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Weilburg: Gedenkmoment geht unter die Haut

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Hans-Peter Schick (Zweiter von links) übergibt gemeinsam mit Pfarrer Guido Hepke (links) und Joachim Warlies (rechts) ein Exemplar der neuen Publikation an Ido Michel (Zweiter von rechts).
Hans-Peter Schick (Zweiter von links) übergibt gemeinsam mit Pfarrer Guido Hepke (links) und Joachim Warlies (rechts) ein Exemplar der neuen Publikation an Ido Michel (Zweiter von rechts). © Margit Bach

Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz - Titelmelodie von Schindlers Liste berührt Zuhörer

Weilbur -gAm 27. Januar 1945 erreichten um drei Uhr nachmittags russische Truppenverbände die Konzentrationslager Auschwitz und Auschwitz-Birkenau. Vor den Baracken in Birkenau türmten sich die sterblichen Überreste von mehr als 600 Menschen. Etwa 7000 Häftlinge - dem Tod näher als dem Leben - konnten von den russischen Soldaten befreit werden.

Darüber sprach Pfarrer Guido Hepke am Donnerstagnachmittag - am Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus - in der Weilburger Schlosskirche. Der Geschichtsverein und die evangelische Kirchengemeinde hatten zusammen zu diesem Gedenkmoment eingeladen - und die folgende Stunde dürfte vielen unter die Haut gegangen sein.

"Auf den Gleisen stehen noch ganze Züge mit Eisenbahnwaggons, beladen mit 368 820 Herrenanzügen, 836 255 Damenmänteln, Tausenden von Schuhen und riesigen Mengen Kinderkleidung. In einer Lederfabrik nahe dem Lager werden sieben Tonnen Menschenhaar gefunden. Das Leid, das hinter diesen Zahlen steckt, ist unvorstellbar", fuhr der Pfarrer fort. Auschwitz stehe als Synonym für Völkermord und Rassenwahn. Und der 27. Januar, der Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, wurde auf Initiative des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum nationalen Gedenktag ernannt.

Menschen haben weggeschaut

Sich den "bedrückendsten Wahrheiten unserer Geschichte" zu stellen, sei unverzichtbar, so Guido Hepke, und er sagte auch: "Auschwitz wurde möglich, weil Menschen ausgegrenzt worden sind. Weil sie missachtet wurden aufgrund ihrer religiösen, politischen oder ethnischen Zugehörigkeit. Weil sie Stück für Stück erst ihrer Rechte und ihrer Würde und dann auch ihres Lebens beraubt wurden". Und auch hier bei uns seien diese Verbrechen nur möglich gewesen, weil Menschen weggeschaut hätten, weil sie sich bereichert hätten am Leid der anderen und weil sie sich aktiv in diesem menschenverachtenden System der Nazis engagiert hätten.

Fotosammlung mit 42 Bildern

Der frühere Lehrer Joachim Warlies hatte 1964 mit der Recherche über das jüdische Leben in Weilburg begonnen, weil er diese Menschen nicht in Vergessenheit geraten lassen und ihnen ihre Würde zurückgeben wollte. Durch eine Liste aus dem Rathaus, auf der etwa 100 Personen genannt sind, erfuhr er die Namen der einstigen jüdischen Bewohner Weilburgs, die entweder getötet wurden, eine Auswanderung schafften oder Selbstmord begingen. Fotos dieser Menschen traten erst Anfang der achtziger Jahre in Erscheinung. Im Weilburger Museum fand Joachim Warlies einen Stapel ungültig gemachter Reisepässe, darunter auch von Weilburger Juden. 1988 erhielt er ein Gruppenfoto aus den Jahren 1931/32 des Weilburger Gesangvereins "Doppelquartett", auf dem in der ersten Reihe der jüdische Kaufmann Siegmund Arnstein - Förderer und Mitbegründer der Gesangsgruppe - zu sehen ist. Langsam entstand eine Fotosammlung, die im Herbst 2020 42 Bilder umfasste. Zusammen mit Hans-Peter Schick wurde die Idee entwickelt, diese Bilder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Bereits 2011 hatte die damalige Klasse 9b des Weilburger Gymnasiums in einer Projektwoche eine Gedenktafel mit den Namen aller jüdischen Weilburger Bürgerinnen und Bürger zwischen 1918 und 1940 erarbeitet. Sie steht neben dem Seiteneingang der Schlosskirche und wurde inzwischen mit diesen Fotos neu gestaltet. Auch eine Broschüre über das jüdische Leben in Weilburg hat Joachim Warlies erstellt, die vom Geschichtsverein herausgegeben wurde und inzwischen noch einmal mit weiterem Bild- und Textmaterial neu aufgelegt wurde. Diese neue Broschüre wurde im Rahmen der Gedenkfeier am vergangenen Donnerstagnachmittag vorgestellt. Als Joachim Warlies dann Bilder zeigte und Namen vorlas, spielten Doris Hagel und Michael Glotzbach die Titelmelodie von Schindlers Liste, was die vielen Zuhörer sehr berührte.

Teilgenommen an der Gedenkstunde hat auch Ido Michel, dessen Vorfahren Leopold und Manfred Michel im Haus Marktplatz 12 gewohnt haben und 1938 sowie 1936 nach Palästina auswandern konnten. "Unter den jüdischen Familien Weilburgs nimmt die Familie Michel einen besonderen Platz ein, denn ihre Geschichte lässt sich lückenlos bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen, und sie ist bis heute mit Weilburg verbunden", ist in der überarbeiteten neuen Broschüre zu lesen. So hätten zu den 93 Mitgliedern der Synagogengemeinde Weilburg, die am 9. Mai 1845 eine Synagoge in Weilburg einweihten, auch vier Juden gehört. Sie hätten im "Filialort" Waldhausen gelebt und Nathan und Vogel Michel sowie die beiden Kinder Michael und Hanna geheißen. Die Familiengeschichte ist in der Broschüre nachzulesen.

Erinnerungen weitergeben

Hans-Peter Schick hob schließlich hervor, dass die Zeitzeugen uns verlassen würden und wir gefordert seien, die Erinnerung an die jüdischen Mitmenschen in Weilburg zu bewahren und weiter zu geben. Gleichzeitig fordere diese Erinnerung uns alle, dass wir für menschenwürdiges Leben eintreten. Denn die Würde des Menschen sei unantastbar und jeder habe ein Recht auf körperliche Unversehrtheit und Freiheit. "Dies alles ist kein Geschenk, sondern stete Aufgabe für jeden von uns." Allen Beteiligten sprach Hans-Peter Schick seinen Dank aus, besonderes Joachim Warlies für seinen über viele Jahre erarbeiteten "Blick in die Wahrheit".

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