Sie haben Angst, dass sie vor die Tür gesetzt werden: Tamara Steinbacher und Jennifer Reusch und ihre Familien leben seit fast drei Jahren in einer Notunterkunft in Hadamar und finden keine eigene Bleibe.
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Sie haben Angst, dass sie vor die Tür gesetzt werden: Tamara Steinbacher und Jennifer Reusch und ihre Familien leben seit fast drei Jahren in einer Notunterkunft in Hadamar und finden keine eigene Bleibe.

Finden keine Wohnung

Seit Jahren in der Notunterkunft: Stadt droht Familien mit Rauswurf

  • Sabine Rauch
    VonSabine Rauch
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Kommunen müssen Menschen eine Wohnung stellen, wenn sie sich selbst nicht helfen können. Im Kreis Limburg-Weilburg wird das für zwei Familien jetzt zum Problem.

Hadamar – Natürlich wissen sie, dass die Wohnungen eigentlich nur für den Übergang gedacht sind, und dass nach fast drei Jahren von einer Übergangslösung nicht mehr die Rede sein kann. Und natürlich wissen sie auch, dass sie nicht immer die besten Nachbarn und Mieter waren, laute Kinder, viel Streit, oft Sperrmüll vor der Tür, und dass die Wohnungen auch nicht mehr so aussehen, wie sie sollten. Aber es sei doch schon besser geworden. Dass sie jetzt wirklich raus müssen aus der städtischen Notunterkunft, können die Familien Reusch und Steinbacher nicht verstehen. Und dass man ihnen mit einem Wohncontainer drohe, schon gar nicht. "Man kommt sich vor wie ein Stück Dreck", sagt Tamara Steinbacher. Denn sie weiß nicht, wohin sie soll, hat Angst, dass das Jugendamt ihr die Kinder wegnimmt, wenn die Wohnsituation noch schlechter wird. Und überhaupt hat sie wenig Hoffnung.

Die Situation ist nicht neu. Schon ein paar Mal hatte die Stadt Hadamar ihr mit dem Rauswurf gedroht, immer wieder Fristen gesetzt. Die letzte ist am 1. November verstrichen, das Ordnungsamt hat aber wieder verlängert: Nun hat sie bis zum 31. Januar kommenden Jahres Zeit, eine Wohnung zu finden - für sich, ihren Mann, ihre vier minderjährigen Kinder und das Enkelkind. "Aber wir finden keine Wohnung." Und sie weiß auch, woran das liegt: an den vielen Kindern und daran, wo sie herkommt. "Spätestens, wenn der Vermieter hört, dass wir in einer Notunterkunft wohnen, meldet er sich nicht mehr." Und dass die Miete vom Amt kommt, sei auch nicht gerade hilfreich. Sie wisse nicht, was sie noch tun soll, um eine Wohnung zu finden, sagt Tamara Steinbacher. Sie habe sogar schon die Stadt gebeten, eine Wohnung für sie anzumieten, "vielleicht hat die Stadt ja mehr Glück".

"Wenn man einmal in der Obdachlosigkeit ist, kommt man schwer wieder raus", sagt Jennifer Reusch. Sie weiß, wovon sie redet. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern ebenfalls seit Januar 2019 in der Notunterkunft der Stadt Hadamar in der Egermannstraße, damals war ihre Wohnung nach einem Brand unbewohnbar geworden. Die Wohnung sei längst wieder in Ordnung, aber der Besitzer habe sich andere Mieter gesucht. Sie sei der Stadt dankbar, dass sie so schnell und unbürokratisch geholfen habe, auch wenn es zu fünft in einer Zwei-Zimmer-Wohnung ziemlich eng sei.

Familie in Hadamar bemüht sich redlich um Wohnung

Dass die Stadt ihr nun aber nicht glaube, dass sie sich redlich um eine Wohnung für ihre Familie bemühe, findet sie nicht in Ordnung. Sie suche nach Wohnungen, aber die Hürden seien hoch: teure Mieten, hohe Kautionen, Vermieter, die lieber Tiere als Kinder nehmen. Jennifer Reusch wüsste, wo sie gerne leben würde: Ein Stockwerk tiefer in der Notunterkunft der Stadt. Dort, wo eine Drei-Zimmer-Wohnung seit langem leer stehe. Dort wäre genug Platz für die Familie und für die Kosten käme ja sowieso das Sozialamt auf: acht Euro pro Tag und Person. "Dafür könnte man schon ein ganzes Haus mieten."

Aber das kommt für die Stadt Hadamar nicht in Frage. Für die Stadtverwaltung ist klar, dass die Familien Steinbacher und Reusch sich schnell eine eigene Wohnung suchen müssen, damit die Notunterkünfte wieder den Menschen zur Verfügung stehen, die akut in Not sind und schnell eine Bleibe brauchen. Denn dazu ist die Stadt verpflichtet. Eine Einquartierung von mehr als zwei Jahren entspreche aber schon lange nicht mehr der vorgesehenen Nutzung. Außerdem habe der Zustand der Wohnungen immens gelitten, und die Nachbarn beschwerten sich ebenfalls. "Vor diesem Hintergrund wurden die Familien mehrfach aufgefordert, sich um neuen Wohnraum zu bemühen. Dem Kenntnisstand des Ordnungsamts zufolge wurde dieser Aufforderung jedoch nicht nachgekommen."

Kreis Limburg-Weilburg: Mehrfach Fristen für Auszug aus der Wohnung gesetzt

Um die Suche ein bisschen zu beschleunigen, habe die Stadt den Familien mehrfach dreimonatige Fristen für einen Auszug gesetzt, "die die Familien alle verstreichen ließen". Natürlich habe die Stadt die Familien in ihrer Not nicht alleine gelassen: Die Stadtverwaltung habe zum Beispiel einschlägige Immobilien-Online-Portale nach geeigneten Wohnungen durchsucht und Empfehlungen an die Familie weitergeleitet. Was daraus geworden ist, wisse die Stadt nicht: Die beiden Familien hätten erklärt, man habe ihnen mitgeteilt, dass Familien dort nicht erwünscht seien. "Während andere Familien, die zwischenzeitlich in Notunterkünften der Stadt untergebracht waren, bei Ihrer Suche bereits nach rund drei bis sechs Monaten fündig wurden und diese zeitnah wieder verlassen konnten."

Natürlich will und kann die Stadt die Familien nicht einfach auf die Straße setzen. Schließlich geht es auch um Kinder, und die Stadt ist für die Sicherheit ihrer Bürger verantwortlich und verpflichtet, ihnen einen Platz zum Schlafen zur Verfügung zu stellen. Laut Rechtsprechung ist unfreiwillige Obdachlosigkeit eine Störung der öffentlichen Sicherheit. Die Stadt Hadamar formuliert es so: "Aufgabe der Stadtverwaltung (des Ordnungsamtes) ist, gegen Obdachlosigkeit vorzugehen, da das Schlafen in der Öffentlichkeit unter dem Tatbestand ,Lagern im öffentlichen Raum' eine Ordnungswidrigkeit darstellt."

Also: Wenn die Stadt die Familien einfach vor die Tür setzen würde, könnten sie am nächsten Tag wieder vor der Tür stehen und um Unterkunft bitten. Die muss nicht besonders komfortabel sein, sie müsse nur die "Mindestanforderungen einer menschenwürdigen Unterbringung" erfüllen. Und das könne durchaus auch ein Container sein. Ob es ein Container wird, steht aber noch nicht fest. Die Stadt behalte sich die Prüfung verschiedener Schritte bei erneutem Verzug vor, teilte die Stadt mit. "Containerlösungen sind eine Möglichkeit, auf die andere Kommunen bereits zurückgreifen und die somit grundsätzlich zur Diskussion stehen." (Sabine Rauch)

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