Wolfgang Graumann zeigt den 250-Rubel-Geldschein, der seinem Großvater Karl Christian vor hundert Jahren als Dankeschön in Russland verehrt wurde.
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Wolfgang Graumann zeigt den 250-Rubel-Geldschein, der seinem Großvater Karl Christian vor hundert Jahren als Dankeschön in Russland verehrt wurde.

Was heimische Familien in Ehren halten

Waldbrunn: Wenn der Rubel rollt, trügt oft der Schein

Eine Geldnote als Talisman

Waldbrunn -Es gibt Andenken, die von Generation zu Generation sorgsam gepflegt und weitergegeben werden. Ist ihr materieller Wert auch oft gering, so erinnern sie doch an einen lieben Menschen, an ein besonders schönes oder trauriges Familienereignis oder an die frühere Heimat: Das können Ess- und Kaffeeservice, Vasen oder Bilder sein, Orden, Urkunden und vieles andere mehr.

Beim Beschauen der Gegenstände und dem Forschen nach Anlass und Herkunft wird Geschichte lebendig. So wird manch einem bewusst, welche verborgen gebliebene Kostbarkeit die eine oder andere Familie im Nassauer Land besitzt.

Die Familie von Wolfgang und Monika Graumann aus dem Waldbrunner Ortsteil Hintermeilingen hält einen seltenen Geldschein in Ehren. Er ist über hundert Jahre alt, lautet auf 250 Rubel und stammt aus dem damaligen zaristischen Großrussland.

Es wütete der Erste Weltkrieg an der Ostfront. Viele Menschen waren dem Aufruf des Zaren gefolgt, Münzen und andere Metallgegenstände für die russische Rüstungsindustrie zur Verfügung zu stellen. Der Rubel mit Metallmünzen rollte und der Zar entschädigte die Spender mit respektablen Geldscheinen, die einen Doppeladler, die Buchstaben der Münzstätten, die Jahreszahl und den Wert eines Rubels von 17,27 Dollar zeigten. Karl Christian Graumann, der Großvater von Wolfgang Graumann, hatte den besagten 250-Rubel-Schein 1917 nach Hause in sein beschauliches Dörfchen Eppenrod mitgebracht.

Nachdem der letzte Zar Nikolaus II. am 15. März 1917 infolge der Februarrevolution abdanken musste und Friedensverhandlungen mit Großrussland in Brest-Litowsk begannen, war es vielfach zu Verbrüderungen deutscher und russischer Frontsoldaten gekommen. Sie tauschten Geschenke aus. Neben Lebensmitteln wurden frisch gedruckte Rubelscheine verteilt. Karl Christian Graumann, der Großvater von Wolfgang erhielt den in Moskau gedruckten 250-Rubel-Schein in einem frontnahen Panjadorf zum Dank für Hilfeleistungen an der russischen Zivilbevölkerung geschenkt.

"Die Banknoten wurden in Säcken angeliefert und großzügig in den Panjadörfern verteilt. Obwohl ein Rubel laut Aufdruck in der damaligen Zeit einen Gegenwert von 17,27 Dollar haben sollte, wussten Freund und Feind, dass dieses Papiergeld wertlos war", hat Enkel Wolfgang herausgefunden.

Zum Feuermachen genutzt

Den letzten Beweis dafür hatte Graumann von russlanddeutschen Spätaussiedlern bekommen, die er seit drei Jahrzehnten ehrenamtlich beim Einleben in ihre neue Westerwälder Heimat unterstützt. Als er den Neubürgern eines Tages stolz seinen 250-Rubel-Schein zeigte, fragten sie ihn: "Wo hast du den her? Damit hat unsere Oma Feuer angemacht." Deutsche Frontsoldaten hatten die Banknoten zum Anzünden ihrer Zigaretten genutzt.

Dennoch: Zum Andenken, aber auch als Talisman hatte sich Karl Christian Graumann mehrere dieser Geldscheine, darunter den besagten 250-Rubel-Schein, behalten und bei einem Fronturlaub zum Ernteeinsatz auf seinem landwirtschaftlichen Gehöft in Eppenrod seiner Frau und den drei Kindern mitgebracht.

Nach dem Ausscheiden Russlands aus dem Krieg hatte die deutsche Heeresleitung beschlossen, durch mehrere Offensiven den Sieg an der Westfront herbeizuführen. Dazu wurden mehrere deutsche Truppenverbände mit Karl Christian Graumann und weiteren Kameraden aus dem Nassauer Land an die Westfront verlegt. Sein Talisman blieb bei seiner Familie in der Heimat zurück; er konnte ihm kein Glück mehr bringen. Bei der letzten großen Material- beziehungsweise Zermürbungsschlacht in Flandern wurde der Eppenroder schwer verwundet und erlag am 27. Oktober 1918 seinen Verletzungen im Lazarett in Neuwied.

In Zeiten der Weimarer Republik und des anschließenden Zweiten Weltkriegs behielt der Rubelschein für die Familie seinen ideellen Wert. Sogar dann noch, als Sohn Otto bei Kämpfen um Berlin verletzt und nach Moskau-Ljublino deportiert wurde, wo er 1947 im Kriegsgefangenenlager starb. Er wurde in der Nähe des Kremls mit weiteren 519 Kameraden auf einem deutschen Soldatenfriedhof beerdigt.

Schon lange kein Zahlungsmittel mehr

Heute befindet sich besagter Rubelschein bei den Nachfahren im Westerwald, wird irgendwann zu Urenkel Raphael in die nächste Generation wechseln und dort seinen ideellen Wert behalten. Zu klingenden Münzen, dem der Geldschein seinen Ursprung verdankt, kann er jedenfalls nicht mehr eingetauscht werden.

Hätte der Schein nicht getrügt, wäre die in Graumanns Besitz befindliche 250-Rubel-Note - sofern sie heute noch gültig wäre - rund 4300 Euro wert. Doch das damalige Papiergeld, das hauptsächlich für den Gebrauch in Regierungsstellen als für den allgemeinen Geldumlauf bestimmt war, ist schon lange kein Zahlungsmittel in Russland mehr. Von Dieter Fluck

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