Perfekte Lage, sanierungsbedürftiger Zustand: Die Jugendherberge in Odersbach wird vermutlich geschlossen bleiben, wenn sich niemand findet, der die Sanierungskosten stemmen kann.
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Perfekte Lage, sanierungsbedürftiger Zustand: Die Jugendherberge in Odersbach wird vermutlich geschlossen bleiben, wenn sich niemand findet, der die Sanierungskosten stemmen kann.

Corona und Sanierungsstau

Weilburg: Jugendherberge mit dem Charme der Vergangenheit

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Wenn sich keine Partner finden, die die Kosten für die Modernisierung stemmen, wird die Jugendherberge in Odersbach bald Geschichte sein.

Weilburg -Jugendherbergen - das waren einmal Acht-Bett-Zimmer, Gemeinschaftsduschen, hauchdünne Schaumstoffmatratzen auf Drahtgeflecht und zum Mittagessen Gulasch mit verkochten Nudeln. So ist das längst nicht mehr, zumindest das Essen ist besser geworden. Der Rest nicht unbedingt, jedenfalls nicht überall. In Odersbach hat sich der Charme aus dem vergangenen Jahrhundert erhalten. Sie sei "einfach und rustikal eingerichtet", heißt es auf der Homepage der Jugendherberge im Weilburger Stadtteil, und dann kommt ganz viel Werbung für die Natur und Kultur drumherum.

Doch mit dem "Classic-House", wie es beim Deutschen Jugendherbergsverband (DJH) heißt, ist bald Schluss - nicht, weil die 25 Zimmer jetzt saniert und auch die letzten mit Dusche und WC ausgestattet werden sollen. "Vermutlich wird die Jugendherberge am Ende des Jahres dauerhaft geschlossen", sagt Knut Stolle, der Sprecher des DJH Hessen. Es sei nicht möglich, das Haus wirtschaftlich zu betreiben. Das steht eigentlich schon seit Jahren fest, denn seit Jahren sind die Übernachtungszahlen immer weiter gesunken. Zuletzt seien es nur noch etwa 10 000 bis 12 000 gewesen, sagt Knut Stolle - je nach Wetter und Lage der Ferien. Und dann kam Corona. Seit März ist geschlossen, die anderen Jugendherbergen haben inzwischen wieder geöffnet, die in Odersbach nicht.

lange Zeit verschoben

Das Konzept stimmt schon lange nicht mehr. 2014 habe die Weilburger Stadtverordnetenversammlung beschlossen, dass der DJH und die städtische Wohnungsbaugesellschaft, der das Areal samt Haus gehört, ein Modernisierungskonzept erarbeiten soll, berichtet Rüdiger Neuhaus, Geschäftsführer der Weilburger Gemeinnützige Wohnungsbau GmbH. 2016 stand das Konzept - samt Finanzierungskonzept. Die Wohnungsbaugesellschaft sollte ein Darlehen aufnehmen und durch eine städtische Bürgschaft absichern, der Jugendherbergsverband sollte zum Ausgleich eine höhere Miete für das Haus zahlen.

Doch dann kam alles anders: Der DJH musste dringend in andere Standorte investieren, für Odersbach blieb kein Geld mehr übrig. Die Sanierung wurde verschoben. Und dann der Lockdown - mit Folgen für alle Häuser. In Hessen werden drei Jugendherbergen geschlossen: Gießen, Zwingenberg und Odersbach.

"Wir können es uns nicht leisten, den Standort Odersbach auf Vordermann zu bringen", sagt Knut Stolle. Er sagt aber auch, dass die ländlichen Standorte wichtig seien für den Jugendherbergsverband und dass er froh sei, dass der Bürgermeister zu Gesprächen bereit ist. Dr. Johannes Hanisch (CDU), Weilburgs Rathauschef, sagt, dass er die Jugendherberge gerne behalten würde, aber für die Gespräche über ein Finanzierungskonzept "brauchen wir mehr Zeit", länger als bis zum 31. Dezember. Und noch mehr Partner: Zum Beispiel den Landkreis. Das sehen die Politiker genauso. Immerhin ist bei der jüngsten Kreistagssitzung ein Dringlichkeitsantrag einstimmig angenommen worden. "Ich wünsche mir, dass wir den DJH überzeugen können, am Standort zu bleiben", sagt Hanisch.

noch bis 2040

Fest stehe aber, dass die Stadt die vier Millionen, die eine Sanierung und Modernisierung kosten wird, nicht alleine aufbringen kann. Und fest stehe auch, dass der DJH vor 20 Jahren einen Mietvertrag unterschrieben hat, der erst 2040 ausläuft. "Das ist jetzt erst einmal mein Planungshorizont", sagt Hanisch. Noch sei der Mietvertrag nicht gekündigt, und es gebe auch keine Kündigungsfrist. Was das bedeutet, klären jetzt Juristen.

Klar ist, dass in der Jugendherberge dringend etwas passieren muss. 1960 war das Haus im Auftrag des Oberlahnkreises errichtet worden, 1974 übernahm es der Landkreis Limburg-Weilburg. Als im Jahr 2000 klar war, dass das Haus saniert werden muss, damit die Brandschutzauflagen erfüllt werden, übernahm die Weilburger Wohnungsgesellschaft den Bau, kaufte gleich noch die umliegenden Flächen für das Jugendwaldheim dazu und vermietete das Haus an das Jugendherbergswerk.

Das hat das Haus 2006 immerhin ein bisschen modernisiert. Aus einigen Acht-Bett-Zimmern ohne Dusche und WC wurden Sechs-Bett-Zimmer mit Dusche und WC. Aber es gibt sie immer noch, die Schlafsäle mit Toilette und Dusche auf dem Flur. Das ganze Haus ist immer noch vor allem auf Schulklassen ausgerichtet, die es rustikal mögen und auf Familien, für die ein Urlaub in der Jugendherberge auch nostalgische Motive hat. Und wenn keine Klassenfahrten stattfinden, die Ferien ungünstig liegen oder das Wetter schlecht ist, bleiben die Betten leer. Derzeit sind es 156 Betten in 25 Zimmern. Wenn die Sanierung so funktioniert hätte, wie es 2016 geplant war, wären es 41 Zimmer mit 138 Betten, und barrierefrei sollte das Haus natürlich auch werden.

Hanisch gibt die Hoffnung noch nicht auf. Aber einen Plan B, C und D hat er schon. Ein Hostel, also eine Herberge mit einem privaten Betreiber, wäre eine Option. Oder ein Tagungshaus für das Jugendwaldheim daneben. Wohnraum könnte man dort auch schaffen, das Areal ist immerhin 15 650 Quadratmeter groß. "Und die Lage ist ja traumhaft."

den Erhalt ein

Der Kreistag Limburg-Weilburg setzt sich für den Fortbestand der Jugendherberge in Odersbach ein. Einen entsprechenden Beschluss hat er bei seiner jüngsten Sitzung aufgrund eines Dringlichkeitsantrages der Freien Wähler und eines gemeinsamen Änderungsantrages von CDU und SPD gefasst.

Der Antrag der FW war ebenso wie der Änderungsantrag der CDU und SPD kurzfristig und einstimmig vom Kreistag auf die Tagesordnung gesetzt geworden. Valentin Bleul (FW) beklagte die unter anderem wegen der Corona-Krise angekündigte Schließung der Jugendherberge. Diese habe die besten Voraussetzungen für Gruppen in allen Größen und auch für Familien und Einzelreisende, die zum Beispiel mit dem Fahrrad den Lahnradweg nutzen. Das Umfeld der Herberge mit Sportplätzen und anliegendem großen Freigelände biete ausreichend Platz zur Freizeitgestaltung. Ein schon vor der Krise angehäufter größerer Investitionsstau sollte nicht der ausschlaggebende Punkt für die Schließung der Herberge sein, meinte Bleul.

Christian Radkovsky (SPD) begründete den Änderungsantrag von CDU und SPD. Der Kreisausschuss sollte sich nicht nur für den Fortbestand der Herberge einsetzen, sondern auch für die Entwicklung neuer Konzepte. Zur Weiterentwicklung der Jugendherberge Odersbach schlagen CDU und SPD unter anderem vor, die Unterkunft als ein Haus für Umweltpädagogik und Waldökologie mit aktiv touristischen Angeboten zu entwickeln. Der Landkreis könne durch seine Kompetenzen für Umwelt, Pädagogik und Tourismus flankierende Unterstützung leisten. Erforderlich sei auch eine umfassende Modernisierung sowie energetische Sanierung der Jugendherberge. Beide Anträge wurden einstimmig zur Beratung in den Ausschuss für Raumordnung und Verkehr verwiesen

Limburg - aber gute Chancen

Die Jugendherberge in Odersbach ist nicht die einzige in der Region: Auch in Limburg und Diez können Schulklassen, Familien und natürlich auch alle anderen Urlaub für wenig Geld machen - in Diez sogar im Grafenschloss und ziemlich komfortabel und schick. Dort hat jedes Zimmer ein eigenes Bad, es gibt sogar Einzelzimmer und einen Kongresssaal für 120 Personen. Für umgerechnet 6,23 Millionen Euro war das Schloss so saniert worden, dass am 1. September 2006 eine Jugendherberge öffnen konnte.

Und das lohnt sich offenbar für alle - normalerweise. Grundsätzlich könne die Jugendherberge wirtschaftlich betrieben werden, sagt Jessica Borowski, Sprecherin der Jugendherbergen in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Aber in diesem Jahr nicht. Auch wenn der Betrieb wieder läuft, die Monate, in denen die Jugendherberge geschlossen bleiben musste, schlagen zu Buche. Im Juli konnten immerhin 2592 Übernachtungen gezählt werden, im August 2038 - aber immer noch weniger als im Jahr zuvor: Da waren es im Juli 2911, im August 2677. Die Familien seien froh, dass die Jugendherbergen wieder geöffnet sind, sagt Borowski. "Was leider noch fehlt, sind die Schulklassen."

Die fehlen auch in Limburg. 166 Betten in 38 Zimmern stehen dort zur Verfügung, in "gemütlichen Zimmern", heißt es auf der Homepage. Immerhin 24 von ihnen haben eine eigene Dusche und eine Toilette. Mittelfristig sei auch dort eine Sanierung nötig, sagt Knut Stolle vom DJH, immerhin die Fassade sei im vergangenen Jahr erneuert worden. "Aber Limburg wird auch von Gruppen gut angenommen." Die ersten Urlauber und Fortbildungsgruppen kämen zwar zögerlich, aber sie kämen, erklärte Michael Nied, Leiter der Jugendherberge, einer Gruppe von Limburger FDP-Politikern beim Ortstermin. Timo Neumann, Vorsitzender des DJH Hessen, sagte: "Die Jugendherberge konnte mit guten Zahlen vorangehen und hat, auch wenn es in den Herbstmonaten schwieriger werden sollte, im Sommer mit schneller Besserung glänzen können."

Die FDP-Landtagsabgeordnete Marion Schardt-Sauer will sich darauf nicht verlassen und sieht die Stadt gefordert. "Eine intensivere Kooperation und Zusammenarbeit wäre sowohl für die Stadt Limburg als auch die Jugendherberge eine Bereicherung." Die Jugendherberge habe viel zu bieten, sagte der FDP-Bürgermeisterkandidat Maximilian Acht. Sie könnte das Ziel für pädagogisch betreute Ausflüge mit Kindern sein und Platz für Schulungen und Seminare gebe es auch. Marion Schardt-Sauer formulierte es so: "Die Jugendherberge ist ein Chancenträger."

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