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Weinbach: Als Helfer im Ahrtal: Das prägt das ganze Leben

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Bernd Krause zeigt Fotos von den Verwüstungen im Ahrtal, die er bei seinen Einsätzen gemacht hat.
Bernd Krause zeigt Fotos von den Verwüstungen im Ahrtal, die er bei seinen Einsätzen gemacht hat. © Margit Bach

Bernd Krause ist bereits 17 Mal zu Arbeitseinsätzen in das Hochwasser-Katastrophengebiet gereist

Weinbach -"Das Leben ist ein anderes geworden", sagt Bernd Krause aus Weinbach, "man schätzt das Dasein viel mehr als vorher." Der 65-jährige Versicherungsmakler, der sich seit Januar 2021 im Ruhestand befindet, gehört zu den vielen freiwilligen Helfern, die den Menschen im Ahrtal zur Seite gestanden haben und stehen: Er ist bisher 17 Mal zu Arbeitseinsätzen in das Hochwasser-Katastrophengebiet gereist. "Das lässt einen nicht mehr los für den Rest des Lebens", fügt er an, "und die Freundschaften, die ich mit dort lebenden Familien geschlossen habe, sind fest in meinem Herzen verankert".

Als er vor einiger Zeit davon erfuhr, dass die Grafikdesignerin und Fotografin Annett Baumgartner aus dem westerwäldischen Roßbach ein Buch mit Helfergeschichten erarbeitet und dafür Berichte sammelt, hat er sich hingesetzt und seine Erlebnisse, Gedanken und Gefühle niedergeschrieben. Sein Manuskript hat er dem früheren Weinbacher Bürgermeister Thorsten Sprenger zur Information übersandt, der es wiederum nach Absprache dieser Zeitung zur Verfügung gestellt hat.

Alles habe am 14. Juli 2021 kurz nach 23 Uhr begonnen: Entgegen seiner Gepflogenheit habe er das Handy mit ins Schlafzimmer genommen und dort die Meldung erhalten, dass im Ahrtal der Katastrophenfall ausgerufen worden sei. "Wenn ich mir das heute noch vorstelle: Ich gehe zu Bett, schlafe, und dort kämpfen die Menschen um ihr Leben", blickt er zurück. Voll in sein Bewusstsein eingeschlagen sei die Tragweite der Katastrophe bei ihm aber erst beim ersten Einsatz vor Ort zwölf Tage später.

Vorausgegangen seien lange Gespräche mit seiner Frau Birgit, wie denn am Besten geholfen werden könne. "Ich fand dann im Internet den neu gegründeten Helfer-Shuttle und entschloss mich, vor Ort mit anzupacken", schildert Bernd Krause. Nach einer intensiven Einweisung durch Thomas vom Helfer-Shuttle sei er mit vielen Freiwilligen, die alle innerlich ziemlich angespannt und äußerlich recht still gewesen wären, zusammen nach Bad Neuenahr-Ahrweiler gefahren.

Langer Fußmarsch

"Dort angekommen sollten wir - bepackt mit Schippe, Eimer und Besen - in die Mittelstraße gehen. Wir waren die ersten privaten Helfer, welche die Mittelstraße begehen durften. Es war ein langer Fußmarsch dorthin, die Straßen waren notdürftig geräumt. Da ich allein war, schloss ich mich einer Gruppe von Männern von den Ford-Werken aus Köln an", erzählt er weiter. "Was wir auf diesem Fußmarsch erblickten, war surreal. Es waren kaum Menschen zu sehen. Haushoch türmten sich die zerstörten Autos und die Reste von dem, was die Flut übrig gelassen hat." Überall seien Hilfskräfte im Einsatz gewesen: das THW, die Polizei und die Bundeswehr sogar mit Bergepanzern.

Die erste Station sei ein Seniorenheim am Ende der Mittelstraße gewesen, das allerdings noch nicht betreten werden durfte. Daraufhin seien sie zu einem Reihenhaus gelaufen, bei dem das Wasser im Erdgeschoss seine Spuren knapp unter der Zimmerdecke hinterlassen hatte. "In diesem Haus wohnte eine Familie mit zwei Kindern, und ich weiß bis heute nicht sicher, ob alle überlebt haben", erzählt der Weinbacher. "Im Kellergeschoss mussten wir von außen mit Gewalt die noch verschlossenen Rollläden und Türen öffnen. Dann ging es daran, den Schlamm herauszuholen und die komplette Einrichtung zu entsorgen. Es war furchtbar. Mir kam es vor, als würden wir das Leben einer ganzen Familie wegwerfen: Spielsachen, Kinderbücher, Klamotten, Möbel und vieles mehr.."

Auf der Rückfahrt fürchterlich geweint

Auf der Rückfahrt mit dem Bus sei dieser von Einwohnern angehalten worden, die sich mit Tränen in den Augen und zwei Kisten Bier in den Händen bedankt hätten, was unter den Helfern eine große Euphorie ausgelöst habe. Bei der Rückfahrt im eigenen Auto dann habe er fürchterlich weinen müssen: "Was hier passiert war, kann kein Fernsehen zeigen", sagt Bernd Krause. "Ab diesem Tag war ich wie infiziert und konnte nicht mehr loslassen." Von da an sei er alle paar Tage die 130 Kilometer ins Ahrtal gefahren und habe in Rech, Altenburg, Altenahr, Ahrbrück, Dernau, Mayschoß und in Ahrweiler geholfen. Auch Ehefrau Birgit sowie die beiden Töchter Insa (31) und Svenja (28) hätten sich an den Aufräumarbeiten beteiligt.

Bereits zwei Tage später sei er wieder vor Ort gewesen, und zwar diesmal in Altenahr. Dort angekommen, sei die Burg-Apotheke ausgeräumt und anschließend der Keller der ehemaligen Seilbahngaststätte vom Schlamm befreit worden. Hier habe ihm ein Anwohner geschildert, dass er gesehen habe, wie ein Ehepaar auf einem Dachstuhl sitzend durch das Wasser getrieben worden sei. Der Dachstuhl sei an das Nachbargebäude geprallt und dann in der Dunkelheit verschwunden. Überlebt habe nur der Mann. Bernd Krause schildert auch, dass die Besitzerin einer Tankstelle in Ahrbrück erzählt habe, dass der Mieter eines daneben stehenden Einfamilienhauses in einem Baum sitzend die Flut überlebt habe. Er habe großes Glück gehabt, denn neben ihm seien die anderen Bäume alle weggeknickt wie Streichhölzer.

Beeindruckt habe ihn auch eine Polizistin, die er im August kennengelernt habe: Die verheiratete Mutter einer Tochter verbrachte ihren Geburtstag als Helferin im Ahrtal. "Und solche Menschen gibt es viele", so Bernd Krause. "Sehr emotional war auch der Auftritt des Trompeters Franz Josef, der sich in Mayschoß bei den Helfern mit einem Ständchen bedankte."

An manchen Wochenenden seien bis zu 2500 Helfer täglich im Ahrtal unterwegs gewesen, an den Wochentagen etwa 1000. Die Verpflegung für sie sei "top organisiert" gewesen, und viele Bekanntschaften hätten sich entwickelt. "Ich telefoniere und schreibe mit einigen Menschen und bin ihnen sehr verbunden", erzählt Bernd Krause.

Anfangs seien die Erinnerungen sehr belastend gewesen und die Familie hätte intensiv darüber gesprochen. Und er fügt an: "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an diese Menschen und deren Erlebnisse denke. Ich freue mich jetzt schon auf das Frühjahr, denn dann komme ich spätestens wieder - das steht fest!"

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