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ine Vorzeigefamilie: Rim und Ahmad Abrass und ihre beiden Kinder Jonas und Lara.

Integration

Migrantenfamilie in Hintermeilingen: "Wir gehören jetzt dazu"

Viele Migranten fügen sich perfekt in die Gesellschaft ein. Trotzdem müssen sie gegen Vorbehalte und Widrigkeiten kämpfen.

Eine Familie wie aus dem Bilderbuch: Zwei wohlgeratene Kinder, sie ist Apothekerin, er hat einen Doktortitel in Maschinenbau, ein Häuschen auf dem Land. Wenn da nicht das Kopftuch wäre - und die Religion, die dazugehört. Seit mehr als zehn Jahren lebt die Familie Abrass in Deutschland. Aber so richtig zugehörig fühlt sie sich noch lange nicht.

Immer noch mache sie sich Gedanken, wie die Menschen sie wahrnehmen, sagt Rim Abrass und lächelt. Sie lächelt oft, ein strahlendes, offenes Lächeln. Eigentlich sei sie ein schüchterner Mensch, sagt sie. Aber eines habe sie sich in Deutschland schnell angewöhnt: Erst einmal zu lächeln, wenn sie jemandem begegnet. "Das macht die Menschen weicher", sagt sie. Dann sei die Gefahr kleiner, dass man entweder für eine islamistische Gefahr oder eine unterdrückte Frau gehalten wird. "Ich bin einfach ein Mensch", sagt sie und lacht. Sie könne nett sein, aber auch böse. Wobei ihr das Freundliche mehr liege, das lehre ja auch der Koran: Frieden und Freundschaft sei das Ziel. Mit allen Menschen.

Fast alle ihre Freunde in Deutschland seien Nicht-Muslime, sagt Rim Abrass. Was natürlich auch daran liegt, dass es in Hintermeilingen nicht gerade eine große muslimische oder gar syrischstämmige Community gibt. Und daran, dass Rim Abrass und ihr Mann gemeinsame Interessen und Ideale wichtiger finden als die gemeinsame Herkunft oder Religion.

Über die Arbeit oder die Kinder habe sie andere Menschen kennengelernt, ein paar Syrer könnten ruhig dabei sein. "Damit unsere Kinder ihre Wurzeln nicht verlieren." Aber das sei gar nicht so einfach. Dafür habe die Familie inzwischen guten Kontakt zu den neuen Nachbarn. "Am Anfang waren die Leute ein bisschen skeptisch." Aber so langsam wachse eine gute Beziehung. Ein Nachbar habe ihnen beim Umzug geholfen, ihr Mann sei im Geschichts- und Museumsverein. "Wir gehören jetzt dazu", sagt Rim Abrass. Und fragt: "Warum auch nicht?"

Deutschprüfung war kein Problem

Alle Menschen seien doch verschieden, "ich respektiere alle Menschen". Und sie würde sich wünschen, dass es alle so halten, auch Fremden gegenüber. 2010 ist Rim Abrass aus Syrien nach Deutschland gekommen. Ihr Mann lebte damals schon fünf Jahre in Darmstadt, er wollte an der Technischen Universität "seine Bildung verbessern". Das hat funktioniert, nach dem Maschinenbau-Studium hat er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni gearbeitet, dann promoviert. Eigentlich wollte er wieder zurück nach Syrien, dort eine Familie gründen. "Doch dann kam der Krieg." Am Anfang hätten sie noch gehofft, dass alles wieder gut wird, sagt Rim Abrass. Aber es wurde nicht wieder gut. "Und so mussten wir überlegen, ob wir nach Hause zurückgehen, in ein Land, in dem alles kaputt ist, oder hier bleiben - für eine bessere Zukunft." Die beiden entschieden sich fürs Bleiben.

Und dann wurde es richtig schwierig: Da ihr Mann einen Aufenthaltstitel und Arbeit hatte, war es für sie als Ehefrau kein Problem gewesen, ihm nachzuziehen. Die Deutschprüfung war ebenfalls kein Problem, schon in Aleppo hatte sie angefangen, die Sprache zu lernen. Als sie nach Deutschland kam, lernte sie weiter - erst in Kursen, dann alleine, sie habe nur noch deutsches Fernsehen geschaut, deutsches Radio gehört und jede Menge gelesen. Sie sprach nicht mehr nur fließend Arabisch und Englisch, sondern auch Deutsch; nun wollte sie arbeiten. Dass sie ein abgeschlossenes Pharmazie-Studium hat, konnte sie natürlich beweisen. Aber das zählte nicht mehr. Die Universität Mainz habe ihr damals mitgeteilt, dass sie gerade mal anderthalb Jahre ihres Studiums anerkenne, für die Approbation müsse sie wieder Vorlesungen besuchen, drei Staatsexamen noch einmal machen. "Das war ein Schock." Sie gab erst einmal auf, wurde schwanger.

Als ihre Tochter ein Jahr alt war, unternahm sie einen neuen Versuch: Von einer Bekannten hatte sie gehört, dass auch das Landesprüfungsamt für Medizin und Pharmazie Prüfungen abnehmen und Approbationen erteilen kann. Und zum Glück konnte sie inzwischen längst gut genug Deutsch, um alle Antragsvordrucke und Vorschriften zu verstehen. Alles, was sie brauchte, war der Nachweis über das Studium, die C1-Deutschprüfung, die deutsche Staatsangehörigkeit und ein Praktikum. Alles kein Problem - bis auf das Praktikum. Natürlich habe ihr niemand offen ins Gesicht gesagt, dass man sie wegen des Kopftuchs nicht nehme. "Aber man merkt das." In Siegen, wo die Familie damals lebte, hatte sie keine Chance.

Ehrgeizig sein und hart arbeiten

Sie gab nicht auf. Sie hörte von einer Apothekerin in Hadamar, die kein Problem mit Mitarbeiterinnen anderer Herkunft habe. Sie bekam den Praktikumsplatz in der Euras Apotkeke, dort absolvierte sie auch das vorgeschriebene eine Jahr als Apothekerin "unter Aufsicht eines anderen Apothekers", im November 2016 bestand sie die Anerkennungsprüfung vor der Landesapothekerkammer. Seitdem arbeitet sie in Hadamar in der Euras Apotheke - mit einer kurzen Unterbrechung, als ihr Sohn auf die Welt kam.

Seit 2015 wohnt die Familie in Hintermeilingen. Eigentlich wollte sie nach Limburg ziehen, nicht ganz so ländlich leben, schließlich stammen Rim und Ahmad Abrass aus einer Millionenstadt. Aber es sei schwer, eine Wohnung zu finden, wenn man Abrass heiße, sagt Rim Abrass. In Hintermeilingen fand die Familie einen Vermieter, denen ihre Herkunft egal war. Vor einem Jahr zog sie in ihr eigenes Haus - ebenfalls in Hintermeilingen. Und da werden Ahmad, Rim, Lara und Jonas Abrass auch erst einmal bleiben. Wenn sie noch einmal auswandern, dann in ein arabisches Land. "Damit die Kinder ihre Muttersprache nicht verlieren", sagt Rim Abrass. Der Glaube sei auch wichtig in ihrem Leben, das sei er schon immer gewesen. Und das vermittle sie auch ihren Kindern - und zwar zu Hause.

Ob ihre Tochter einmal ein Kopftuch trage werde, wisse sie nicht. Auch ihre Eltern hätten ihr die Entscheidung überlassen, und sie sei die Einzige in ihrer Familie, die Haare, Hals und Nacken bedeckt. Was aber allen gemein ist, ist der Bildungsstand: Alle haben studiert, auch die Mutter, genau wie die Geschwister ihres Mannes. "In Syrien muss man studieren, wenn man etwas werden will." Dass Bildung wichtig ist, hätten sie schon als Kinder gelernt. Und das wolle sie auch ihren Kindern vermitteln. Genau wie die Maxime, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. "Meine Kinder sollen beide das Gleiche lernen und selbstständig werden." So wie sie ganz schnell selbstständig werden musste, als sie nach Deutschland kam.

"Ich kam aus einer Gesellschaft, in der Frauen sehr geschützt sind", sagt Rim Abrass. Auf einmal musste sie die Behördengänge selbst übernehmen, einkaufen gehen, eigentlich alles selbst machen. Das Leben sei nicht einfach in Deutschland, man müsse ehrgeizig sein und hart arbeiten. "Es ist nicht alles pink hier, aber wenn man sich gut integriert, wird man gelobt und geliebt." Mit viel Kraft und Willen könne man in Deutschland alles erreichen, sagt Rim Abrass. Wer das nicht versuche, schüre Vorurteile und schade damit allen Migranten. "Die vielen Menschen, die gekommen sind und sich nicht weiterentwickelt haben, bereiten uns allen Probleme." (Von Sabine Rauch)

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