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Bürgermeister Dr. Johannes Hanisch überreichte Janin Schuett (links) und ihrer Vorstandskollegin Panja Schweder eine kleine Aufmerksamkeit für schwierige Zeiten. Foto: Rolf Goeckel

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Weilburg: "Die Einsamkeit nimmt in der Corona-Pandemie zu"

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Neu gegründeter Verein für Integration und Suchthilfe hofft auf mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt

Die Corona-Pandemie ist nicht nur eine gesundheitliche Bedrohung für viele Menschen, sondern womöglich auch eine Chance für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine größere Wertschätzung für soziale Arbeit. In dieser Hoffnung waren sich die Vorstände des Vereins für Integration und Suchthilfe, Panja Schweder und Janin Schuett, mit Bürgermeister Dr. Johannes Hanisch (CDU) einig. Das Weilburger Stadtoberhaupt informierte sich bei einem Besuch über den neuen Verein mit Sitz in der Adelheidstraße, der im Sommer aus einer Fusion der Jugend- und Drogenhilfe (Judro) Limburg und dem Verein für Integration hervorgegangen ist.

"Die Einsamkeit nimmt in der Corona-Pandemie zu", berichtete Schweder und wies auf eine gerade in den letzten Monaten gewachsene Nachfrage nach den Beratungsangeboten ihres Vereins hin. Dieser ist mit verschiedenen Dienstleistungen an insgesamt neun Standorten im Landkreis Limburg-Weilburg vertreten und bietet drogenabhängigen und psychisch kranken Menschen eine erste Anlaufstelle und weitere Betreuung auf einem Weg, der im Idealfall in ein geordnetes, strukturiertes Leben zurückführt.

"Benötigen extreme Frustrationstoleranz"

Dass trotz aller Bemühungen rund ein Drittel der Klienten mit einem Suchtproblem "verloren geht" und ein weiteres Drittel keine Verbesserungen seiner Situation schafft, gehört für Schweder zu den frustrierenden Erlebnissen der Sozialarbeiter des Vereins. Die Ursachen des Scheiterns seien vielschichtig, erläuterte Schweder. "Manche kommen zu früh und sind für eine Therapie noch nicht bereit, andere erleiden Rückschläge, die durch einen bis dahin unbekannten Trigger ausgelöst werden." Um mit alledem umgehen zu können, benötigten die Sozialarbeiter "extreme Frustrationstoleranz", sagte Schweder, viel Empathie und Distanz zugleich.

Da würde es viel helfen, so das VIS-Vorstandsmitglied, wenn den 100 Beschäftigten des Vereins mehr gesellschaftliche Anerkennung zuteil würde. "Die soziale Arbeit wird noch viel zu gering geschätzt", klagte Schweder. "Computer reagieren immer gleich, Menschen tun das nicht", umriss sie die Bedeutung der Aufgabe. Bürgermeister Hanisch stimmte ihrer Einschätzung zu und rechnete zugleich mit einer "verdammt harten Zeit" in den nächsten Monaten. "Da müssen wir sehen, dass das Soziale nicht wegbricht", sagte er. Er hoffe, dass mehr Menschen in der Coronakrise erkennen, dass Gesellschaft mehr ist als die Interessen Einzelner. "Vielleicht brauchen wir Corona, um das zu erkennen", meinte der Bürgermeister, der den Verein für Integration und Suchthilfe als eine "wichtige soziale Säule" in der Region bezeichnete, der eine "stolze Bilanz" aufzuweisen habe.

Auch nach der Fusion will der Verein sich gegen die aus ihrer Sicht wachsende Ökonomisierung des Sozialen stemmen, betonte Panja Schweder. "Wir werden den Vereinsgedanken aufrecht erhalten", kündigte sie an. Um die "verschiedenen Kulturen" der Ursprungsvereine, die beide mehr als 45 Jahre unabhängig voneinander existiert hatten, zusammenzuführen, bedürfe es aber Zeit. "Das wird eine große Aufgabe, so Schweder, die zusammen mit Janin Schuett seit anderthalb Jahren an der Spitze steht.

Gleichwohl sei es eine Tatsache, dass marktwirtschaftliche Strukturen im sozialen Bereich immer weiter vordringen. Hinzu kämen hohe bürokratische Hürden, beispielsweise beim Datenschutz, so dass die Fusion der Vereine geboten gewesen sei. Noch immer sei der Verein im Vergleich zu großen Akteuren wie Diakonie und Caritas klein. "Aber jetzt haben wir mehr Schlagkraft", zeigte sich Schweder überzeugt. Sie kündigte neue Projekte an, die aber derzeit noch nicht spruchreif seien. Von Rolf Goeckel

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