Ein eingespieltes Team: Aber ihre Tochter Celina brauche auch wieder andere Menschen, sagt Ella Tripp. Doch in die Tagesförderstätte kann sie erst wieder, wenn sie geimpft ist. Und das ist das Problem.
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Ein eingespieltes Team: Aber ihre Tochter Celina brauche auch wieder andere Menschen, sagt Ella Tripp. Doch in die Tagesförderstätte kann sie erst wieder, wenn sie geimpft ist. Und das ist das Problem.

Isolation wegen Corona

Familie wartet verzweifelt auf Impftermin - und schaltet einen Anwalt ein

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Dass Celina Tripp aus Hundsangen im Westerwald dringend gegen Covid-19 geimpft werden muss, ist keine Frage - Die Frage ist, woher der Impfstoff kommen soll

Hundsangen - „Erst sind die behinderten Menschen vergessen worden, jetzt gibt es keinen Impfstoff für sie.“ Ella Tripp aus Hundsangen zwischen Montabaur und Limburg im Westerwald ist wütend, manchmal auch verzweifelt. Und sie fühlt sich alleingelassen. Mit ihrer Sorge um ihre Tochter und dem Versuch, alles zu tun, damit Celina auch die Corona-Pandemie überlebt.

Dass Celina Tripp längst geimpft sein müsste, bezweifelt eigentlich niemand. Dass sie eine Covid-19-Infektion wahrscheinlich nicht überstehen wird, auch nicht. Die 25-Jährige hat das Marden-Walker-Syndrom, ist körperlich und geistig schwerstbehindert, leidet ständig unter Infekten, ist rund um die Uhr auf Unterstützung angewiesen. Ein Pflegefall.

Corona-Pandemie: Impfungen nach dem Stufenplan der Stiko

Trotzdem ist sie eigentlich noch nicht dran. Weil sie auf den ersten Blick in keine der ersten beiden Gruppen im Impf-Stufenplan der Stiko einzusortieren ist: Sie ist nicht alt, hat kein Down-Syndrom und sie lebt nicht in einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung. Die anderen Klienten der Tagesförderstätte in Neuwied, die sie in normalen Zeiten besucht, sind alle längst geimpft. Celina Tripp nicht - weil sie nicht im Heinrich-Haus wohnt, sondern zu Hause in Hundsangen, bei ihrer Mutter. Und dort ist sie nun wegen der Corona-Pandemie seit einem Jahr, weil niemand sie den Gefahren draußen aussetzen will.

Die Belastung wird zusehends größer. Für Ella Trapp und für Celina. Sie weine viel und oft, sagt Ella Trapp. „Celina fehlen die Menschen“, der gewohnte Tagesablauf und natürlich auch die Therapien. Sie mache viel mit ihrer Tochter, sagt Ella Tripp. Aber die Therapeuten könne sie nicht ersetzen, und auch nicht die Freundschaften, die Celina in der Tagesförderstätte aufgebaut hat.

Weil sie all das schon lange weiß, hat Ella Tripp sich schon früh um eine Einzelfallentscheidung bemüht. Am 31. Januar hatte sie alle Unterlagen ans Gesundheitsministerium von Rheinland-Pfalz in Mainz geschickt - „per Einschreiben natürlich“. Weil sie am 27. Februar immer noch nichts gehört hatte, schickte sie alles noch einmal los: alle Atteste und alle anderen Unterlagen. Am 16. März kam die ersehnte Post: Celina Tripp habe Anspruch auf eine vorgezogene Impfung in der Priorisierungsgruppe 2, hieß es.

Coronavirus: Familie aus Hundsangen im Westerwald wartet bislang vergeblich auf Impftermin

Ella Tripp hatte alles vorbereitet, schließlich sollte ihre Tochter eine der ersten in dieser Gruppe sein. Am 2. März um 7 Uhr hatte sie sich auf der Terminvergabe-Seite des Landes Rheinland Pfalz um einen Termin bemüht. Sie hat noch immer keinen Termin, aber immerhin eine E-Mail, in der sie um Geduld gebeten wird.

Ella Tripp hat keine Geduld mehr. Deshalb hat sie immer wieder bei der Impf-Hotline angerufen. Und immer wieder dieselbe Auskunft bekommen: Dass das Impfzentrum in Hachenburg für sie zuständig sei, dass es dort keinen Impfstoff gebe, dass sie Geduld haben müsse. Da hatte sie noch die Hoffnung, dass vielleicht irgendwo anders mal eine Dosis Impfstoff übrig wäre für ihre Tochter. „Ich würde mit ihr überall hin fahren.“ Und sie hatte noch die Hoffnung, „dass ich mal jemanden am Telefon habe, der Erbarmen hat mit einem jungen Menschen, der chronisch krank ist“. Ohne Erfolg. Ihnen seien die Hände gebunden, teilten ihr die Mitarbeiter der Hotline mit.

Auch das Gesundheitsministerium in Rheinland-Pfalz kann Celina Tripp nicht helfen. Es verweist auf den Corona-Impfstopp mit AstraZeneca und hat ansonsten nur Erklärungen allgemeiner Natur parat: Dass Rheinland-Pfalz mit einem rollierenden System für die Terminplanung arbeite. „Das bedeutet: Die Planung erfolgt auf Basis der fest zugesagten Mengen an Impfstoff durch den Bund. Bei jeder Erstterminvergabe wird auch der Zweittermin in der Planung hinterlegt. Der limitierende Faktor für die Anzahl und damit das Tempo der Impfungen ist somit die Verfügbarkeit des Impfstoffs.“

Gesundheitsministerium in Mainz verweist auf Corona-Impfstopp mit AstraZeneca

Das Gesundheitsministerium in Mainz verspricht, dass alle rund 43 000 Rheinland-Pfälzerinnen und Rheinland-Pfälzer, die bis zum 10. April einen Termin zur Impfung mit AstraZeneca im Impfzentrum haben, auch geimpft werden - mit Impfstoffen von Biontech oder Moderna.

Aber so weit ist Celina Tripp ja noch gar nicht. Sie hat ja noch nicht einmal einen Termin. Und auch dafür das Gesundheitsministerium von Rheinland-Pfalz eine Erklärung: Bisher würden nur Termine für die Prioritätsgruppe 1 vergeben - anders als in Hessen. Hundsangen liegt zwar genau an der Grenze, aber bei der Corona-Schutzimpfung ist das nicht relevant. Da gilt das Wohnortprinzip, teilt das Ministerium mit. „Das heißt, die Impfung erfolgt im Impfzentrum des Heimatkreises beziehungsweise der Heimatstadt. Bei der Anmeldung wird dies über die Postleitzahl automatisch zugeordnet.“ Also bleibe nur Hachenburg. Und: „Neue Termine für die Priorität 2 in den Impfzentren können wegen des Aussetzens der Impfungen mit AstraZeneca zunächst nicht vergeben werden.“

Ella Tripp sagt, sie wisse nicht mehr weiter. Sie hat sich jetzt einen Anwalt genommen. Lange warten möchte sie jedenfalls nicht mehr. „Diese Zwangsisolierung kann ich Celina nicht mehr lange zumuten.“ Sie könne ihr ja nicht einmal erklären, warum sie ihr normales Leben nicht mehr leben kann. „Celina fehlt die Perspektive und das Verständnis, warum das alles so ist.“ (Sabine Rauch)

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