Hat es nicht leicht als Bahnnutzerin: Marina Schäfer aus Villmar.	Foto: Robin Klöppel
+
Hat es nicht leicht als Bahnnutzerin: Marina Schäfer aus Villmar.

Probleme für behinderte Frau

Rollstuhlfahrerin aus Villmar verzweifelt: Aussteigen am Bahnhof ist für sie unmöglich

Wenn Marina Schäfer mit der Bahn nach Hause fährt, muss sie schon in Runkel raus. Der Villmarer Bahnhof ist nicht behindertengerecht.

Villmar – Als Rollstuhlfahrer ohne Begleitung ist der Alltag nicht immer einfach zu meistern. Vor allem dann nicht, wenn man so wie Marina Schäfer in Villmar wohnt und den Öffentlichen Personennahverkehr nutzen will. Wenn die 42-Jährige aus Limburg kommt, kann sie mit ihrem Rollstuhl nicht am Bahnhof ihres Heimatortes aussteigen, weil dieser immer noch nicht behindertengerecht ausgebaut ist. Die Lösung: Sie muss bereits eine Station vorher, also in Runkel raus.

Villmar: Marina Schäfer muss noch bis mindestens 2026 von der Bahn in den Bus umsteigen

Wie ein Sprecher der Bahn auf Nachfrage dieser Zeitung erklärte, wird sich an diesem Zustand bis 2026 auch nichts ändern. Marina Schäfer könne ja in Runkel auf den Bus umsteigen und mit diesem nach Villmar fahren. Dazu sagt die Betroffene: "Die Busse fahren ziemlich selten, und da komme ich sehr schlecht rein." Die Villmarerin könnte natürlich auch mit dem Zug erst in Arfurt aussteigen und anschließend mit dem nächsten Zug in die Gegenrichtung nach Villmar zurück fahren. Aber dann würde sie, wie sie sagt, jedes Mal noch mehr als eine halbe Stunde alleine in Arfurt stehen.

Also nimmt sie ihren Elektrorollstuhl und fährt mit ihm die komplette Strecke von Villmar nach Runkel an der Lahn entlang. Das sind etwa vier Kilometer. Marina Schäfer sagt, dass es für sie auch kein einfaches Geschäft sei, mit dem Zug in Villmar einzusteigen. "Ich will auf keinen Fall alle Mitarbeiter der Hessischen Landesbahn über einen Kamm scheren, von denen es auch sehr hilfsbereite gibt", sagt sie. Leider gebe es aber auch immer wieder andere Fälle, in denen sie sich als Behinderte unerwünscht fühle.

Betroffene berichtet über fehlende Barrierefreiheit: Der Bahnsteig in Villmar ist zu schmal

Schäfer berichtet, dass sie sich höflicherweise meist telefonisch für die Fahrt von Villmar aus anmelde, obwohl sie das nicht müsse, weil die Mitarbeiter ja für ihren Einstieg eine Rampe ausfahren müssten. Doch es habe schon Fälle gegeben, in denen sie es nicht geschafft habe, vorher anzurufen und ihr gedroht worden sei, sie nicht mitzunehmen. Ebenfalls komme sie mit ihrem Elektrorollstuhl problemlos auf ihren Behindertenplatz im Zug. Doch auch da hätten Mitarbeiter schon behauptet, dass der Rollstuhl angeblich zu lang sei. Ihr sei sogar schon einmal gedroht worden, sie am nächsten Halt aus dem Zug zu schmeißen.

Schäfer berichtet, dass sie für ihre Zwecke genau diesen Rollstuhl brauche und im Zug keine anderen Fahrgäste damit behindere. Auf Nachhaken unsere Zeitung betont Ute Franz von der Pressestelle der Hessischen Landesbahn, dass ihrem Unternehmen Kundenzufriedenheit sehr wichtig sei. Wer also schlechte Erfahrungen mit Personal mache, solle die Servicehotline anrufen, Fahrverbindung und Uhrzeit nennen, damit der betroffene Mitarbeiter herausgefunden und auf den Vorfall angesprochen werden könne.

Villmar: Rollstuhlfahrerin unzufrieden mit Hotline der Bahn

Marina Schäfer überzeugt diese Aussage nicht. Sie habe in der Vergangenheit schon mehrfach genau bei dieser Hotline angerufen, versichert sie. Doch dort sei ihr gesagt worden, dass die Mitarbeiter viel Stress hätten und man folglich für sie Verständnis haben müsse. Marina Schäfer will als behinderter Fahrgast aber einfach so höflich wie jeder andere behandelt werden. Ute Franz dazu: "Das von ihnen beschriebene Verhalten entspricht nicht unseren Qualitätsstandard. Rollstühle werden entsprechend der bestehenden Sicherheitsvoraussetzungen befördert." Die Fahrzeuge der Landesbahn verfügten über eine Einstiegsrampe, die bei Bedarf von den Mitarbeitern bedient werde. Eine Mithilfe für Behinderte beim Ein- und Ausstieg sei selbstverständlich.

Warum in Villmar in Richtung Weilburg keine Rollstuhlfahrer aussteigen dürfen? Franz erläutert: "Der Bahnsteig in Villmar ist zu schmal und die mobilen Einstiegsrampen können hier nicht eingesetzt werden". Auf die Frage, ob es bei der die Lahnstrecke betreibenden Landesbahn Größeneinschränkungen für Rollstühle gebe, berichtet sie: Rollstuhl plus Fahrer dürften ein Gesamtgewicht von 300 Kilo haben. Der Rollstuhl dürfe höchstens eine Länge von 1,20 Meter haben und müsse TÜV-zertifiziert sein. Ute Franz merkt außerdem an, dass eine Voranmeldung eines Rollstuhlfahrers für einen Einstieg in der Tat nicht zwingend vorgeschrieben sei. Sie empfiehlt Betroffenen, es gerade in der Sommersaison an der Lahn trotzdem zu tun, weil dann oft viele Radfahrer im Zug seien und das Personal dann dem zu erwartenden Rollstuhlfahrer Platz freihalten könne.

Villmar: Umbau des Bahnhofs lässt auf sich warten

Ein Sprecher der Deutsche Bahn AG erklärte auf Nachfrage, dass Barrierefreies Reisen für die Bahn ein zentrales Anliegen sei und von 5700 Bahnhöfen bereits 78 Prozent umgebaut seien. Allerdings sei der Neubau der Villmarer Bahnstiege plus Wetterschutzhaus für den Außenbahnsteig erst in sechs Jahren im Rahmen des Neubaus eines elektronischen Stellwerkes auf der Strecke der oberen Lahn vorgesehen.

Kunden, die auf der genannten Strecke ebenfalls Grund zur Klage haben, erreichen die Servicehotline der Hessischen Landesbahn von Montag bis Freitag von 6 bis 21 Uhr unter der kostenfreien Rufnummer 08 00 44 33 700. (Von Robin Klöppel)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare