Erinnerungen an das Grauen

Zwei Zeitzeugen der NS-Verbrechen schildern ihre schlimmen Erlebnisse

Es gibt immer weniger Zeugen der NS-Verbrechen. Zwei von ihnen erzählten am Mittwoch im Bergbau- und Stadtmuseum Weilburg ihre Geschichte.

April 1945, kurz vor Kriegsende im Lager der Heinkel-Werke bei Oranienburg: Auf den Knien fleht der 17-jährige Fryderyk Jakimisyn in gebrochenem Deutsch um sein Leben, in Todesangst umfasst er die Beine des deutschen Soldaten. Das berührt diesen dann doch und er schießt nicht. Jakimisyn überlebt auch den Todesmarsch Tausender Lagerhäftlinge Richtung Berlin. Erst am 2. Mai ist das Grauen zu Ende.

Auf Einladung von Markus Huth, Vorsitzender des Vereins „Weilburg erinnert“, erzählen zwei der letzten Zeitzeugen der NS-Verbrechen im mit über 50 Zuhörern vollbesetzten „Kleinen Kabinett“ des Bergbau- und Stadtmuseums Weilburg ihre Leidensgeschichten.

Die Polen Fryderyk Jakimisyn und Bogdan Chrzescianski sind Teilnehmer des Zeitzeugen-Projektes des Bistums Limburg. Sie kommen aktuell täglich mit über 200 Schülern der Region im Priesterseminar ins Gespräch. Leiter Marc Fachinger hat Dolmetscherin Marianne Drechsel-Gillner mit gebracht, die sich ehrenamtlich für das Maximilian-Kolbe-Werk engagiert.

Bogdan Chrzescianski wurde am 7. Januar 1945 unter entsetzlichen Bedingungen im Schmutz der Baracken des Frauenlagers des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau geboren. Er berichtet, was ihm später seine Mutter erzählt hat: Von Hunger und Angst, von den Misshandlungen auch der Schwangeren, ihren Schreien bei den Geburten, die wenige Hebammen begleiten, dem Sterben der Babys, deren Mütter anderen wie Bogdan dann aber zum Überleben verhelfen. Sein Vater, nach der Verhaftung während des Warschauer Aufstandes bei der Deportation von seiner Frau getrennt, ist da schon tot, wie er erst 1987 bei Recherchen im Archiv der internationalen Suchstelle von Bad Arolsen erfahren hat. Mit Glück überstehen Mutter und Kind und 34 andere die letzten drei Wochen bis zur Befreiung des Lagers Auschwitz am 27. Januar 1945. Sie werden von Helfern des polnischen und schwedischen Roten Kreuzes aufgepäppelt. Lange kränkelnd stirbt Bogdans Mutter 1960.

Fryderyk Jakimisyn, inzwischen 91 Jahre alt, „Bauingenieur in Rente“, wie er sagt, hat in seinem Lagerleben von Januar 1944 bis April 1945 „mehr Leichen als lebende Menschen gesehen“. Die Aussage schockt die Zuhörer, darunter viele viele junge Gesichter.

Einer der Jüngsten, Tim (11), wie sein Bruder Dorian (14) und seine Schwester Janina (16) sehr geschichtsinteressiert, ist mit Mutter Patricia Sartorius gekommen. Er sagt: „Die Gelegenheit der persönlichen Begegnung mit Zeitzeugen ist für mich wertvoller als jedes Nachlesen in Büchern.“ Und so hängt er aufmerksam an den Lippen zuerst des Erzählers, dann der Übersetzerin.

Fryderyk Jakimisyn ist im KZ Groß-Rosen „Häftling 91937“. Er wird Augenzeuge, wie hier täglich Hunderte sterben, bei der schweren Arbeit im nahen Steinbruch, an Unterernährung, Erschöpfung, Erfrierungen, bei willkürlichen Erschießungen. Kleinste Vergehen, wie kurzes Ausruhen, beim Appell nicht rechtzeitig die Mütze abgenommen, werden mit dem Tode bestraft. Die Toten, manchmal auch Sterbende, werden im nahen Krematorium verbrannt. Es ist 24 Stunden in Betrieb, sein süßlicher Geruch hängt über dem Lager.

„Unter den ständigen Entwürdigungen, Schlägen, der Angst, den perfiden Methoden der Vernichtung“, sagte Jakimisyn, „schwindet der Lebenstrieb.“ Was ihm aber Kraft gab, weiß er nicht genau, „vielleicht, weil ich jung war, alle Scham und das Nachdenken ausschalten konnte. Tägliche Gebete halfen etwas, auch Freundschaften untereinander.“ Doch es wurde noch schlimmer. Deportation zu den Lagern Dora und Nordhausen, Bombardierungen, Flucht, Todesmärsche . . . Nach der Befreiung durch russische Soldaten am 2. Mai ein erstes positives Erlebnis: Ein ähnlich junger Russe überlässt dem Halbverhungerten zwei Brötchen.

„Furchtbar!“, sagt Dorian, diese Erlebnisse haben den Vierzehnjährigen am stärksten beeindruckt. Seine Schwester Janina Sartorius vom Kinder- und Jugendparlament, „emotional tief berührt“, wie sie sagt, fragt nach, ob Fryderyk Jakimisyn den Deutschen etwas nachträgt. Tut er nicht, sagt er, weil er weiß, was Angst in der Hitlerzeit mit den Menschen gemacht hat und weil er bei seinen fünf Besuchen inzwischen ein völlig anderes Deutschland erlebt hat. Und als Heiko Wenzelmann sagt, „unser Außenminister Maas ist nach eigener Aussage wegen Auschwitz in die Politik gegangen, ich bin aus dem gleichen Grund Polizist geworden“, huscht bei der Übersetzung ein zufriedenes Lächeln über sein Gesicht und formt er die Hände zum stillen Beifall.

Genau das sei Ziel des Vereins „Weilburg erinnert“, sagt Markus Huth bei seinen Dankesworten. „Rechtzeitig aufzustehen gegen erneuten Hass, gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus.“

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