An der Gedenktafel (von links): Stadtrat Matthias Knaust, Lehrer Michael Glotzbach, Wilinaburgia-Vorsitzender Eugen Rudolph Ancke, Schulleiter Stefan Ketter, Schulsprecherin Fiona Bückner und Andreas Blum vom Vorstand des Vereins Wilinaburgia.
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An der Gedenktafel (von links): Stadtrat Matthias Knaust, Lehrer Michael Glotzbach, Wilinaburgia-Vorsitzender Eugen Rudolph Ancke, Schulleiter Stefan Ketter, Schulsprecherin Fiona Bückner und Andreas Blum vom Vorstand des Vereins Wilinaburgia.

Erinnerungskultur in Weilburg

Eine Mahnung gegen das Vergessen

Ehrentafel für die Opfer und Verfolgten der NS-Herrschaft am Philippinum übergeben

Anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Wilinaburgia - des Vereins der ehemaligen Angehörigen und der Freunde des Gymnasiums Philippinum Weilburg - ist jetzt feierlich eine Ehrentafel für die Opfer und Verfolgten der NS-Herrschaft an das Gymnasium übergeben worden. Über die Entstehung der Tafel sprach Volker Schmidt, der auch für das Mitteilungsblatt der Wilinaburgia verantwortlich ist. Sie sei als ein Ort des Gedenkens und als Ermahnung gegen das Vergessen gedacht, sagte er. Sie stehe für demokratische Werte und gegen Diskriminierung.

Die Verantwortlichen der Wilinaburgia hätten sich intensiv mit der Geschichte auseinandergesetzt und dies auch in ihrer Festschrift niedergelegt, sagte Schmidt. So dürfe die Rolle der Vereins und der Schule in dieser Zeit ebenfalls nicht vergessen werden, besonders in einer Zeit, in der sich bereits wieder rechte Tendenzen in der Gesellschaft ausbreiteten. Jeder Krieg bringe Leid und Tod, und der Zweite Weltkrieg sei eine einzigartige Barbarei gewesen, die Millionen Menschen das Leben gekostet habe. "Wir müssen auch Licht in den Schatten vor der eigenen Haustür bringen", sagte Schmidt.

Er hatte einen Kasten mit den Namenskarteien von mehr als 150 Schülerinnen und Schülern dabei, die Opfer der Nazis wurden. "Dass die ,Erinnerungsschatten' mit all der ihnen innewohnenden Vertracktheit sich an diesem Ort nun ein wenig lichten, war an einer Schule lange überfällig. Einer Schule, die in ihrer fast 500-jährigen Geschichte jüdische Schüler mindestens vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1935, als mit Margot Wallach die letzte jüdische Schülerin sie verließ, unterrichtete", sagte Schmidt.

Schicksale spielten

lange keine Rolle

Nach 1945 habe weder für die Schule noch für die Wilinaburgia das Schicksal der bis dahin über 150 jüdischen Schülerinnen und Schüler eine Rolle gespielt. Nicht einmal Eugen Caspary, der als Lehrer und Bibliothekar der Schule, als Schriftleiter des Mitteilungsblatts der Wilinaburgia sowie als ausgewiesener Regionalhistoriker sein ganz eigenes Interesse an der jüdischen Geschichte im Landkreis hatte, habe sein Wissen genutzt, um die Geschichte der jüdischen Schülerinnen und Schüler aufzuklären. "Ich denke, ein abgrundtiefes Grauen vor dem, worauf er bei seinen Recherchen unweigerlich gestoßen wäre, lähmte seinen Forscherdrang", sagte der Redner.

Dass die Wilinaburgia, ganz dem Geist der Nachkriegszeit folgend, verschwiegen und verdrängt habe, dass sie 1935 faktisch all ihre jüdischen Mitglieder aus dem Verein ausgeschlossen hatte, verwundere mit Blick auf die Wirtschaftswunderjahre nicht. Bereits 1922 und 1956 hatte die Wilinaburgia zwei Gedenktafeln für die Gefallenen der Kriege gestiftet. Die dritte Tafel erinnert nun an die Schicksale der jüdischen Opfer. Volker Schmidt nannte auch Beispiele: so den 1901 in Weilburg geborenen und 1943 in Auschwitz ermordeten Werner Herz, der nicht nur ein Schüler war, sondern auch als Schriftführer und Gründer der Berliner Ortsgruppe der Wilinaburgia eines der aktivsten Vereinsmitglieder bis zum Beginn der Nazi-Herrschaft.

Der Heidelberger Gynäkologieprofessor Max Neu und seine Frau Louise wurden im Oktober 1940 verhaftet und zusammen mit 6500 anderen jüdischen Menschen nach Südfrankreich in das Lager Gurs deportiert. Das Paar beging gemeinsam Selbstmord. Viele weiteren Beispiele nannte Schmidt - und er sagte auch, dass die Tafel keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe.

Erinnerungskultur

pflegen

"Es macht einen immer wieder sprachlos, wenn man die Schicksale vor Augen geführt bekommt", sagte Rektor Stefan Ketter. Um so wichtiger sei es, dass die Schule die Erinnerungskultur pflege und Dokumente in der Bibliothek aufbewahre - insbesondere in einer Zeit rechtsextremer Zunahme und von Anschlägen, Rassismus und Antisemitismus sowie Mobbing im Schulalltag. Und er wies darauf hin, dass der Tafel im Unterricht ebenso Aufmerksamkeit gelten werde wie schon die Pflege des Arolsen-Archivs und des nebenan befindlichen jüdischen Friedhofs.

Schulsprecherin Fiona Bückner dankte "für diesen besonderen Tag" und sprach sich für die gesellschaftlichen Werte Toleranz, Unterstützung und Anerkennung aus. Die Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Diana Hörle, die 1948 in Haifa geboren wurde, berichtete in ergreifender Weise davon, dass viele ihrer Familienmitglieder umgebracht worden seien, was für sie Anlass war, sich zu engagieren und mitzuhelfen, die Jugend aufzuklären. Dem Gymnasium und seiner Lehrerschaft dankte sie dafür, dass hier Wert auf ein gutes menschliches Miteinander gelegt werde.

Kreisbeigeordneter Ulrich Marschall von Bieberstein überbrachte die Grüße von Landrat Michael Köberle (beide CDU) und der Kreisgremien und sagte, dass man niemals vergessen dürfe, was damals auch hier in Weilburg geschehen sei. Er fügte an: "Wehret den Anfängen."

Die Grüße von Bürgermeister Dr. Johannes Hanisch (CDU) überbrachte Stadtrat Matthias Knaust (FWG), der selbst ab 1972 Schüler am Gymnasium war und heute Mitglied der Wilinaburgia ist. Als Schüler habe er die anderen beiden Tafeln oft betrachtet und durch den Namen der Gefallenen vage ein Gefühl dafür bekommen, was es bedeutet, in Frieden zu leben, sagte er. Die neue Tafel nun stelle eine weitere eindringliche Mahnung dar, dass Diktatur nie wieder geschehen dürfe.

Dirk Fredl vom Staatlichen Schulamt erinnerte an Sophie Scholl und ihr Engagement im Widerstand. "Wir müssen das Bewusstsein der jungen Menschen dafür schärfen, dass sie die Zeichen für Totalitarismus frühzeitig erkennen", sagte der Schulamtssprecher. Margit Bach

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