Diese Tafel im Weilburger Bahnhof erinnert an die Vertriebenentransporte vor 75 Jahren.
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Diese Tafel im Weilburger Bahnhof erinnert an die Vertriebenentransporte vor 75 Jahren.

Aus dem Sudetenland nach Limburg-Weilburg

Die alte Heimat verloren und eine neue gefunden

  • Rolf Goeckel
    vonRolf Goeckel
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Vor 75 Jahren kam der erste Vertriebenentransport in Weilburg und damit in der Region an. Josef Plahl und Otto Riedl erinnern sich.

Weilburg -Morgen vor 75 Jahren, am 4. Februar 1946, kam der erste Transport mit Heimatvertriebenen in Weilburg und damit auch im heutigen Landkreis Limburg-Weilburg an. Es handelte sich um einen Güterzug mit 40 Waggons, in dem 1204 Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht waren. Gestartet war der Zug in Kuttenplan im Sudetenland im heutigen Tschechien. Es war einer von 295 Vertriebenentransporten aus dem Sudetenland. Untergebracht waren die Flüchtlinge damals in Übergangslagern in Weilmünster und Villmar, von wo aus sie weiter verteilt wurden.

Zu ihnen gehörten Otto Riedl (83) aus Löhnberg und Josef Plahl (82) aus Weilburg, die damals noch Kinder waren, aber bis heute lebhafte Erinnerungen an die Ankunft in der neuen Heimat haben. Den Kontakt zu ihren Herkunftsorten haben sie über Jahrzehnte gepflegt, Riedl als Kreisobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Plahl als Vorsitzender des Bunds der Vertriebenen (BdV). Beide wurden für ihre Verdienste mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Die Familie von Otto Riedl, damals ein achtjähriger Bub, musste im Oktober 1946 auf Anordnung der Behörden ihr landwirtschaftliches Anwesen in Langlamnitz bei Karlsbad im Egerland verlassen. Die Familie lud ihre Habseligkeiten auf ein Pferdefuhrwerk, mit dem es zum Bahnhof nach Buchau ging. Von dort fuhren sie mit dem Zug über die tschechoslowakisch-deutsche Grenze zunächst nach Bayern und dann weiter nach Weilburg in der amerikanischen Zone.

Otto Riedl hat bis heute das Bild des elterlichen Hauses mit dem runden Fenster vor Augen. "Ich habe mich damals schon gefragt: Wirst du das jemals wiedersehen?", erzählt er. Sollte er nicht. Denn bei seinem ersten Besuch in der alten Heimat im Jahr 1966 standen von dem Haus nur noch die Grundmauern. Bäume wuchsen dort, wo einst die Familie Riedl lebte. Am 25. Oktober kam sie in Weilmünster an, von wo aus sie vier Tage später weiter nach Löhnberg zog. Die Habseligkeiten der Riedls wurden in Weilmünster auf einen amerikanischen Lkw aufgeladen. "Da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Schwarzen gesehen", erinnert sich der damals achtjährige Otto noch lebhaft.

Die ganze Familie

in einem Raum

Die erste Bleibe in der neuen Heimat befand sich im ehemaligen "Braunen Haus", dem Parteisitz der NSDAP. Sie war kärglich. Die sechsköpfige Familie - das waren drei Kinder, die Eltern und die Oma - hauste in einem einzigen, etwa 25 Quadratmeter großen Raum. In dem Haus waren insgesamt fünf Familien untergebracht, es gab eine Toilette - für 27 Personen. Geschlafen wurde anfangs auf Strohlagern, erinnert sich Otto Riedl. Betten gab es erst später. Der Junge aus dem Sudetenland hatte in der ersten Zeit durchaus auch Verständigungsschwierigkeiten. "Ich hatte zum ersten Mal überhaupt Hessisch gehört - und nichts verstanden."

Etwas mehr Platz stand Familie Riedl zur Verfügung, als sie eine Veranda nutzen durfte, die auch als Schlafstätte diente. Im Winter ein ungemütlicher Ort, wie sich Riedl erinnert. "Wir haben Ziegelsteine auf einem Kanonenofen heiß gemacht und ins Bett gelegt." Auch das Essen war knapp in jener Zeit. "Wenigstens gab es etwas Warmes am Mittag", erzählt er. Der Vater, der in der alten Heimat eine Mühle betrieben hatte, zog übers Land, um bei Müllern der Region betteln zu gehen. Notgedrungen mussten die Riedls manchmal auch Kleidung gegen Essen eintauschen.

Dass Löhnberg die neue Heimat der Familie sein sollte, wollte Riedls Mutter zunächst gar nicht glauben. Sie habe zu ihrem Mann immer gesagt: "Lass die Kisten zu, wir kommen doch wieder heim." Die Großmutter habe nachts wegen des Verlustes der Heimat des öfteren geweint. "Es gab in dieser Zeit viele Vertriebene, die sich das Leben nahmen", so Riedl.

Bereits einige Monate früher war Josef Plahl mit dem Zug in Weilmünster angekommen. Die Familie Plahl stammt aus Zeidlwied bei Sandau und musste im Juni 1946 die Heimat verlassen. Am 20. Juni, es war Fronleichnam, ging es mit einem Ochsengespann nach Bad Königswart. "Als wir dort in der Baracke angekommen waren, fingen Kinder an zu schreien", erinnert sich Plahl. Wenige Tage später ging es weiter nach Eger und von dort aus im 40-Waggon-Gütertransport nach Wiesau in der Oberpfalz. Die Worte eines tschechischen Uniformierten klingen ihm bis heute im Ohr, erzählt Plahl: "Ihr wolltet doch heim ins Reich."

Am 28. Juni kam die achtköpfige Familie, bestehend aus vier Kindern, Eltern und Großeltern, in Weilmünster an. Dort wurde sie von der Polizei auf zwei Räume à zwölf Quadratmeter verteilt. Möbel gab es keine, lediglich ein gusseiserner Kanonenofen stand zur Verfügung. Zu Essen gab es wenig. "Meine jüngste Schwester schrie nachts vor Hunger", erzählt Plahl. Eine Bäuerin aus der Nachbarschaft hatte Mitleid und brachte Milch für das Kind.

Josef Pahl sah erst 1990, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, die alte Heimat wieder. Als Geheimnisträger waren ihm Besuche im damaligen Ostblock verwehrt. Von seinem Heimatdorf Zeilweid war nicht viel übrig geblieben: Von ehemals 24 Häusern standen nur noch acht. Auch Langlammitz, das Heimatdorf von Otto Riedl, war deutlich geschrumpft: von ehemals 640 auf etwa 100 Einwohner.

75 Jahre nach ihrer Vertreibung haben Riedl und Plahl, wie sie sagen, keine revisionistischen Gedanken. "Wir erkennen die Verbrechen der Deutschen an, fordern aber auch, dass die Verbrechen an Deutschen nicht vergessen werden", sagen sie. Sie kritisieren, dass der tschechische Staat bis heute die sogenannten Beneš-Dekrete von 1946 nicht aufgehoben hat. Diese Erlasse der tschechoslowakischen Nationalversammlung, benannt nach dem ehemaligen Staatspräsidenten der Tschechoslowakei Edvard Beneš, verfügten unter anderem die Ausbürgerung und Enteignung der damals in der Tschechoslowakei lebenden 2,9 Millionen Deutschen. Bis heute sind die Beneš-Dekrete ein Streitpunkt zwischen der tschechischen Regierung und den Vertriebenenverbänden.

Unzählige Fahrten

organisiert

Otto Riedl bezeichnet sich heute als "Löhnberger Hesse, der aber Egerländer geblieben ist". Einen Wahlspruch von Adalbert Stifter zum Thema Heimat hat sich der 83-Jährige, wie er sagt, zu eigen gemacht. Er lautet: "Lass Dir die Fremde zur Heimat, aber nie die Heimat zur Fremde werden." Getreu diesem Motto hat Otto Riedl die Bande zum Sudetenland nie abreißen lassen, hat seinen Kindern und Enkelkindern die Wurzeln der Familie gezeigt und mit der Sudetendeutschen Landsmannschaft insgesamt 42 Fahrten in die Region organisiert.

Dass die Bande in die alte Heimat schwächer werden, lässt sich für Otto Riedl und Josef Plahl kaum ändern. Die jüngere Generation interessiere sich kaum noch für die Herkunft der Großeltern. Ihre Aufgabe sehen die beiden Verbandsvertreter aber noch nicht beendet: "Wir treten weiter für Frieden in Freiheit und Wahrhaftigkeit ein", sagen sie.

Alle 1204 Personen mussten sich

einer Entlausung unterziehen

In den heutigen Landkreis Limburg-Weilburg kamen nach Angaben des Bundes der Vertriebenen (BdV) insgesamt 20 Vertriebenentransporte: Vier Züge nach Weilburg mit 4776 Menschen, drei Züge nach Limburg mit 3607 Personen und 13 Züge mit 15 432 Frauen, Männern und Kindern nach Weilmünster.

Aufnahme- oder Übergangslager befanden sich in Weilmünster (ehemaliges RAD-Lager), Villmar und Schupbach. Im ehemaligen Oberlahnkreis wurden 21 433 Heimatvertriebene untergebracht oder 21 Prozent der Bevölkerung. Im Altkreis Limburg fanden 11 462 Vertriebene eine neue Bleibe oder 14,6 Prozent der Einwohner. Hessen hat 1946, 1949 und 1950 insgesamt 733 789 Vertriebene und Flüchtlinge aufgenommen; von diesen stammten 395 789 aus der ehemaligen Tschechoslowakei.

In einem Beitrag über den ersten Vertriebenen-Transport am 4. Februar 1946 schildert Werner Richter aus Weilburg im Kreisheimatjahrbuch 2021 die damaligen Geschehnisse sehr anschaulich: "Furth i.W. war die Station an der tschechisch-deutschen Grenze, wo die US-Besatzungsbehörden den Zug und die Liste übernahmen. Alle 1204 Personen mussten sich einer Entlausung mit DDT-Pulver unterziehen, um in die US-Zone von Bayern einreisen zu können. (. . .) Unser Zug wurde weitergeleitet und kam über Würzburg und Frankfurt in Weilburg an. Vorher gab es einen Aufenthalt in Aschaffenburg, wo unsere Mutter für sich und die drei Kinder etwas Brot und Bier bekommen konnte.

In Weilburg wurde der Zug geteilt. Eine Hälfte fuhr nach Villmar, während unser Zug nach Weilmünster ging. Vom Bahnhof zogen dann 600 Menschen in das ehemalige RAD (Reichsarbeitsdienst)-Lager, welches sich in der Nähe der Klinik auf einer Anhöhe des Weiltals im Bereich der heutigen Berliner Straße in Weilmünster befand. Von dort erfolgte nach einigen Tagen die Verteilung auf die Gemeinden im Oberlahnkreis und einige Gemeinden im Kreis Wetzlar."

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