Gruppenbild bei der Feierstunde (von links): Dr. Johannes Hanisch, Christian Radkovsky, Joachim Warlies, Ido Michel, Hans-Peter Schick, Pfarrer Guido Hepke, Bruno Götz und Annemarie Warlies.
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Gruppenbild bei der Feierstunde (von links): Dr. Johannes Hanisch, Christian Radkovsky, Joachim Warlies, Ido Michel, Hans-Peter Schick, Pfarrer Guido Hepke, Bruno Götz und Annemarie Warlies.

Broschüre zum jüdischen Leben 1918 bis 1940 in Weilburg

Schicksale, die nahezu unfassbar erscheinen

Erweiterte Gedenktafel

Seit 25 Jahren ist der 27. Januar der offizielle Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Am Mittwoch fand in Weilburg am Eingang zu Schlosskirche und Schlossgarten, direkt vor der Gedenktafel für die von 1918 bis 1940 in Weilburg lebenden Juden, nun eine kleine Gedenkfeier statt. Gekommen war auch Ido Michel aus Maintal als ein Nachfahre von den früher in Weilburg ansässigen Familien von Nathan Michel und Leopold Michel. Letzterer konnte sich 1938 noch durch eine Ausreise nach Palästina retten.

Christian Radkovsky, der Vorsitzende des Geschichtsvereins, der zusammen mit Hans-Peter Schick die Veranstaltung vorbereitet hatte, begrüßte den "Chronisten" der früher in Weilburg lebenden Juden, Joachim Warlies mit Gattin Annemarie, Bürgermeister Dr. Johannes Hanisch, Stadtverordnetenvorsteher Bruno Götz, Pfarrer Guido Hepke und Museumsleiter Holger Redling.

Joachim Warlies erinnerte daran, dass die Gedenktafel vor exakt zehn Jahren - am 27. Januar 2011 - eingeweiht wurde und ein Gemeinschaftswerk der damaligen Klasse 9 b des Weilburger Gymnasiums ist. In gemeinsamer Arbeit erstellten die Schülerinnen und Schüler während einer Projektwoche insgesamt 44 individuell gestaltete Tontäfelchen mit rund 100 Namen aller jüdischen Weilburger zwischen 1918 und 1940.

Joachim Warlies schilderte, dass er 1964 mit ersten Recherchen begonnen und eine Namensliste im Weilburger Rathaus erhalten habe. Weitere Informationen habe er auf Karteikarten, in Briefen und in Zeitungsartikeln gefunden. Erste Fotos dazu habe er Anfang der 80er Jahre im Weilburger Museum zufällig in einem Stapel ungültig gemachter Reisepässe entdeckt. 1988 übergab ihm ein alter Weilburger ein Gruppenfoto des Weilburger Doppelquartetts: In der ersten Reihe stand der Förderer und Mitbegründer des Gesangvereins, der jüdische Kaufmann Siegmund Arnstein.

Das weitere Sammeln der Fotos habe sich über Jahrzehnte erstreckt. "Einige Fotos stellten mir Weilburger Bürger zur Verfügung, andere entdeckte ich in Archiven, ein Foto zum Beispiel im Archiv der Universität München, wieder andere erhielt ich von Nachfahren ausgewanderter Weilburger Juden", schilderte Joachim Warlies.

Eine Idee von Hans-Peter Schick

So kam eine Foto-Sammlung zustande und insgesamt 42 Personen sind nun ebenfalls auf der Gedenktafel mit einem Foto verewigt. Außerdem wurde eine Idee von Hans-Peter Schick umgesetzt und eine Broschüre mit dem Titel "Jüdisches Leben in Weilburg 1918 - 1940" erstellt: je ein Exemplar wurde bei der Gedenkstunde am Dienstag an die Anwesenden überreicht.

Ebenfalls in der Broschüre enthalten sind Schicksale von Menschen, "die uns heute nahezu unfassbar erscheinen", so Joachim Warlies. Bei den Berichten von Tod und Verfolgung stoße man auf die Namen von Auschwitz, Sobibor, Theresienstadt oder nur "nach dem Osten". Auch Weilburger Juden hätten an der Rampe in Auschwitz gestanden. Insgesamt seien 44 Opfer der Verfolgung zu beklagen. 60 Personen konnten durch Auswanderung ihr Leben retten.

"Wir gedenken heute der dunkelsten Momente der Geschichte", sagte Bürgermeister Dr. Johannes Hanisch, "und wir schauen mit Trauer und Fassungslosigkeit darauf zurück, wie Weilburger Weilburger auf unmenschlichste Weise für immer vertrieben haben. Dies muss uns oberste Mahnung sein."

Er dankte dem Geschichtsverein für die Initiative und die aussagekräftige Dokumentation. Und er sagte, dass die Stadt gerne eine weitere Publikation auf die Beine stellen würde.

Dankbarkeit für "den Zusammenhalt von gesellschaftIichen Institutionen, Kirche und Stadt" äußerte Pfarrer Guido Hepke. "Wie unscheinbar diese Zeit begonnen hat und mit welchem unglaublichen Tempo sich Demokratie in Diktatur verwandelte: Es stellt sich die Frage, wie ist das möglich gewesen?", sagte der Pfarrer, und er fügte an, dass zu viele Menschen die Freiheiten der parlamentarischen Demokratie ausgenutzt hätten, um sie abzuschaffen. Auch heutzutage müsse man sich dagegen wehren, dass populistische Parteien dies ebenfalls anstreben würden.

Ursachen und Folgen der NS-Zeit

Hans-Peter Schick schaute zuerst genauer auf das Wort "Holocaust": Das Wort aus dem Altgriechischen "olo kaustos" bedeute "vollständig verbrannt". Allein das Wort sei schon unmenschlich, grausam und furchtbar. Er fügte an: "Unsere Aufgabe ist es heute, an die Grausamkeiten, die Menschenverachtung der NS-Zeit, ihre Ursachen und ihre Folgen zu erinnern. Und zu mahnen, dass die Würde jedes Menschen unantastbar ist".

Nach einem Gedenkmoment für alle Opfer von jeglichen Terrors und Kriegen überreichte Schick die ersten Broschüren an Joachim Warlies, Ido Michel und alle Anwesenden.

margit bach

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