Monika Graumann gewährt einen Blick in den üppigen Band der olympischen Sommerspiele von 1936 in Berlin. Sie zeigt die Dokumentation des olympischen Zehnkampfs.
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Monika Graumann gewährt einen Blick in den üppigen Band der olympischen Sommerspiele von 1936 in Berlin. Sie zeigt die Dokumentation des olympischen Zehnkampfs.

Erinnerungen in Waldbrunn

Viel Rauch für Olympia

Wie Monika Graumanns Vater zum Olympioniken wurde

Waldbrunn -Wenn bei der Eröffnungsfeier beim Hissen der olympischen Flagge traditionell die Olympia-Fanfare erklingt, muss Monika Graumann in Hintermeilingen an ihren Vater denken. Heinrich Heep war auch Sportler. Ihm war es allerdings nie vergönnt , an den Wettkämpfen der Weltbesten teilzunehmen. Auch nicht als Zuschauer. Stattdessen war er als Raucher an den Wettkämpfen der Olympioniken interessiert und das hatte einen besonderen Grund.

Die Zigarettenmarke Overstolz hatte es ihm besonders angetan. 1936, als die Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen und die Sommerspiele in Berlin stattfanden, war jeder Schachtel ein Sammelbild beigelegt, das die erfolgreichsten Athletinnen und Athleten in Aktion zeigten und in ein eigens aufgelegtes Album eingeklebt werden sollte.

Dass beide Alben mit den zahlreichen Schwarz-Weiß-Bildern, farbigen Zeichnungen und grafischen Gestaltungen, heute noch komplett sind und 85 Jahre schadlos überdauert haben, darauf ist Familie Graumann schon ein bisschen stolz. "Alle Lichtbilder zu bekommen, das war sicherlich nicht ganz einfach", meint Monika Graumann. Schließlich mussten für die olympischen Ringe mehr Rauchringe in die gesunde Westerwaldluft aufsteigen als es sonst üblich war.

Freunde und Bekannte

mussten helfen

Obwohl er verstärkt seine damalige Lieblingssorte rauchte, habe ihr Vater die große Menge an Zigaretten, die für das Füllen der beiden Alben nötig wurde, gar nicht alle selbst verbrauchen können, weiß die 71-Jährige aus Erzählungen. So hätten ihn die Familie, Freunde und Sportkameraden in Hintermeilingen bei der Sammleraktion fleißig unterstützt.

Die Sammelleidenschaft von Zigarettenbildern entstand Ende des 19. Jahrhunderts in den USA. In den 1930er- und 1940er-Jahren kam dieser Werbegag auch in Deutschland in Mode. 1955 verbot die Bundesregierung dann die Beigabe von Sammelbildern zu Tabakprodukten. Später wurden Sammelbildchen auch von anderen Firmen genutzt, um das Kaufinteresse für ihre Produkte zu wecken. So wurden massenhaft Bilder von Tieren, Filmschauspielern und Fußballidolen aufgelegt, in Alben geklebt oder getauscht.

Im Gegensatz zu den heutigen Spielen in Tokio, die in den Stadien nahezu unter Ausschluss der Zuschauer stattfinden, wurden die Olympischen Spiele vor 85 Jahren von den Nationalsozialisten zu einem Propagandafeldzug genutzt. Die olympischen Sommerspiele in Berlin mit massenhaften Darbietungen gelten heute als Musterbeispiel für den politischen Missbrauch einer internationalen Großveranstaltung: Der Ölzweig aus dem heiligen Hain war eine willkommene Fassade, mit der Hitler in jeder Rede seinen Friedenswillen feierlich beteuerte. Dahinter stand der ungezügelte Wille zu imperialistischer Macht, wie er sich bereits in überdimensionalen Bauprojekten, aber auch im Vorgehen gegen jüdische Sportler zeigte.

Ein Band Winter,

ein Band Sommer

Die vom Cigaretten-Bilderdienst Altona-Barenfeld unter besonderer Aufsicht des deutschen Sportschriftleiters Walter Richter herausgegebenen beiden Bände sind informative Dokumente dieser Zeit. Der erste Band berichtet auf 87 Seiten mit ausführlichen Texten und 160 Fotos von den IV. Olympischen Winterspielen, an denen Mannschaften aus 28 Nationen teilnahmen und enthält einen Lageplan der Wettkampfstätten. Außerdem ist ein illustrierter Rückblick auf die Olympischen Spiele seit 1896 enthalten.

Band zwei enthält auf 166 Seiten mit über 200 Bildern und acht ganzseitigen Kunstblättern die Chronik der Veranstaltungen, der Spiele und Kämpfe der XI. Olympiade Berlin. Als es schließlich mit vereinten Lungen gelang, alle Zigarettenbilder zu erstehen, waren die Overstolz-Freunde sichtlich überstolz.

Die Aufmachung der Bücher ist der damaligen Zeit entsprechend nationalsozialistisch geprägt. Daher sind zu jener herrschenden Spannungen zwischen Amerikanern und Deutschen dort nicht aufgeführt. Die Amerikaner hatten mit einem Boykott gedroht, sollten im deutschen Kader keine jüdischen Sportlerinnen und Sportler vertreten sein. Dieter Fluck

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