Ein Dilemma für viele berufstätige Eltern im Homeoffice: Wenn das Kind zusätzlich betreut werden muss, fällt die konzentrierte Arbeit am Küchentisch sehr schwer.
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Ein Dilemma für viele berufstätige Eltern im Homeoffice: Wenn das Kind zusätzlich betreut werden muss, fällt die konzentrierte Arbeit am Küchentisch sehr schwer.

Arbeitswelt

Wie geht es künftig mit Homeoffice weiter? Betriebe in Limburg-Weilburg geteilter Ansicht

  • Rolf Goeckel
    VonRolf Goeckel
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Am Montag berät die Bundesregierung über die Homeoffice-Pflicht. Einige Betriebe im Kreis Limburg-Weilburg wollen auch weiterhin auf mobiles Arbeiten setzen, für andere überwiegen die Nachteile.

Limburg-Weilburg – Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt verändert. Viele Firmen schickten Mitarbeiter nach Hause ins Homeoffice oder ins sogenannte "mobile Arbeiten". In der "Bundesnotbremse" wurde das Angebot zum Arbeiten von daheim sogar zur Pflicht erhoben; für die Zeit nach der Pandemie denkt die Bundesregierung über einen gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice nach.

Am Montag (28.06.2021) berät die Bundesregierung, ob die "Bundesnotbremse" und damit auch die Homeoffice-Pflicht für Arbeitgeber ausläuft. Sinkende Inzidenzzahlen tragen dazu bei, dass derzeit viele Unternehmen überlegen, ihre Mitarbeiter zurück ins Büro zu holen. Wie waren die Erfahrungen mit dem Arbeiten zu Hause? Was bleibt vom Homeoffice?

Industrie- und Handelskammer Limburg würde Auslaufen der Homeoffice-Pflicht begrüßen

Grundsätzlich würde die Industrie- und Handelskammer Limburg das Auslaufen der Homeoffice-Pflicht in der Bundesnotbremse begrüßen. Denn nach ihrer Einschätzung führt diese zu "unnötiger Bürokratie und Unsicherheit in den Betrieben". Viele Unternehmen seien bereits seit Langem vorbildlich gewesen und hätten, wo immer es ging, Angestellten mobiles Arbeiten von zu Hause aus ermöglicht, erklärt Pressesprecher Matthias Werner.

"Unsere Unternehmerinnen und Unternehmer minimieren selbst die Infektionsgefahr und kennen die betrieblichen Erfordernisse am besten. Die staatlichen Ressourcen zur Kontrolle der Homeoffice-Plicht wären besser in die Nachverfolgung von Infektionen investiert." Eine eigenverantwortliche Umsetzung, so Werner, funktioniere, weil Unternehmen ihre Beschäftigten schützen und Arbeitsprozesse aufrechterhalten wollten.

Beschäftigte in Limburg wollen nicht dauerhaft im Homeoffice sein

Die Erfahrungen der Unternehmen mit mobilem Arbeiten seien dabei überwiegend positiv. Eher sei es so, dass die Beschäftigten nicht dauerhaft im Homeoffice sein wollten und gern an den Arbeitsplatz im Unternehmen zurückkehren möchten. Werner: "Vielfach fehlen der soziale Austausch und die Arbeit im Team." Positive Effekte seien beispielsweise der unkomplizierte Austausch über Webmeetings und insgesamt ein Schub für die Digitalisierung in den Unternehmen.

Auch berichteten Unternehmen davon, Pläne für einen Erweiterungsbau für Verwaltungsbüros aufgrund der guten Erfahrungen mit mobilem Arbeiten erneut prüfen zu wollen. Bei den Büroräumen zeichne sich ein Trend ab, vermehrt Kommunikationspunkte zu schaffen, an den sich die mobil arbeitenden Mitarbeiter austauschen könnten.

Homeoffice während Corona in der Firma Schmidt Tone in Dornburg – „Die Unternehmenskultur leidet“

Die Dornburger Firma Schmidt Tone hat laut ihrem Geschäftsführer Stephan Schmidt bis zu 80 Prozent ihrer Büroangestellten ins Homeoffice geschickt und habe dies "ganz gut hinbekommen", zumal bereits vor der Pandemie die EDV des Unternehmens komplett erneuert und viele Kollegen mit Laptops ausgerüstet worden seien. Aber: "Die Unternehmenskultur unseres Familienunternehmens leidet", stellt Schmidt fest. "Das Miteinander, der Austausch fehlen. Das Schwätzchen in der Kaffeeküche und beim gemeinsamen Mittagessen entfallen."

Deshalb wäre er froh, wenn die Homeoffice-Pflicht Ende Juni gekippt würde, so Schmidt. "Wir wollen die Kollegen wieder zurückholen ins Unternehmen", sagte er. Gleichwohl zeigte sich Schmidt sicher, dass die Pandemie-Zeit Spuren hinterlassen wird in der Arbeitskultur seines Unternehmens. Außer dem Vertrieb, der schon früh auf das Arbeiten von zu Hause umgeschwenkt sei, könne er sich vorstellen, auch mit den anderen Abteilungen ein oder zwei Tage Homeoffice pro Woche zu vereinbaren. Mindestens einen Tag, am besten Montag, wolle er aber alle Mitarbeiter im Unternehmen sehen. "Denn es gibt Themen, die man direkt von Angesicht zu Angesicht besprechen muss. Da sind Videokonferenzen zu unpersönlich, zumal es nicht immer nur Erfreuliches zu bereden gibt."

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Home Office und Digitalisierung: Corona-Pandemie als Initialzünder für Veränderungen in der Arbeitswelt

Zwischen zehn und 15 Prozent der Mitarbeiter der Weilburger Coatings (Lackfabrik) befinden sich im Homeoffice - und sollen es in einem rollierenden System auch vorerst bleiben, so Geschäftsführer Frank Gläser. "Grundsätzlich hat sich das mobile Arbeiten in der Pandemie-Zeit bewährt, das heißt, rein funktional gibt es hier keinen Grund, dies nicht weiterzuführen. Der Wunsch, zukünftig mehr von zu Hause aus zu arbeiten, besteht, wobei die Mitarbeiter bis auf wenige Ausnahmen aber auch physisch im Unternehmen arbeiten möchten. Die fehlenden Sozialkontakte mit den Kollegen sind hier in erster Linie zu nennen", erläutert der Firmenchef.

Gläser geht davon aus, dass die Arbeitswelt grundlegend verändert wurde. "Die Pandemie war meines Erachtens die Initialzündung für viele weitreichende Veränderungen in der Arbeitswelt. Viele Dinge, die in der Vergangenheit immer nur diskutiert wurden, mussten jetzt gezwungenermaßen umgesetzt werden." Als Beispiele nennt der Geschäftsführer einen "Push zur Digitalisierung", der ein Momentum entwickelt habe, den es "unbedingt mit Dynamik für die Zukunft weiterzuführen" gelte. Die Reduzierung der Reisetätigkeit habe in vielen Unternehmen sicherlich ebenfalls zu positiven Überraschungen geführt. "Ich bin fest davon überzeugt, dass wir das Reise-Niveau der Vergangenheit nicht wieder erreichen werden, denn es geht auch anders."

Firma Schaefer Kalk in Diez – Mitarbeiter wollen mobiles Arbeiten auch ohne Homeoffice-Pflicht nutzen

Bei Schaefer Kalk in Diez arbeiten von 462 Mitarbeitern derzeit 52 ganz oder teilweise aus dem Homeoffice, berichtet Geschäftsführerin Heike Horn. Das entspreche einer Quote von gut zwölf Prozent. Dass nach Aufhebung der Homeoffice-Pflicht der Zustand vor der Pandemie schnell wieder zurückkehrt, glaubt die Unternehmerin nicht. "Alleine, um Abstandsregelungen weiter einzuhalten, können nicht alle Mitarbeiter wieder im Unternehmen arbeiten. Grundsätzlich streben wir mittelfristig an, dass unsere Mitarbeiter an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, wenngleich das in vielen Fällen nicht unbedingt 100 Prozent der Arbeitszeit betreffen muss."

Einige Mitarbeiter wollten von sich aus die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten gerne weiter nutzen. Horn: "Wir werden hier gemeinsam gute Lösungen finden."

Für gelingende Kommunikation sei auch das Arbeiten vor Ort notwendig

Für den Zusammenhalt und die Kommunikation sei es allerdings wichtig, so Heike Horn weiter, dass wieder mehr gemeinsam vor Ort gearbeitet werden kann, Besprechungen wieder in Präsenz stattfinden und Geschäftspartner wieder besucht werden können. "Ein Telefonat oder ein digitales Meeting kann nicht in jedem Fall den persönlichen Kontakt ersetzen. Wir gehen aber davon aus, dass diese persönlichen Kontakte nicht mehr im gleichen Umfang wie vor der Pandemie stattfinden werden, sondern vermehrt nur dort, wo sie für den Unternehmens- und Arbeitserfolg notwendig und hilfreich sind."

Grundsätzlich habe das Arbeiten von zu Hause aus gut funktioniert. "Die Mitarbeiter haben das sehr engagiert mitgemacht und auch von zu Hause, teils unter schwierigen Bedingungen wie Schulschließungen, weiter einen guten Job gemacht." Im normalen Alltag könne sich Schaefer Kalk dennoch 100-prozentige Homeoffice-Lösungen nicht vorstellen. "Wir denken, dass es immer einen prozentualen Anteil an Arbeit vor Ort und persönliche Zusammentreffen der Kollegen, Vorgesetzten und Mitarbeiter geben muss", sagt sie.

Weton Massivhaus in Staffel über Homeoffice: Digitale Kommunikation nimmt mehr Zeit in Anspruch

Bei Weton Massivhaus in Staffel arbeiten rund 80 Prozent im Homeoffice, berichtet Geschäftsführer Manuel Hannappel, in der Sparte Baustoffe und bei der Indeco sind es maximal zehn Prozent, weil hier ein hohes Maß an Präsenz erforderlich sei. Wegen der nach wie vor unklaren Pandemie-Lage plant das Unternehmen vorerst keine Rückkehr seiner Mitarbeiter an ihren alten Arbeitsplatz, obwohl dies von nahezu sämtlichen Beschäftigten im Homeoffice gewünscht und von der Firmenleitung unterstützt werde, so Hannappel. Homeoffice werde sicherlich weiterhin möglich sein, wie dies auch schon vor der Pandemie einmal pro Woche der Fall gewesen sei.

Obwohl das Homeoffice nach Hannappels Einschätzung gut funktioniert hat, habe es allerdings gravierende Nachteile gegeben: Zwei Mitarbeiter habe das Unternehmen fast täglich damit beschäftigt, große Planungsdokumente von A nach B zu fahren. Zudem sei der Papierverbrauch enorm gestiegen, weil sich viele Mitarbeiter vorsichtshalber mehr ausgedruckt hätten als früher. Der Hardware-Aufwand sei deutlich größer, weil etliche Mitarbeiter Drucker und Scanner benötigen. Und es habe sich gezeigt, dass viele Ansprachen über das Telefon oder per E-Mail viel länger dauerten als im persönlichen Gespräch, so Hannappel.

Großteil der Mitarbeiter der Stadtverwaltung in Limburg teilweise im Homeoffice

Ein Großteil der Mitarbeiter in den öffentlichen Verwaltungen befindet sich ebenfalls im Homeoffice. So sind bei der Stadtverwaltung Limburg 123 Mitarbeiter aus Bereichen, in denen es möglich ist, zumindest teilweise im Homeoffice, wie Pressesprecher Johannes Laubach berichtet. Viele Abteilungen seien in Teams aufgeteilt worden, um Begegnungen zu reduzieren und um bei Infektions- oder Krankheitsausfällen weiterhin als Abteilung arbeitsfähig zu bleiben. "Es handelt sich um einen Wechsel zwischen Präsenz und Homeoffice." Sobald die Pandemie-Lage es zulässt, werde der überwiegende Teil der Mitarbeiter an den Arbeitsplatz zurückkehren, erklärt der Sprecher.

Allerdings sei Homeoffice in der Stadtverwaltung im Rahmen einer Dienstvereinbarung bereits vor der Corona-Pandemie möglich gewesen und werde nach Abflauen der Pandemie möglich bleiben. "Wir gehen davon aus, dass Homeoffice durch die gemachten Erfahrungen an Attraktivität dazugewinnt", sagt Laubach. Derzeit habe die Stadtverwaltung 18 nach der Dienstvereinbarung bewilligte Fälle von Homeoffice, darüber hinaus lägen zwei neue Anträge vor, und es gebe viele mündliche Anfragen.

Kreisverwaltung Limburg-Weilburg – Mitarbeitern im Homeoffice fehlt der Kontakt zu Kollegen

Bei einer Umfrage im Juni 2020 seien die Erfahrungen der Mitarbeiter mit Homeoffice überwiegend positiv gewesen, berichtet Laubach weiter. "Durch die Abwicklung von Publikumsverkehr und der noch nicht existierenden kompletten Digitalisierung ist in vielen Fällen kein dauerhaftes Homeoffice möglich. Auch stellen wir fest, dass sich unsere Mitarbeitenden auf die Rückkehr in die Verwaltung freuen, um den Bürgerinnen und Bürger wieder real zu begegnen, Absprachen wieder in Präsenz durchführen zu können und die sozialen Kontakte zu den Kollegen wieder zu pflegen."

Bei der Kreisverwaltung Limburg-Weilburg arbeiten laut Pressesprecher Jan Kieserg 300 Mitarbeiter im Homeoffice, davon 150 schon vor der Pandemie. Seit Anfang 2020 gebe es eine Dienstvereinbarung "Mobiles Arbeiten", die dies ermöglicht. Ein Teil der Mitarbeiter wünschten sich eine Rückkehr ins Büro, um wieder Kontakt zu Kollegen zu haben, berichtet Kieserg weiter. Ein nennenswerter Anteil wolle aber weiterhin im Homeoffice arbeiten, so dass sich der Anteil der mobilen Arbeit in der Verwaltung aufgrund der Pandemie erhöhen werde.

Stadt Runkel will Möglichkeiten des Homeoffice weiter ausbauen

Von "elementaren Veränderungen" in der Verwaltungsarbeit der Zukunft geht Runkels Bürgermeister Michel Kremer (parteilos) aus. Die Corona-Pandemie habe die Prozesse sicherlich beschleunigt. "Die Digitalisierung ist eine der größten Aufgaben, vor denen die Verwaltungen in den nächsten Jahren stehen", sagt Kremer. "In Runkel werden wir versuchen, die Dinge Schritt für Schritt anzugehen und nach und nach alle Bereiche, Prozesse und Abläufe zu digitalisieren. Es ist eine Mammutaufgabe, die da vor uns liegt."

Die Bilanz des Homeoffice in der Stadtverwaltung Runkel ist laut Kremer positiv, auch wenn derzeit lediglich zwei bis fünf Mitarbeiter - oftmals spontan - zu Hause arbeiten. Nach Aufhebung der Homeoffice-Pflicht würden sicherlich Mitarbeiter wieder ins Büro kommen, "aber es ist nicht vorgeschrieben". Die Stadt Runkel werde die Möglichkeiten von Homeoffice weiter ausbauen. (Rolf Goeckel)

Auch viele Schulen stellte die Corona-Krise in Limburg vor Herausforderungen.

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