Stolpersteine für die Familie Löb, verlegt am 15. April 2015.
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Stolpersteine für die Familie Löb, verlegt am 15. April 2015.

Gegen das Vergessen

Weilburg: Wertvolle Unterstützung fürs Stolperstein-Projekt

Sponsoren steuern 4000 Euro für Verlegung bei

Weilburg -Für den Verein Weilburg erinnert beginnt das Jahr 2021 mit einem überaus positiven Auftakt. Zwei mehr als großzügige Spender aus der Region haben stellvertretend dem Vorsitzenden Markus Huth für das "Projekt Stolpersteine" 4000 Euro zukommen lassen. Damit soll auch in Weilburg, wie in bereits vielen Städten und Gemeinden des Landkreises Limburg-Weilburg, dezentral an Verfolgte des NS-Regimes erinnert werden.

Stolpersteine sind zehn mal zehn Zentimeter große Messingplatten, die in den Gehwegen installiert werden und so im öffentlichen Raum sichtbar machen, wo Menschen lebten, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden. In den kleinen Erinnerungstafeln sind zentrale Lebensdaten der Verfolgten und Hinweise zu ihrem Schicksal eingraviert.

Stolpersteine sind bisher in etwa 1200 Städten und Gemeinden in Deutschland verlegt worden. Auch in 20 Ländern des europäischen Auslandes sind die kleinen Gedenksteine inzwischen fester Bestandteil der regionalen Erinnerungskultur.

Schulen sind interessiert

Der Künstler dieses Erinnerungsprojekts, Gunter Demnig, wurde im Jahr 2005 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, das ihm vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler in Anerkennung für sein Lebensprojekt "Stolpersteine" persönlich überreicht wurde. Zusätzlich hierzu wurde der Kölner Künstler von der Bundesregierung als "Botschafter für Demokratie und Toleranz" ausgezeichnet.

Dem Verein Weilburg erinnert ist es wichtig zu betonen, dass Stolpersteine für alle Opfergruppen des NS verlegt werden: für die Verfolgten jüdischer Herkunft, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, politisch und religiös Verfolgte, Opfer des NS-Rassenwahns, namentlich Zwangssterilisierte und Opfer der sogenannten "Euthanasie". Menschen aus allen diesen Gruppen sind in Weilburg nachweislich von der Verfolgungspolitik des NS-Regimes betroffen und namentlich bekannt.

"Sie sollen wieder in die gemeinschaftliche Erinnerung mit hineingenommen werden", sagt der Vorsitzende von ,Weilburg erinnert', "indem ihre Namen durch Stolpersteine im öffentlichen Raum sichtbar gemacht werden."

Vorstandsmitglied Martina Zimmermann, Lehrerin an der Heinrich-von-Gagern-Schule, freut sich über die inzwischen zahlreich formulierten Interessensbekundungen am "Projekt Stolpersteine" aus Weilburger Schulen. "Bisher kennen die Weilburger Schülerinnen und Schüler Stolpersteine nur aus ihren Geschichtsbüchern", sagt die Pädagogin. "Das Erinnerungsprojekt hat seit Jahren Eingang in die offiziellen Lehrpläne der Länder gefunden und ist somit Bestandteil des Geschichtsunterrichts."

Regionaler Bezug

Dass die pädagogische Arbeit mit Biografien von Verfolgten des NS-Regimes auch in Weilburg einen regionalen Bezug bekommt, wünschen sich die Mitglieder von "Weilburg erinnert" ganz besonders im Hinblick auf die vielen, in Weilburg bis gegenwärtig unbekannten Verfolgungsschicksale unterschiedlichster Opfergruppen. Zwischenzeitlich liegen dem Verein bereits zehn entsprechende Lebensläufe vor.

"Auch diese Namen und Biografien können, einen positiven Beschluss der Stadtverordnetenversammlung Weilburg vorausgesetzt, dank der großzügigen Spender hoffentlich bald in die regionale Bildungsarbeit einfließen," so der Vorsitzende Markus Huth, "die finanziellen Weichen sind mit Jahresbeginn 2021 in Richtung ,Erinnerung an alle Opfergruppen' gestellt."

Ein Beispiel stellt Martina Hartmann-Menz mit Johanna Loeb, geborene Kron, aus Weilburg-Gaudernbach vor, für sie und ihre Familie liegen Stolpersteine am letzten frei gewählten Wohnort Staffel am heutigen Schulplatz 26. Von Martina Hartmann-MEnz

Das traurige Schicksal der Familie Löb

Johanna Kron wurde am 10. Juli 1873 als Tochter von Karoline Kron in Gaudernbach geboren. Umgangssprachlich wurde sie "Hannele" genannt; so ist es auch in der Geburtsurkunde vermerkt. Johanna Kron lebte gemeinsam mit ihrer Mutter, die zeitlebens unverheiratet blieb, in Staffel (heute Ortsteil von Limburg). Am 5. Dezember 1899 findet die Eheschließung von Johanna Kron mit dem Viehhändler Raphael Felix Loeb, der aus der Nähe von Trier stammt, in Limburg statt.

Johanna Kron hatte, wie es für Frauen in der damaligen Zeit üblich war, keinen Beruf erlernt. Als Trauzeugen fungieren der Kaufmann Adam Faßbender und der Metzger Joseph Gerolstein, beide aus Limburg.

Verbindungen zu den in der Region ansässigen Familienmitgliedern der Familie Kron in Schupbach und Hadamar lassen sich für Johanna und Karoline Kron nicht nachweisen. Dem Ehepaar Loeb wurden insgesamt sechs Kinder geboren, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Das Wohnhaus der Familie befand sich in Staffel am (heutigen) Schulplatz 26, schräg gegenüber der evangelischen Kirche. Johanna Loeb kümmerte sich um die große Familie und arbeitete im Geschäft ihres Mannes. Am Tag ihres Geburtstages, dem 10. Juli schenkte Johanna Loeb den Kindern in der Nachbarschaft "Mazze", ungesäuertes Brot, das seinen festen Platz in der jüdischen Tradition hat. Die Mutter und Großmutter der großen Familie, Karoline Kron, starb am 15. März 1920 im 74. Lebensjahr.

In Staffel stand die Familie bereits früh unter massivem Verfolgungsdruck. Nach der Pogromnacht verließen Johanna Loeb und ihr Ehemann Staffel und siedelten sich in Frankfurt an, wo sie in der Oskar-von-Miller-Straße 5 gemeldet waren. Ihre unverheiratete Tochter Hedwig, die im Wohnhaus der Familie um 1925 ein florierendes Einzelhandelsgeschäft eröffnet hatte, lebte seit Ende der 1930er Jahre getrennt von ihren Eltern in Wiesbaden.

Johanna Loeb und ihr Ehemann wurden am 22. November 1941 von Frankfurt aus nach Kowno (Fort Kauen) deportiert. Sämtliche 999 Menschen auf diesem Transport wurden nach ihrer Ankunft am 25. November 1941 auf bestialische Weise getötet. Den Opfern war vor ihrem Abtransport mitgeteilt worden, dass ihre "Ansiedlung im Ghetto Kowno" geplant sei. Die Namen von Johanna Loeb, geborene Kron, und ihrem Ehemann Raphael Felix Loeb sind im 2003 erschienen "Buch der Erinnerung" abgedruckt, in dem sämtliche Namen der ins Baltikum deportierten und dort ermordeten Menschen jüdischer Herkunft mit ihrem Geburtsort und der letzten Adresse vermerkt sind.

Am 15. April 2015 wurden für die Familie Loeb vor ihrem letzten frei gewählten Wohnort in Staffel Stolpersteine verlegt. mhm

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