Jeder junge Trieb im Wald ist willkommen, sagt Gerhard Menger von Hessen-Forst (links); sein Kollege Peter Burggraf von der Gemeinde Waldbrunn unterstützt ihn.
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Jeder junge Trieb im Wald ist willkommen, sagt Gerhard Menger von Hessen-Forst (links); sein Kollege Peter Burggraf von der Gemeinde Waldbrunn unterstützt ihn.

Dramatischer Zustand des Waldes

Waldbrunn: Dankbar für jeden jungen Trieb im Wald

  • vonAnken Bohnhorst-Vollmer
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Im Frühjahr sollen im Bereich des Ortsteils Ellar 13 700 Laub- und Nadelbäume gepflanzt werden

Ellar -So weit das Auge reicht, sieht man: Nichts. Jedenfalls nichts, was Gerhard Menger zufolge wie ein herkömmlicher, intakter Wald aussieht mit verschiedenen Baumarten, Laub- und Nadelhölzern, mit jungen Trieben, Gräsern und Farnen. Was man sieht zwischen dem Hadamarer Stadtteil Steinbach und dem Waldbrunn Ortsteil Ellar ist ein großflächig kahl gerupftes, ehemaliges Waldstück. Ein paar Bäume strecken sich noch empor. Mehr nicht. Die Situation ist dramatisch. Der jetzige Bestand muss erhalten und wieder erweitert werden, sagt Gerhard Menger von Hessen-Forst. Seit mehr als 15 Jahren betreut er den Wald der Gemeinde Waldbrunn. Buchen, Eichen, Fichten, Kiefern, Douglasien und Lärchen stehen hier auf 725 Hektar verteilt. Die Waldfläche hat sich in den Jahren nicht verändert, der Baumbestand schon.

Die ersten sichtbaren Spuren dieser Entwicklung zeigten sich zu Beginn des Jahres 2018. Orkantief Friederike zog durchs Land und knickte Bäume um wie Streichhölzer. Zahlreiche Wege seien versperrt gewesen, erzählt Menger. Insbesondere flachwurzelnde Fichten hatte es erwischt, während Douglasien zu einem großen Teil standhaft blieben. Immer wieder mussten die Forstwirte ausschwärmen, um die Schäden und deren Folgen zu beseitigen. Die waren allerdings in Nordhessen noch gewaltiger, weshalb die großen Waldarbeitsfahrzeuge dort eingesetzt wurden und die Fichten zunächst liegenblieben. Bereits das sei problematisch gewesen, sagt Menger.

Trockenheit und Borkenkäfer

Dann kam der trockene Sommer und mit ihm der Borkenkäfer, der sich bei wärmeren Temperaturen so rasant vermehrt, dass in einem Sommer bis zu drei Generationen heranwachsen können, sagt Menger. Während es nämlich bei einer gesunden Fichte 3000 bis 4000 Borkenkäfer braucht, um das Holz zu zerstören, reichen bei einer bereits geschädigten Fichte schon 300 bis 400 dieser Tierchen. Der Baumbestand bei Ellar war somit für die Käfer leichte Beute. Denn das Immunsystem der Bäume war kollabiert. Die Hälfte von rund 100 Hektar Fichte wurde zerstört, die Balance der nachhaltigen Waldwirtschaft ebenfalls, weil die Rechnung so geht: Je größer die Menge des Schadholzes ist, desto stärker muss der Einschlag gesunder Bäume reduziert werden.

Im Jahr darauf ging es für den Wald bedrohlich weiter. Im Durchschnitt sei die Temperatur während der letzten zehn Jahre um zwei Grad auf einen Jahresmittelwert von zehn Grad gestiegen, sagt Menger. "So schnell können sich die Bäume nicht anpassen." Der Borkenkäfer breitete sich weiter aus. Chemie dagegen einzusetzen, sei keine Option gewesen, sagt der Fachmann von Hessen-Forst. Erstens könne man keine Fläche dieser Größe spritzen. Zweitens sei der Wald zwischen Steinbach und Ellar eine Wasserschutzzone. Das Baumsterben ging weiter, auch wenn im vergangenen Frühjahr auf drei Hektar 7500 Bäume gepflanzt wurden. Berg- und Spitzahorn, Vogelkirsche, Roteiche, Schwarznuss, Winterlinde, Hainbuche, Weißtanne, Lärche und Douglasie wurden gesetzt, um den vorhandenen Baumbestand zu verstärken. Die noch stehende Hölzer sind zudem wegen ihrer Samen wichtig, betont Gerhard Menger. Denn was die Natur selbst hervorbringt, ist die Basis für die Arbeit der Förster.

Für jeden jungen Trieb im Wald sei man dankbar, sagt Menger. Eine Wachstumsgarantie haben diese Pflanzen indes nicht. Denn neben der sich stark vermehrende Erdmaus ist im Wald bei Ellar auch Wild unterwegs, das sich an den eiweißreichen Knospen der jungen Triebe bedient. Ja, räumt Gerhard Menger ein, "Wild gehört in den Wald". Nur müssen gerade die jungen Bäume geschützt werden etwa mit einem Schutzgitter, das den Wildverbiss verhindern soll. Außerdem muss der Wildbestand reguliert werden. Er arbeite eng und gut mit den Jägern aus Ellar zusammen. Das ist wichtig.

Sehr wichtig ist aber auch die erneute Pflanzaktion, die in diesen Tagen auf der 4,8 Hektar großen Fläche in Ellar beginnen soll. 13700 Bäume sollen gesetzt werden, deren Herkunft zertifiziert ist. Wenn die Herkunft nicht hochwertig ist, sagt Gerhard Menger von Hessen-Forst, wird sich der Wald nicht erholen. Das würde sich allerdings erst nach Jahren zeigen, und dann wird es zu spät sein.

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