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Wann wird Heizen zum Luxus?

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Von: Stefan Dickmann, Rolf Goeckel, Tobias Ketter

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Wer seine Heizung mit Gas betreibt, muss teils deutlich mehr bezahlen.
Wer seine Heizung mit Gas betreibt, muss teils deutlich mehr bezahlen. © picture alliance/dpa

Energieversorger im Kreis Limburg-Weilburg und in Diez wollen keine Panik schüren, aber die Nervosität ist spürbar

Limburg-Weilburg -In den nächsten Tagen wird uns erst einmal die Hitze beschäftigen mit prognostizierten Temperaturen in unserer Region von um die 40 Grad. Aber spätestens wenn die offizielle Heizperiode am 1. Oktober startet, wird uns vor allem die mögliche Kälte in unseren Wohnungen Sorgen bereiten, wenn das schlimmste Szenario eintritt - gar kein Erdgas mehr aus Russland. Das dann noch zur Verfügung stehende Erdgas wird sehr teuer sein. Wann wird Heizen zum Luxus?

"Stand heute" werde es in diesem Jahr keine Preiserhöhungen beim Erdgas geben, erklärt der Geschäftsführer der Energieversorgung Limburg (EVL), Gert Vieweg. Es hat allerdings schon zwei Preiserhöhungen der EVL gegeben, zum 1. Januar dieses Jahres und zum 1. Juni, was im Vergleich zu den Vorjahren ungewöhnlich ist. "Keine Preisexplosion" verspricht der Geschäftsführer der Stadtwerke Diez, Peter Keßler.

Die Süwag, die ebenfalls Kunden im Landkreis Limburg-Weilburg mit Erdgas beliefert, erklärt, "dass sich für die Endkundenpreise vorerst keine Entspannung zeigen wird". Eine konkrete Entwicklung der Preise sei "aktuell aber nicht seriös prognostizierbar". Wie sich die Preise für die Bürger in den kommenden Jahren entwickeln werden, könne aktuell nicht beantwortet werden, erklärt auch der Chef der Stadtwerke Weilburg, Jörg Korschinsky. Neukunden der Stadtwerke müssten allerdings aufgrund der Gas-Krise derzeit schon etwa doppelt so viel bezahlen wie die Bestandskunden.

Noch nicht berücksichtigt ist dabei jedoch der Wille der Bundesregierung, den deutschen Gasversorgern die Möglichkeit zu geben, die inzwischen sehr viel höheren Einkaufspreise beim Erdgas sofort an die Endkunden weitergeben zu dürfen - aus Sorge, diese könnten sonst pleite gehen. Und das würde auch die Kunden betreffen, die noch einen längerfristigen Tarif mit einer "Preisgarantie" haben. Denn die gäbe es dann nicht mehr.

Laufzeitverträge gibt

es vorerst nicht mehr

Immerhin rund jeder zweite EVL-Kunde hat noch einen solchen Sondertarif, erklärt Geschäftsführer Vieweg. Aber: "Die Laufzeitverträge haben wir im Januar von der Homepage genommen." Das heißt: Bei einer mittlerweile nur noch üblichen Vertragsdauer von zwölf Monaten rutschen diese Erdgas-Kunden in den nächsten Monaten in die teurere Grundversorgung. Der Grund für den Verzicht auf solche Sondertarife? "Vom 1. Oktober 2021 bis zum 27. Juni 2022 hat sich der Preis für eine Kilowattstunde Erdgas am Großhandelsmarkt (Energiebörse) ohne Steuern und Abgaben verdreifacht", sagt Vieweg.

"Aus Wettbewerbsgründen" möchte die Süwag keine Zahlen nennen, wie viel Prozent ihrer Kunden derzeit noch einen Sondertarif mit einer Preisgarantie haben. "Tarife mit Preisgarantie wurden im ersten Halbjahr 2022 nach und nach aus der Vermarktung genommen", erklärt Süwag-Sprecherin Maren Engelhardt. Wegen der deutlichen Verteuerung der Einkaufspreise an den Großhandelsmärkten biete die Süwag "im Moment keine Gastarife mit Preisgarantie an".

Auch die Stadtwerke Diez haben reagiert. "Wir nehmen seit einem halben Jahr keine Neukunden außerhalb des Versorgungsgebiets mehr an", sagt Geschäftsführer Peter Keßler. Lediglich Kunden aus dem Versorgungsgebiet würden neu aufgenommen - dann allerdings zu einem Grundversorgungstarif, der höher ist als der Tarif, den Bestandskunden zahlen. Das kommunale Unternehmen versorgt neben der Stadt Diez auch die Ortsgemeinden Birlenbach (mit Fachingen), Altendiez und Heistenbach mit Gas.

Gleichmäßiger

verteilen

Dass die Politik die gesetzlichen Möglichkeiten schaffen möchte, teurere Einkaufspreise beim Erdgas kurzfristig an die Kunden weiterzugeben, wird von der Süwag ausdrücklich begrüßt. Dies sei ein "nachvollziehbarer Schritt", teilt Engelhardt mit. Diese Instrument bilde "eine geeignete Grundlage, die zusätzlichen Kosten einer Ersatzbeschaffung für wegfallende Gasimporte gleichmäßiger und berechenbarer auf die Verbraucher zu verteilen".

Die Süwag hat zuletzt zum 1. Juli ihre Gaspreise in einzelnen Produkten für Bestandskunden um je nach Produkt 4,5 bis 6,0 Cent pro Kilowattstunde (kWh) "aufgrund der stark angestiegenen Rohstoffpreise" deutlich erhöht. Bei einem Jahresverbrauch von 15 000 kWh bedeute dies eine Mehrbelastung von 56 Euro bis 75 Euro pro Monat. Nach Angaben der Süwag mit Sitz in Frankfurt sind davon rund 24 000 Kunden betroffen.

Die Süwag senkte nach eigenen Angaben hingegen die Gaspreise in der Grundversorgung für Neu- und Bestandskunden zum 1. Juli um 1,9 Cent pro Kilowattstunde (kWh) brutto, wovon allerdings nur rund 1000 Kunden betroffen seien. Die Preissenkung begründet sie damit, dass sie bei der Kalkulation ihrer derzeitigen Grundversorgung bereits für einen Teil der ungeplanten Kundenzugänge erhöhte Beschaffungskosten berücksichtigt habe. Inzwischen sei die Beschaffung für diese Kunden abgeschlossen und im Moment seien auch keine weiteren ungeplanten Kundenzugänge absehbar.

Die Gasmengen

langfristig beschafft

Die gestiegenen Einkaufspreise für Gas wirken sich auch auf einen Teil der Kunden der Stadtwerke Diez aus. Wie Geschäftsführer Keßler erklärt, steigen die Preise im Regionaltarif zum 1. August um etwa 3,2 Cent pro Kilowattstunde. Nicht betroffen davon seien Kunden, die einen Festpreis vereinbart haben. Sie sind bis August 2023 von Preiserhöhungen ausgeschlossen - es sei denn, der Gesetzgeber wird aktiv, so Keßler. Spätestens ab 2024 müssten jedoch alle Gaskunden mit Preiserhöhungen rechnen - vorausgesetzt, dass die Einkaufspreise auf dem gestiegenen Niveau bleiben oder weiter steigen.

Insgesamt blickt der Stadtwerke-Chef zumindest momentan noch einigermaßen entspannt auf die Versorgung der Verbraucher. "Wir haben alle notwendigen Gasmengen langfristig beschafft", sagt Keßler. Lediglich eine etwas kleinere Menge musste kürzlich sehr teuer nachgekauft werden. Die höheren Preise wurden nun an die Kunden weitergereicht. Aber: "Wir werden keine Preisexplosion bekommen."

Die Zukunft des Gasmarkts hängt nach Keßlers Einschätzung zum einen davon ab, wie viel Gas aus Russland künftig noch nach Deutschland gelangt, zum anderen davon, wie die Bundesregierung mit der Situation umgeht. Aus seiner Sicht wäre es das Einfachste, wenn der Staat die Vorlieferanten der Gasversorger wie Uniper finanziell unterstützt, um die Gaspreise für den Endverbraucher auf einem zumindest erträglichen Niveau zu halten. Keßler: "Ich würde die Preise nur dann erhöhen, wenn die Vorlieferanten erhöhen." Technisch haben sich die Stadtwerke Diez mit den benachbarten Gasnetzbetreibern und mit Unterstützung von Experten auf eine mögliche Gasmangellage vorbereitet, um im Fall der Fälle die Netze gefahrlos herunter- und auch wieder hochfahren zu können, so der Geschäftsführer.

Bestandskunden der Stadtwerke Weilburg müssen trotz der gestiegenen Einkaufspreise für Gas derzeit nicht mehr bezahlen. "Wir haben über Jahre hinweg im Voraus eingekauft, so dass sie ihr Gas immer noch recht günstig beziehen", sagt Geschäftsführer Korschinsky.

Plädoyer für

ein Umlagesystem

Er ist der Meinung, dass ein Umlagesystem nötig sei, um negative Folgen auf wirtschaftlicher Ebene abzufedern. Dies sei definitiv sinnvoller, als alle Verträge zu ändern. Darüber hinaus solle die Bundesrepublik mit den anderen europäischen Staaten eine "Allianz" aufbauen, damit der Wohlstand trotz der gestiegenen Preise aufrecht erhalten werden könne. "Die Lage ist ernst, aber wir kommen da durch, wenn wir alle zusammenstehen", betont er.

Korschinsky befürchtet, dass künftig deutlich weniger Gas zur Verfügung stehen wird. "Es handelt sich um ein knappes Gut. Wenn zu wenig Gas da ist, sind wir gefordert, um die Versorgung aufrechtzuhalten", so der Geschäftsführer weiter. Auf dieses Szenario habe man sich gemeinsam mit Installateuren vorbereitet, so dass die Netze auch in Weilburg problemlos herunter- und wieder hochgefahren werden können.

Trotz der angespannten Situation blickt Korschinsky nicht gänzlich pessimistisch in die Zukunft. Die schwierige Lage könne mitunter auch einen positiven Aspekt haben. Denn die Gesellschaft werde eventuell dazu gezwungen, schneller auf umweltfreundlichere Energien umzusteigen. Er hat darüber hinaus großes Vertrauen in Bundesminister Robert Habeck (Grüne). "Er überlegt überparteilich, wie wir durch den Winter kommen. Dabei werden die Bürger auch immer wieder informiert", sagt Korschinsky. Der Politiker löse die "Mammutaufgabe" bislang sehr gut.

Die Stadtwerke Weilburg bekommen ihr Gas übrigens von Uniper; das gilt auch für die Stadtwerke Diez und die EVL in Limburg. Woher dieses Unternehmen das Gas bezieht, weiß Korschinsky nicht. "Die Zusammensetzung ist nicht nachzuverfolgen. Das Gas kommt nämlich ins Land und wird dann eingespeichert, bevor es wieder über Pipelines verteilt wird."

Landkreis bereitet sich

auf mögliche Engpässe vor

Die zum Jahresende befürchteten Engpässe in der Erdgas-Versorgung hat die heimische FDP-Landtagsabgeordnete Marion Schardt-Sauer aus Ahlbach zum Anlass für ein Schreiben an Landrat Michael Köberle (CDU) genommen. Sie bittet ihn darum, "innerhalb der von der Kreisverwaltung verantworteten Liegenschaften dafür Sorge zu tragen, dass Gas eingespart wird, wo immer dies möglich und zumutbar ist". Ein längerfristiger Ausfall der Gasversorgung werde zudem "kaum absehbare Auswirkungen auch auf andere kritische Infrastrukturen nach sich ziehen". Der Landkreis Limburg-Weilburg solle deshalb als für den Katastrophen- und Bevölkerungsschutz zuständige Gliederung "unverzüglich" alle Maßnahmen einleiten, "um sensible Einrichtungen des Kreises zu schützen". Die Landtagsabgeordnete nennt dabei Krankenhäuser, Sanitätsdienste, Ärzte-Zentren, Pflege- und Sozialeinrichtungen, Schulen und Feuerwehren.

Wie der Kreissprecher Jan Kieserg gestern auf Anfrage mitteilte, hat der Landrat der Landtagsabgeordneten am 11. Juli telefonisch geantwortet. "Auf Betreiben von Herrn Landrat Köberle gab es erstmals bereits Anfang März 2022 einen intensiven Austausch mit den Energieversorgern, der weiterhin regelmäßig stattfindet", teilt Kieserg mit. "Eine enge Abstimmung erfolgt zudem zwischen Kreisverwaltung, Bundeswehr und Polizei. Auch die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister des Landkreises Limburg-Weilburg wurden frühzeitig und werden regelmäßig über die aktuelle Situation informiert." Bei den Gesprächen seien alle Szenarien beleuchtet worden. "Alle Organisationen bereiten sich derzeit autark auf mögliche Energieengpässe vor, nach den Sommerferien wird es gemeinsame Tests geben." Landrat Köberle gehe es bei diesen Bemühungen insbesondere darum, im Landkreis zum Wohle der Bürger so gut wie möglich auf solche Engpässe vorbereitet zu sein.

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