Höchstes Pisé-Haus der Welt

„Hochhaus“ aus Lehm

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Das höchste Pisé-Haus der Welt in der Stadt Weilburg soll gründlich saniert werden.

Zu den Besonderheiten, die aus der Geschichte der Stadt Weilburg erhalten sind, zählt der Welt höchstes Pisé-Haus. Ein sechs Stockwerke hoher Bau, der etwa um 1830 in Lehmstampf-Technik durch den Pionier des Weilburger Pisé-Bauens, Wilhelm Jacob Wimpf, als Wohnhaus seiner Kinder errichtet wurde. Seit einigen Jahren steht es schmucklos in grauer Farbe mit verfallener Fassade und Fensterläden in der Niedergasse in Nachbarschaft des schmucken Hotels „Lahnschleife“.

Das soll nicht so bleiben. Nicht etwa, dass die für Weilburg und die ganze Welt bestehende Besonderheit etwa zum Abbruch freigegeben wäre. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude wurde von der Residenzstadt vielmehr erworben, wird saniert und zum Bewohnen hergerichtet. Mit der vom Denkmalschutz, dem Land Hessen und aus weiteren Töpfen geförderten Maßnahme beginnt in der barocken Residenz die im Haushaltsplan 2016 angekündigte Altstadtinitiative, die in eineinhalb Jahren umgesetzt werden soll.

Bürgermeister Hans-Peter Schick (parteilos) und Manfred Weber von der Denkmalpflege Hessen erläuterten vor Ort das Projekt, mit dem schon in Kürze begonnen wird. Demnach sollen in dem historischen Gebäude mehrere Wohnungen und eventuell eine Räumlichkeit für eine geschäftliche Nutzung geschaffen werden. So jedenfalls sehen es die noch in den Anfängen steckende Planungen vor, die nach der Bestandsaufnahme vorangetrieben werden.

Häuser in Lehmstampfbauweise sind in etlichen Ländern Europas, Afrikas und Asiens wegen ihres guten Wohnklimas geschätzt. Als Wilhelm Jacob Wimpf sie in Weilburg populär machte, war das Verfahren bereits ausgereift und bewährt. Der schmucklose Bau in der Niedergasse mit einfachem Satteldach wurde über einem steil abfallenden Hanggelände erstellt, ist an der Straße drei und rückseitig – einschließlich des Kellersockels – sechs Stockwerke hoch. Mit der Bewältigung der für die Stadt typischen Standortprobleme bei mäßigen Mauerstärken demonstrierte Wimpf die vorteilhafte Statik seiner Materialtechnik. Allgemein ist kein höherer Pisé-Bau bekannt. Das Äußere, abgesehen von einer späteren Verschieferung des Südgiebels, entspricht weitgehend dem Originalzustand.

Schon vor Jahrtausenden bauten Menschen Unterkünfte aus einfachem Material, bis später technische Entwicklungen neue Baustoffe zur Verfügung stellten. Erde zum Bauen stand überall dort zur Verfügung, wo Menschen lebten. Sie nutzten sie schon sehr früh, ebenso den Lehm, den sie mit Pflanzenfasern und anderen Zusätzen verbesserten. Gestampfte Mauern aus Lehmerde fanden sich bei Ausgrabungen in Jericho, die mit mehr als 8000 Jahren als älteste Stadt der Welt gilt. In Ägypten wurden vor 4000 Jahren Ziegel aus getrocknetem Nilschlamm zur Auskleidung von Gräbern benutzt; der im 7. Jahrhundert vor Christus errichtete biblische Turm zu Babel bestand aus Lehmerde, und auch für den Bau der Chinesischen Mauer im 3. Jahrhundert vor Christus wurde in langen Abschnitten Lehmerde verwendet.

Aber auch in der jüngeren Geschichte fand Lehm im Hausbau vielfältige Verwendung. Viele Lehmbauten finden sich in Frankreich, Spanien, Italien, Marokko, Kolumbien, den Vereinigten Staaten und Australien. Die Anpassung an unterschiedlichste Anforderungen, die Beschaffenheit des Ausgangsmaterials und klimatische Bedingungen führten im Laufe der bautechnischen Entwicklung zu etwa 20 unterschiedlichen Methoden bei der Erstellung von Erde-/Lehmbauten. In Weilburg stehen über 20 Pisé-Bauten.

(mhz)

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