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Michael Hahn betreut den Defibrillator, der nicht so leicht zu finden ist, da er im ersten Stock des Rathauses in Fussingen hängt.

Widerstand in Waldbrunn

Bürger ärgern sich über die Finanzierung des Defibrillators im Rathaus

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Sozialsponsoring ist das Zauberwort. Ob Auto oder Defibrillator: Eine Firma sucht Sponsoren und schafft von dem Geld das gewünschte Gerät an. Doch in Waldbrunn regt sich Widerstand: Es ist nicht mehr so einfach, das Geld für den Defibrillator im Rathaus zusammenzubekommen.

Gegen Sozialsponsoring hat Michael Gerlach natürlich nichts. Gegen das Motto „Tue Gutes und rede darüber“ sei ja nichts einzuwenden. Aber wenn ein Unternehmen mit der Masche mehr als 80 Prozent Gewinn mache, dann habe er durchaus etwas dagegen. Es sei Abzocke, was da gerade in Waldbrunn passiert. „Wenn ein Unternehmen mit aggressiven Drücker-Methoden versucht, überteuerte Werbetafeln zu verkaufen, ist das nicht in Ordnung.“ Und wenn die Gemeinde dabei mitmacht, sei das natürlich auch nicht okay.

Dabei geht es eigentlich um etwas Gutes. Um einen Defibrillator, genauer: um den Defibrillator, der im Rathaus von Waldbrunn hängt. Allerdings ist der von Werbetafeln umringt. Und um die geht es Michael Gerlach. Vor ein paar Tagen bekam der IT-Unternehmer aus Ellar einen Anruf. Ein Mitarbeiter der Firma Brunner habe ihn aufgefordert, sich an der Anschaffung eines Defibrillators für das Rathaus zu beteiligen – dafür werde das Unternehmen dann auch eine Tafel mit seinem Namen am Defibrillator aufhängen. In den nächsten Tagen werde ein Mitarbeiter der Firma bei ihm vorbeikommen und das Weitere regeln. Michael Gerlach hat abgelehnt, sich über das Geschäftsgebahren der Firma Brunner informiert und sich bei der Gemeinde beschwert. Schließlich versucht die Firma Brunner, mit einem Empfehlungsschreiben der Gemeinde an Sponsoren heranzukommen.

Bürgermeister Peter Blum (parteilos) kann an dem Geschäftsmodell erst einmal nichts Schlimmes finden: Die Firma stellt ein Produkt zur Verfügung, die Sponsoren finden ihren Namen auf einer Tafel, die Gemeinde muss sich um nichts zu kümmern und kommt ganz unkompliziert und kostenlos an einen Defibrillator, „den wir hoffentlich nie benutzen müssen“. Außerdem werde ja niemand gezwungen, und bislang habe sich auch noch niemand beklagt. Die Gemeinde sei schon seit längerem mit der Firma Brunner im Geschäft, sein Vorgänger im Amt habe den Defibrillator-Vertrag abgeschlossen. Und jetzt habe das Unternehmen der Gemeinde eben mitgeteilt, dass der Vertrag auslaufe, dass sie sich gerne wieder auf die Suche nach Sponsoren mache und dafür ein Referenzschreiben des Rathauses brauche.

Das hat die Gemeindeverwaltung ausgestellt. So wie sie auch macht, wenn Verlage Anzeigenkunden für Bürgerbroschüren oder Jahrbücher suchen. Diese Methode sei gang und gäbe. „Wir können das als Kommune gar nicht anders leisten“, sagt Peter Blum. Und es gehe ja auch nur um einen Defibrillator. Er wisse, dass die Firma Brunner auch werbefinanzierte Autos anbiete, da sei der Gewinn für das Unternehmen sicher noch größer. Aber für ein Auto bestehe in Waldbrunn kein Bedarf, und außerdem müsse man ja an die Folgekosten denken.

Folgekosten für die Gemeinde entstehen bei dem Defibrillator-Vertrag nicht: Die Kosten für die Wartung übernehmen die Sponsoren. Ein Unternehmer aus Waldbrunn weiß, worum es geht: Er sollte einen Vertrag über fünf Jahre unterschreiben und 190 Euro zahlen – pro Jahr. „Das ist doch eine Unverschämtheit“, sagt er. Und das Auftreten der Mitarbeiter der Firma Brunner sei es im Übrigen auch gewesen. Der Rest ist Mathematik: 18 Sponsoren stehen derzeit auf der Tafel, wenn jeder über fünf Jahre jedes Jahr 190 Euro zahlt, kommt eine Menge Geld zusammen. Ein Defibrillator ist für 1000 bis 2000 Euro zu haben.

Auch wenn der Mitarbeiter der Firma versucht habe, ihn unter Druck zu setzen: Sein Name steht nicht mehr auf der nächsten Sponsorentafel im Rathaus, und in der Zeitung will er ihn auch nicht lesen. Michael Gerlach sagt, er wisse warum: „Wer gibt schon gerne zu, dass er auf diese Masche hereingefallen ist.“

Dr. Kurt Zentzis will auch nicht nochmal für den Defibrillator zahlen. Er habe aber andere Gründe, sagt er: So ein Gerät sei doch nur dort sinnvoll, wo viele Menschen sind – in einem Supermarkt oder einer Einkaufsstraße. Aber nicht im Waldbrunner Rathaus. Wenn er mit seinem Geld etwas Gutes tun wolle, dann spende er es lieber direkt: „Kindergarten oder Altenkreis sind sinnvollere Investitionen.“

Von der Firma Brunner gab es am Mittwoch auf die Anfrage unserer Zeitung keine Stellungnahme. Auf ihrer Homepage lobt sie aber ihr Geschäftsmodell als Win-Win-Situation. Die Begünstigten, in diesem Fall die Gemeinde Waldbrunn, erhielten ein hochwertiges und fabrikneues Produkt und die Sponsoren eine „effektive Werbefläche mit hoher Kundenakzeptanz“. Der Vorteil, den die Firma Brunner aus dem Bereitstellen in diesem Fall des Defibrillators hat, wird hier nicht thematisiert.

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