Von der Erdbestattung zum Urnengrab, von der großen Feier zur Familiensache: Alexander (links), Julian und Sandra Schardt vom Bestattungsinstitut Schardt erleben gerade wieder einen Wandel der Bestattungskultur.
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Von der Erdbestattung zum Urnengrab, von der großen Feier zur Familiensache: Alexander (links), Julian und Sandra Schardt vom Bestattungsinstitut Schardt erleben gerade wieder einen Wandel der Bestattungskultur.

Beerdigungen sind familiärer geworden

Waldbrunn: Bestattungen ohne Krümmelkuchen und Requiem

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Das Coronavirus hat nicht nur unser Leben verändert, sondern auch unser Sterben - oder zumindest unsere Bestattungskultur. Vielen gefällt das.

Waldbrunn -Das offene Grab, davor der Sarg, zwei, drei Kränze, ein paar Blumen, zwei Kerzen, Musik aus der Konserve - und maximal zwei Dutzend Trauergäste auf dem Friedhof. Kein Requiem, kein Händeschütteln, keine Umarmungen. Trauerkaffee war auch nicht erlaubt, nicht einmal im Familienkreis, es sei denn, es lebten alle in einem Haushalt. Das war Beerdigung Mitte März. Seit 15. Juni dürfen immerhin 100 Menschen auf den Friedhof, wenn sie sich in eine Liste eingetragen haben und Abstand halten, aber das Requiem ist immer noch tabu, die Trauerhallen sind geschlossen. "Das macht das würdevolle Abschiednehmen schwer", sagt Alexander Schardt, Bestatter in Hintermeilingen.

Einige der Beschränkungen haben wohl bald ein Ende, andere werden vielleicht bleiben. Und damit seien nicht alle unglücklich: Viele Angehörige seien eigentlich ganz froh gewesen über die Bestattungen im engsten Familienkreis und darüber, dass sie sich den Trauerkaffee und die Beleidsbekundungen ersparen können, sagt Alexander Schardt. Auf jeden Fall habe die Corona-Pandemie die Bestattungskultur verändert.

Nicht der erste

Kulturwandel

Als sein Großvater das Geschäft 1948 gründete, war der Bestatter vor allem Handwerker. Er ging ins Totenhaus, nahm Maß und baute den passenden Sarg. Das war in der Zeit, als noch die Angehörigen den Verstorbenen wuschen und herrichteten, und er noch zu Hause aufgebahrt wurde, damit sich das ganze Dorf verabschieden kann; die Nachbarn trugen ihn dann zum Friedhof. Als sein Vater, Manfred Schardt, das Geschäft übernahm, gab es schon Friedhofshallen, auch im Westerwald. Da war mehr Platz, kühl war es auch, und der Verstorbene war aus dem Haus. Die Bestattungskultur änderte sich: Der Bestatter holte den Toten ab, schreinerte oder bestellte den gewünschten Sarg, richtete den Leichnam her und brachte ihn zur Aufbahrung in die Trauerhalle. Um den Rest kümmerten sich meist die Angehörigen.

Alexander Schardt ist jetzt seit 32 Jahren Bestatter und erlebt gerade wieder einen tiefgreifenden Wandel. Nicht nur, dass immer mehr Menschen sich gegen eine klassische Erdbestattung und für eine Urne, den Friedwald oder einen Diamanten entscheiden. "Wir sind jetzt Dienstleister", sagt er. Das geht von der Meldung des Sterbefalls beim Arbeitgeber oder der Rentenkasse über die Kündigung des Telefons bis zur Gestaltung der Trauerfeier und dem Blumenschmuck. Der Bestatter übernimmt auch die Gestaltung von Traueranzeigen, den Druck von Bannern mit dem Konterfei des Verstorbenen für den Trauerkaffee und der Erinnerungsbildchen. "Bei Bestattungen wird viel Aufwand getrieben."

Es bleibt mehr

Raum zum Trauern

Das hat sich in den vergangenen Monaten geändert - notgedrungen. Am 18. März wurden die Trauerhallen geschlossen, an den Beerdigungen durften nur maximal 25 Personen teilnehmen - Sicherheitsabstand war Pflicht. Natürlich habe es Familien gegeben, die traurig waren, dass ihr Verstorbener kein Requiem bekam, der Chor nicht am Grab singen und die Nachbarn nicht zum Krümmelkuchen kommen durften, sagt Sandra Schardt. Aber die meisten seien froh gewesen, dass sie nicht noch drei oder vier Stunden geselliges Beisammensein beim Trauerkaffee durchstehen und die Fassung behalten mussten. Aber auf dem Dorf habe der Leichenschmaus nun mal dazugehört. Viele ältere Menschen seien direkt von der Kirche zum Kaffee gegangen, "ohne Umweg über den Friedhof"; für sie seien die Trauerkaffees auch eine willkommene Gelegenheit für ein geselliges Beisammensein. Für die meisten jüngeren Menschen seien sie vor allem Stress. Schon die Organisation: Man wisse ja nie, wie viele Gäste kommen, ob der Platz reicht, ob genug Kuchen da ist. Und dann sei im Familienkreis ja auch ein anderer Umgang mit den Gefühlen möglich. "Man hat mehr Raum zum Trauern", sagt sie.

Und noch etwas hat vielen trauernden Angehörigen in den vergangenen Wochen gefallen: Dass der Pfarrer bei der Trauerrede im Familienkreis ganz anders auf die Menschen eingehen konnte. "Er konnte viel persönlicher werden." Und auf das Kondolieren per Handschlag könne man ja eigentlich auch ohne Probleme verzichten. Ein Nicken reiche. "Man kann Trauer auch mit Mimik ausdrücken", so Sandra Schardt.

Wichtig bleibe aber, dass die Menschen einen Ort haben, an dem sie in Ruhe und Würde Abschied nehmen können. Das kann eine Friedhofshalle sein oder der Abschiedsraum beim Bestatter. Das Bestattungsinstitut Schardt durfte seinen Raum auch in den vergangenen Monaten öffnen. Und dafür waren einige Angehörige von Verstorbenen sehr dankbar - manche hatten Vater oder Mutter vor ihrem Tod wochenlang nicht gesehen. Ins Pflegeheim durften sie ja lange Zeit nicht und Besuche im Krankenhaus sind nur in Ausnahmefällen erlaubt. Im Bestattungsinstitut konnten sie wenigstens in Ruhe Lebewohl sagen.

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