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"Wer trinkt, ist einsam"

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Von: Sabine Rauch

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Alkoholsucht ist immer noch ein Tabu, auch wenn es inzwischen jeder wissen müsste, dass Suchtkranke krank sind.
Alkoholsucht ist immer noch ein Tabu, auch wenn es inzwischen jeder wissen müsste, dass Suchtkranke krank sind. © picture alliance / photothek

Jeder sollte über seinen Konsum nachdenken. Süchtigen und deren Angehörigen finden in der Selbsthilfegruppe des Kreuzbundes Unterstützung.

Limburg-Weilburg -"Alkohol? Weniger ist besser!" - ist das Motto: Übermorgen starten die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen und das Blaue Kreuz Deutschland die nunmehr achte Aktionswoche Alkohol. Das Ziel ist klar: Prävention. Jeder sollte mal über seinen Alkoholkonsum nachdenken - am besten schon, bevor er problematisch wird. Für alle, denen nur noch Abstinenz hilft, gibt es Selbsthilfegruppen. Zum Beispiel die des Kreuzbundes: Dort finden Süchtige und Angehörige jemanden, der weiß, wovon er redet.

Karin ist da ganz pragmatisch: "Ich habe mich alleine reinmanövriert in die Scheiße, da muss ich auch allein wieder rauskommen." Da helfe kein Drumherumreden und auch kein Jammern und Klagen. Und inzwischen helfe es auch nicht mehr, über die Gründe für ihre Trinkerei nachzudenken. Aber Selbsthilfe hilft. Karin kann das beurteilen. Seit August 2016 ist sie trocken, seit 1. Januar 2018 im Kreuzbund. Seitdem geht sie regelmäßig einmal pro Woche zu den Treffen, um zu reden und zuzuhören - am Anfang, um wenigstens einen festen Termin in der Woche zu haben, für den es sich lohnt, sich ordentlich anzuziehen und zurecht zu machen, inzwischen, um sich zu engagieren, um anderen zu helfen, die da stehen, wo sie so oft stand: Am Anfang eines trockenen Lebens.

Es sei eine schwere Last, vom Alkohol loszukommen, sagt Karin. Ungezählte Entgiftungen hat sie gemacht, fünf Langzeittherapien, drei Mal war der Führerschein weg. Sie sei unendlich dankbar, dass sie überlebt habe. "Alle hatten mich aufgegeben." Und jetzt fühle sie sich verpflichtet, einen Beitrag zu leisten - in der Selbsthilfe. Damit Ursula zum Beispiel erkennt, dass sie ihrem alkoholkranken Sohn nicht helfen kann, wenn sie ihn schützt. "Die Selbsthilfegruppe erinnert mich daran, dass es Grenzen gibt, dass ich mich schützen muss", sagt sie.

"Co-Abhängige" sind

auch in der Gruppe

Und die Erinnerung brauche sie immer mal wieder, auch wenn ihr Sohn nun schon seit vier Jahren trocken ist und alleine lebt. In der Gruppe habe sie gelernt, die Schuld für das süchtige Verhalten des Sohnes nicht immer bei sich zu suchen. Das ist das Klischee: "Die Mutter ist schuld, wenn das Kind trinkt." Sie ist nicht die einzige "Co-Abhängige" in der Donnerstagsgruppe des Kreuzbundes. Das gehört zum Konzept, erklärt Steffen. Die Ziele sind klar: Für die Suchtkranken Abstinenz, für die Angehörigen Stabilität. Und dafür sei der gemeinsame Dialog wichtig.

"Ich wollte verstehen", sagt Monika. Verstehen, was die Tablettensucht mit ihrer Tochter macht und dass sie ihr nicht hilft, wenn sie versucht, ihr zu helfen. "Man meint es ja gut", sagt Monika heute. Zehn Jahre habe sie gebraucht, um sich abzunabeln. Und auch heute noch sei die Gruppe wichtig. Dort könne sie über ihre Probleme sprechen, die meisten kennen sich schon seit Jahren und auch ihre richtigen Namen - nur in der Zeitung lesen wollen sie ihn nicht. Denn Sucht ist immer noch ein Tabu, auch wenn es inzwischen jeder wissen müsste, dass Suchtkranke krank sind. Und dass eine Heilung nicht möglich und das abstinent sein eine Herausforderung ist.

Klaus weiß das sehr gut. "Ich mache das ganze Trinker-Martyrium seit zehn bis zwölf Jahren mit - mindestens", sagt er. Er hat eine alkoholkranke Frau und miterlebt, wie aus dem Feierabendbier eine Krankheit wird. Früher hätten sie gemeinsam getrunken, sagt er. Aber er habe irgendwann einen Schnitt gemacht, weil er ja nüchtern zur Arbeit wollte. Seine Frau nicht. Sie hat auch betrunken gearbeitet, und als das nicht mehr ging, habe er ihr geholfen. "Da hat das berühmt berüchtigte Betüddeln angefangen", sagt er. Und die Geheimnistuerei. Vor vier Jahren, als seine Frau in einer Langzeittherapie war, habe er in einem Angehörigenseminar das erste Mal erfahren, dass er nicht der Einzige ist, der solche Probleme zu Hause hat. Er lebt noch mit seiner Frau zusammen. "Ich habe gelernt, mich abzugrenzen", sagt Klaus. Jedenfalls meistens. "Heute weiß ich, dass diejenige, die mit drei Promille vor mir sitzt, mich beschimpft und zutextet, eigentlich nicht meine Frau ist." Und das habe er auch der Gruppe zu verdanken, dem offenen Austausch mit anderen, die genau wissen, wovon er spricht.

Ganz alleine wird

man nicht trocken

Dennis zum Beispiel. Seit 2009 ist er trocken. Das hat er einer Herzmuskelentzündung zu verdanken und der Einsicht, dass es so nicht weitergeht. Nach dem Krankenhaus ging er trotzdem wieder nach Hause, eine stationäre Langzeittherapie sei für ihn nicht in Frage gekommen, der Arbeitgeber sollte nicht mitbekommen, was mit ihm los ist. Aber ganz alleine wird man nicht trocken. Dennis entschied sich für die ambulante Therapie beim Diakonischen Werk und die Selbsthilfegruppe beim Kreuzbund. "Ich nutze den Donnerstag für mich", sagt er.

Erst macht er einen Stadtbummel in Limburg, dann fährt er ins Bürgerhaus Lindenholzhausen in die Gruppe. Routinen sind wichtig. Und dass man etwas findet, mit dem man die Zeit füllt, in der man früher in der Kneipe saß. Und Dennis hat noch eine andere Strategie gefunden, um abstinent zu bleiben. "Ich gehe immer mal wieder nach Hadamar in die Entgiftung, um mir einen Ekel zu holen." Und um von seinen Erfahrungen zu berichten - mit dem Trockenwerden und überhaupt.

Auch für Steffen ist der Kontakt mit Menschen, die heute da stehen, wo er auch schon mal stand, sehr wichtig. Weil er helfen will und sich immer wieder daran erinnern, dass er alkoholkrank ist. Deshalb geht er in Suchtkliniken, stellt die Arbeit des Kreuzbundes vor und zeigt, wie wichtig so eine Selbsthilfegruppe ist. Für die Abstinenz. Und gegen die Einsamkeit. Die sei am schlimmsten, sagt Ursula: "Wer trinkt, ist einsam. Und wer versucht, den Trinkenden zu beschützen, auch."

Hier gibt es Hilfe:

Weitere Informationen über die Gruppen des Kreuzbundes gibt es im Internet: Die Gruppen für den kompletten Diözesanverband Limburg finden Sie unter der Adresse www.kreuzbund-dv-limburg.de/unsere-gruppen. Die Gruppen von Limburg finden Sie unter www.kreuzbund-dv-limburg.de/gruppen-limburg.

Aber es gibt auch noch andere Selbsthilfegruppen im Landkreis, Kontakte herstellen kann die Selbsthilfekontaktstelle, (0 64 31) 29 66 35. Ein erster Ansprechpartner kann auch die Suchtberatung des Diakonischen Werks Limburg-Weilburg, (0 64 31) 2 17 40, sein. sbr

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