Virtuell fand der Austausch zwischen Landkreis, Hilfsorganisationen und den niedergelassenen Ärzten zum Impfen statt.
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Virtuell fand der Austausch zwischen Landkreis, Hilfsorganisationen und den niedergelassenen Ärzten zum Impfen statt.

Auch der Kreis betroffen

Ärzte in Limburg von Biontech-Rationierung schockiert: „Schlag ins Gesicht“

  • Rolf Goeckel
    VonRolf Goeckel
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  • Sebastian Semrau
    Sebastian Semrau
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Die Begrenzung des Biontech-Impfstoffs während der Corona-Pandemie kommt bei der Ärzteschaft im Landkreis Limburg-Weilburg nicht gut an.

Limburg-Weilburg – Biontech oder Moderna? Wer sich gegen Corona impfen lassen wollte, hatte bisher die freie Wahl zwischen diesen beiden mRNA-Impfstoffen, und meistens fiel sie zugunsten des Vakzins aus, das in Mainz entwickelt wurde: Biontech. Vor wenigen Tagen nun hat der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verkündet, dass künftig der Biontech-Impfstoff Comirnaty rationiert und stattdessen verstärkt der Impfstoff des US-Herstellers Moderna („Spikevax“) eingesetzt werden soll. Begründung: Das Biontech-Lager laufe leer, und der Moderna-Vorrat drohe ansonsten im kommenden Jahr zu verfallen. Beide Impfstoffe gelten als ähnlich wirksam, allerdings wird das Moderna-Vakzin von der Stiko erst für Personen ab 30 Jahre empfohlen.

Im Kreis Limburg-Weilburg kam die Nachricht von der Biontech-Begrenzung überhaupt nicht gut an. „Maximal irritiert“ zeigt sich Dr. Simon Fachinger, Vorsitzender des Hausärzteverbands Bezirk Limburg-Weilburg. „Auf der einen Seite kam der Aufruf ,bitte impft mehr‘, auf der andere Seite wird der Impfstoff rationiert.“ Er kenne Kollegen, so Fachinger, die hätten 2000 Patienten bis in den Januar auf Biontech eingestimmt. Die müssten nun alle informiert werden, dass sie voraussichtlich mit Moderna geimpft werden.

„Das ist ein riesiger logistischer Aufwand“, so Fachinger. „Wir werden das Gros der Patienten überzeugen können“, ist er zuversichtlich. Denn Moderna sei ein „guter Impfstoff“. Allerdings werde es auch Patienten geben, die ihn ablehnen, zumal das Vakzin ähnlich wie im Frühjahr das von Astrazeneca in den Medien negativ dargestellt worden sei - zu Unrecht, wie Fachinger betont.

Ohnehin, berichten Fachinger und sein Limburger Kollege Dr. Wilfried Thiel vom Ärztenetzwerk Piano, werde in vielen Arztpraxen „der Ton gegenüber den Mitarbeitern immer rauer und die Forderungen immer aggressiver“. „Wir alle geben unser Bestes und arbeiten, wie die Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhäusern am oder über dem Limit“, so Fachinger und Thiel. An die Bevölkerung appellieren sie: „Auch für uns kommt die Entscheidung zur Rationierung der Impfstoffmenge des Impfstoffes von Biontech überraschend. Bitte lassen Sie Ihren Ärger nicht an unserem Personal aus.“

Jens Spahn wollte Biontech-Lieferungen begrenzen – „Versagen des Gesundheitsministers“

Der Dehrner Allgemeinmediziner Dr. Johannes Löw hat die Begrenzung von Biontech als einen „Schlag ins Gesicht“ empfunden. „Das ging wie ein Ruck durch die Haus- und Fachärzteschaft“, berichtet er. Die Auswirkungen auf seine Praxis: Derzeit könne er nur 60 Impftermine vergeben, geplant waren 600. „Wir wissen einfach nicht, wie viel Impfstoff uns die Apotheke liefern kann“, sagt Löw. Weitere Termine könne er erst dann vergeben, wenn der Impfstoff diesen Mittwoch tatsächlich in der Praxis steht.

Erfahrungen mit Moderna habe er bisher nicht sammeln können, weil Spikevax lange Zeit den Impfzentren vorbehalten gewesen sei. Mit Blick auf die bevorstehende Impfwoche in seiner Praxis will Löw nun 90 Dosen Comirnaty bestellen und 510 Spikevax von Moderna. „Dann müssen wir abwarten, wie die Patienten darauf reagieren“, sagt er, zeigt sich allerdings skeptisch. Denn: „Mehr als 90 Prozent aller Impfpatienten verlangen ausdrücklich Biontech.“

Um Punkt 12 Uhr öffnen Sicherheitsmitarbeiter den schmalen Eingang und lassen im drei- bis fünf-Minuten-Takt zehn bis 20 bibbernde Leute rein. Alte, Gebrechliche, Schwangere und Eltern mit Kleinkindern haben Vorrang und werden mit leisem Murren den anderen Wartenden vorgezogen. Die Sicherheitsleute lächeln das leise Gemotze über ihren Masken freundlich weg.

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Corona-Impfungen: Normaler Praxisbetrieb leidet bereits jetzt

Von der Akzeptanz des Moderna-Impfstoffes hänge auch ab, ob seine Praxis bis Weihnachten den 2000 von ihr geimpfte Patienten einen Booster verabreichen kann. Bei dem geplanten Impftempo von 600 Personen pro Woche sei dies zwar machbar, so Löw. Jetzt aber sei fraglich geworden, ob dieses Ziel erreicht wird. Mehr als das gegenwärtige Impftempo sei ohnehin nicht zu leisten, denn schon jetzt leide der normale Praxisbetrieb, und die Mitarbeiter hätten massiv Überstunden aufgebaut. „Wir müssen uns auch um die Patienten kümmern, die mit einem Bandscheibenvorfall kommen oder Diabetes haben“, erklärt Löw.

Die Elzer Facharztpraxis von Dr. medic Tiberius Voicu hat auf die Spahn-Ankündigung umgehend reagiert und ihren Dienstagsimpftermin abgesagt. Auf der Webseite heißt es lapidar: „Aufgrund von mangelnder Lieferung von Impfstoff können dienstagmittags bis auf weiteres keine Impfungen durchgeführt werden. Bitte bedanken Sie sich bei Herrn Spahn.“

Von einem „Versagen des Bundesministeriums für Gesundheit“, spricht der Vorsitzende des Hausärzteverbands Hessen Armin Beck. In den Praxen der Niedergelassenen sei überwiegend der Biontech-Impfstoff verwendet worden. „Diese jetzt so plötzlich veranlasste Regelung sorgt für völlig unnötige Diskussion mit den Patienten und Patientinnen in den Praxen. Wir wehren uns dagegen, dass unsere Praxisteams immer wieder in letzter Minute die Planungsfehler der Politik ausbaden müssen“, schreibt Beck in einer Presseerklärung. „Noch letzte Woche hieß es aus dem Ministerium, es sei genug Impfstoff vorhanden. Wir haben - zusätzlich zu unserer täglichen Arbeit - viel Zeit dafür verwendet, unseren Patientinnen und Patienten Termine mit Biontech bis in das neue Jahr hinein zuzusagen. Wir können und wollen das über Jahrzehnte gewachsene, in uns gesetzte Vertrauen unserer Patientinnen und Patienten nicht verspielen.“ Der Hausärzteverband fordere daher alle Niedergelassenen auf - wie geplant und benötigt - Biontech (und gegebenenfalls auch Moderna) zu bestellen. Alle verfügbaren Dosen Biontech sollten bevorzugt in die Arztpraxen geliefert werden.

Corona in Limburg-Weilburg: Kreis muss künftig deutlich mehr impfen

Auch der Landkreis Limburg-Weilburg ist nach eigenen Angaben von der Kontigentierung des Biotech-Impfstoffs überrascht worden. Ab dieser Woche erhalten alle Impfzentren 1020 Biontech-Impfdosen pro Woche. Positiv sei aber, dass dass weiterhin ausreichend Impfstoff der Firma Moderna zur Verfügung stehe, sagt Kreissprecher Jan Kieserg. Dieser sei laut Paul-Ehrlich-Institut gleichwertig. „In einigen Studien zeigte Moderna sogar eine bessere Wirksamkeit als Biontech gegenüber der Delta-Variante.“

Dass Biontech zu den Hausärzten und alle anderen Impfstoffe in die Impfzentren sollten, hält der Kreis für wenig sinnvoll. Die Aufbereitung des Biontech-Impfstoffs sei viel aufwendiger als bei Moderna. Zudem würden auch im Impfzentrum Personen unter 30 Jahren geimpft, für die es für Letzteren keine Empfehlung der Stiko gebe.

Die Impfungen, die über den Kreis und die angeschlossenen Hilfsorganisationen b etwa bei Sonderimpfterminen laufen, sollen ab kommender Woche massiv ausgebaut werden. Eine weitere Steigerung hatte der Kreis, der als einer der wenigen nach der Schließung der hessischen Impfzentren weiter eine Impfstelle betrieben hatte, sowieso geplant, wie Landrat Michael Köberle (CDU) in einem virtuellen Gespräch mit weiteren Verantwortlichen beim Kreis, Hausärzten und Hilfsorganisationen berichtete. Nun wurde der Druck vom Land Hessen, dass ja zunächst eine Schließung aller Impfzentren veranlasst hatte aber weiter erhöht. Ein neuer Erlass sieht vor, dass der öffentliche Gesundheitsdienst ab kommender Woche jede Woche 2,5 Prozent der Bevölkerung mit seinen Impfangeboten erreichen muss. Für den Landkreis Limburg-Weilburg sind das etwa 4300 Impfungen - bei zunächst kalkulierten 100 pro Tag und derzeit 200 bis 300 in der Impfstelle sowie den mobilen Angeboten.

Dazu gab es am Montag bereits eine außerordentliche Sitzung der Entscheidungsträger der Kreisspitze. „Ziel ist es, alle ,Impfreserven‘ im Landkreis zu mobilisieren und schnellstmöglich, bei ausreichender Impfstoff-Zufuhr, allen Personen, die für eine Boosterung berechtigt sind, eine Auffrisch-Impfung zukommen zu lassen“, teilt Kieserg mit. Details würden nun mit den Hilfsorganisationen (DRK Limburg, DRK Oberlahn, Malteser) besprochen und anschließend über das finale Konzept informiert.

All das konnte beim virtuellen Gespräch noch kein Thema sein. Dr. Simon Fachinger, Vorsitzender des Hausärzteverbandes, Bezirk Limburg, machte dabei deutlich, dass die Einrichtung der Impfstelle und der somit erfolgte nahtlose Übergang nach der vom Land Hessen beschlossenen Schließung der großen Impfzentren eine gute und richtige Entscheidung des Landkreises in Abstimmung mit den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten gewesen sei. „Das Gros der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte impft zurzeit sehr fleißig. Der Aufwand für Terminkoordination und Impfstoffbestellung aber ist enorm. Zudem müssen wir aktuell auch Patientinnen und Patienten mit anderen Erkrankungen, insbesondere Infekten, versorgen.“ In diesem Zusammenhang hätten sich auch die Krankenhäuser im Landkreis bereiterklärt, Impfangebote für die Bürgerinnen und Bürger zu unterbreiten.

„Wir sitzen beim Impfen alle in einem Boot. Deshalb halte ich einen Austausch zwischen Landkreis, den Hausärzten und den Hilfsorganisationen für enorm wichtig, um gemeinsam in die richtige Richtung zu gehen“, sagte Landrat Köberle. „Unser Ziel muss es aufgrund der Infektionslage sein, gemeinsam einen Impfteppich über den Landkreis auszurollen, um die vierte Corona-Welle zu brechen.“ Dafür sei der enge Austausch von Landkreis, Hilfsorganisationen und Ärzteschaft wichtig. Diese wolle man weiter pflegen, hieß es nach der virtuellen Sitzung.

Kampf gegen Corona: 3363 Booster-Impfungen verabreicht

Erstmals hat der Kreis gestern auch eine Zahl zu den Booster-Impfungen genannt. Bis zum Wochenende haben das Impfzentrum Limburg-Weilburg und die Mobilen Teams insgesamt 3363 verabreicht. (Rolf Goeckel und Sebastian Semrau)

Die Corona-Fallzahlen in Hessen steigen: Ab Donnerstag (25.11.2021) gelten in Hessen neue Corona-Maßnahmen.

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