1. Startseite
  2. Region
  3. Limburg-Weilburg
  4. Villmar

Villmar: Autorin beichtet im Pfarrgarten

Erstellt:

Kommentare

Selbstbewusst und selbstkritisch, charmant und provozierend - und doch stets äußerst liebenswert: Annegret Held las im Pfarrgarten aus ihrem Roma "Das Verkehrte und das Richtige".
Selbstbewusst und selbstkritisch, charmant und provozierend - und doch stets äußerst liebenswert: Annegret Held las im Pfarrgarten aus ihrem Roma "Das Verkehrte und das Richtige". © Margit Bach

Annegret Held liest auf unterhaltsame Weise aus ihrem Buch "Das Verkehrte und das Richtige"

Villmar -Sie kam mit einer großen Sünde nach Villmar und meinte, die Vergebung spiele bei den Katholiken eine wichtige Rolle. Ob sie nun nach ihrer Beichte auch auf die Vergebung der Zuhörerschaft warten dürfe, das blieb erst einmal offen: Annegret Held, Autorin aus dem Westerwald, die heute in Frankfurt lebt, war auf Einladung der "Generationenhilfe Villmar und Ortsteile" zur Lesung in den Villmarer Pfarrgarten gekommen und zog das Publikum von der ersten Minute an in ihren Bann.

"Ich habe heute meinen Bodyguard mitgebracht", so die flotte Dame, die auf einen gut gebauten, großen Herrn im Publikum zeigt. "Und geheiratet habe ich ihn auch im letzten Jahr: so kurz vor dem 60. Geburtstag habe ich doch noch einen abgekriegt", lacht sie fröhlich in die Runde.

Selbstbewusst und selbstkritisch, charmant und provozierend - und doch stets äußerst liebenswert gibt sich die attraktive Frau, die plötzlich beim Läuten der Glocken der St. Peter und Paul-Kirche erschrickt und befürchtet: "Oje, sie kommt gleich und direkt: die Strafe von oben". Denn was die flotte Schreiberin vorlesen wird, sei echt authentisch, beichtet sie.

Annegret Held machte ab 1982 eine Ausbildung zur Polizistin und arbeitete anschließend drei Jahre lang in Darmstadt und Frankfurt am Main als Polizeihauptwachtmeisterin im Streifendienst. Ab 1987 studierte sie Ethnologie und Kunstgeschichte. Danach übte sie verschiedene Tätigkeiten aus, beispielsweise als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei und Hilfskraft im Pflegebereich sowie als Luftsicherheitsassistentin im Bereich der Fluggastkontrolle. Sie lebt heute als freie Schriftstellerin in Frankfurt.

Aus der Zeit als Polizistin erzählt der Roman "Das Verkehrte und das Richtige", der im Frühjahr 2022 erschienen ist. Sie erhielt für einige ihrer Bücher den Preis der Berliner Akademie in der Sparte Literatur, den Koblenzer Literaturpreis, sowie den Glaserförderpreis in Mainz und ein Stipendium im Ledig House New York. Annegret Held ist Mitglied der Schriftstellervereinigung P.E.N.

Held gewährt einen Einblick in die 80er Jahre, in denen das Aufbrechen altbackener Strukturen durch die jungen Leute an der Tagesordnung war. Und immer spielt auch die Suche nach der Liebe eine Rolle.

Vom eigenen Glanz geblendet

Als die junge Anna, die Streifenpolizistin aus Darmstadt, für ein Feuerwehrjubiläum in ihrem geliebten Dorf als Festdame auserkoren wird, geschehen unvorhersehbare Dinge. "Zwölf Jungfern in goldenen Kleidern und mit schwarzen Pumps - von ihrem eigenen Glanz selbst geblendet - laufen beim Festzug mit und werden von der Sonne in ihren schillernden Gewändern gebacken", erzählt sie. "Bei den gewaltigen Klängen des Königsmarsches schreiten sie in das Festzelt hinein. Und alle kommen mit ihrem einzigartigen Durst und stürzen sich an die Tische." Auch Anna hat Durst und kippt eine ganze Flasche Wein in sich hinein - bis sie betrunken und völlig erledigt ist.

Die Schulterpolster hängen unter den Achseln und die Volkstanzgruppe tanzt. Dann kommt Uli Dieter Aschenbrenner, der neue Pfarrer, der so schön ist wie ein Schlagersänger. Anna erinnert sich an ihre Oma, die immer sagte: "Alles, was an einem Mann schöner ist als an einem Affen, ist überflüssig". Dann werden die Festdamen gebeten, sich um die beiden anwesenden Pfarrer zu kümmern. Die Geistlichkeiten sind entzückt - und als Anna Uli Dieter in die Augen schaut, da knistert und lodert es. "Sein Blick laserte alles aus meinem Gehirn, was vorher noch denken konnte", erzählt die Autorin.

Und dann nahm die Geschichte ihren Lauf: Der verheiratete Pfarrer, ein Vater mit Kindern, ist auch entflammt und es kommt dazu, dass er sie mitnimmt in ein Seminargebäude, auf dass sie ein paar Tage Zeit miteinander verbringen können.

"Düstere Wolken der Verdammnis stiegen aus der Bibel auf", bemerkte sie, als sie in dem Zimmer auf ihn wartete. Es geschah, was geschehen sollte, und später trennten sich die Wege wieder.

Als sie dann eines Tages beim Frauenarzt ist und der ihr eine Schwangerschaft verkündet, fühlt sie sich wie "eine Göttin, die gerade eine Bratpfanne über den Kopf gehauen bekommt". Und das beim Ultraschall gesehene Pünktchen war also an Allerheiligen mitten in ihren Bauch hineingesprungen. Das Pünktchen lebt heute übrigens als 33-jährige Frau in Berlin und ist Annegret Helds geliebte Tochter.

Das Publikum spendete Applaus und dachte nicht mehr an irgendwelche Sünden.

Auch interessant

Kommentare