und der Gedenkstätten Yad Vashem werden die Lebensdaten der NS-Verfolgten rekonstruiert.

Unterstützung erfährt der Arbeitskreis weiterhin von Schülerinnen und Schülern der Johann-Christian-Senckenberg-Schule Runkel. In dem von Rektorin Isabell Faust geleiteten Wahlpflichtkurs "Erinnerungskultur" leisten sie einen wichtigen Beitrag bei der Aufarbeitung der Lebensgeschichten. Die Jugendlichen nahmen bereits im vergangenen Jahr an der Verlegung der Stolpersteine teil und wollen sich auch künftig an dem Projekt beteiligen, wie Isabell Faust ankündigt.

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