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Pflege ist auch eine organisatorische Herausforderung: Andreas und Letitia Ahlbach müssen Touren planen und die Schlüssel ihrer Patienten verwahren.

Pflege

Der Zeitdruck als Kernproblem: Womit Pflegedienste im Alltag zu kämpfen haben

Zwar gibt es im Landkreis 43 ambulante Pflegedienste, aber in einigen Gemeinden ist es schon schwer, den passenden Dienst zu finden. In einer Serie widmen wir uns dem Thema Pflege in allen Facetten. Heute geht es um die Sorgen und Nöte und Perspektiven eines Pflegedienstes.

Drei Minuten für eine Insulinspritze, eine Minute für die Medikamentengabe, zwei Minuten für das Anziehen des Kompressionsstrumpfes – und reden wollen die Patienten auch noch. Eigentlich ist das den meisten am Wichtigsten, schließlich sind die Mitarbeiter des Pflegedienstes oft die einzigen, die noch regelmäßig ins Haus kommen und zuhören.

Also müssen Altenpfleger multitaskingfähig sein: Sie müssen reden, zuhören und gleichzeitig ihre Patienten versorgen können. Zeit ist in der Pflege ein knappes Gut. Andreas Ahlbach, der Chef eines Alten- und Krankenpflegedienstes, formuliert es so: „Wer in der Pflege arbeitet, kann auch bei Opel am Band arbeiten.“

Der Zeitdruck sei das Kernproblem. Jede Tätigkeit habe ein Zeitbudget, alles sei klar getaktet. „Dadurch geht das verloren, was Pflege eigentlich ausmacht.“

Damit die Patienten nicht zu kurz kommen, geben Andreas und Letitia Ahlbach ihren Mitarbeitern ein bisschen mehr Zeit, „Kulanz-Korridore“ nennen sie das: Vier bis fünf Minuten, wenn Kleinigkeiten zu tun sind, bei der pflegerischen Versorgung auch mal fünfzehn. Aber nicht mehr. Schließlich wartet schon der nächste Patient.

Patienten sind anspruchsvoll. Und oft sehr ungehalten, wenn der Mitarbeiter des Pflegedienstes nicht pünktlich ist – und dann womöglich noch nicht einmal bereit ist, Brötchen mitzubringen, die Zeitung zu holen oder den Müll mitzunehmen. Der Egoismus der Patienten sei das zweite große Problem der Pflegedienste, sagt Andreas Ahlbach. Da sei es oft völlig egal, ob es draußen stürmt oder schneit – der Pflegedienst muss pünktlich sein. Und die Mitarbeiter müssten immer freundlich und gut gelaunt sein. Auch dann, wenn Patienten anzüglich werden oder übergriffig. Sexuelle Belästigung ist auch in der Pflege ein Thema. „Es ist erschreckend, wie wenig Wertschätzung unseren Mitarbeitern entgegengebracht wird“, sagt Letitia Ahlbach.

Schwierige Angehörige

Auch von den Angehörigen. Da gibt es zum Beispiel solche, die beim Pflegedienst einfordern, dass Mutter oder Vater jeden Tag unter die Dusche muss. Dabei möchten die das vielleicht gar nicht. Weil sie das auch früher nicht gemacht haben, als sie noch alleine für sich sorgen konnten. Das sind die Angehörigen, die immer von sich ausgehen und ihre Erwartungen auf die Eltern übertragen, die ihre Eltern nötigen, irgendwelche Dienste in Anspruch zu nehmen, die sie vielleicht gar nicht wollen.

Und dann gibt es die anderen Angehörigen, die, die sich gar nicht mehr um Mutter oder Vater kümmern, weil das ja jetzt der Pflegedienst übernimmt. „Viele Angehörige übergeben die Verantwortung komplett an den Pflegedienst“, sagt Andreas Ahlbach. Und überfordern damit die Mitarbeiter. „Die werden zum Teil mit Problemen bombardiert“, sagt Letitia Ahlbach. Denn wem sollen die Alten sonst ihr Leid klagen? Darüber, dass die Kinder nun gar nicht mehr kommen oder mit dem Heim drohen, dass die Familie zerstritten ist und dass sie sich Sorgen machen, was mit dem Haus passiert. „Da geht es nicht nur um Krankheitsbewältigung, sondern auch um Krisenintervention.“ Der Pflegedienst-Mitarbeiter wird zur Vertrauensperson und zum Ratgeber. „Bei 15 Patienten auf einer Tour hat man schon mal 30 Probleme zu verarbeiten“, sagt Letitia Ahlbach. Das sei auch eine psychische Belastung.

Und dann sind da ja noch die anderen Fragen: Ob dieser oder jener Patient tatsächlich noch zu Hause gepflegt werden kann, zum Beispiel. „Es ist unsere Pflicht, solche Themen anzusprechen und Wege zu bahnen“, sagt Letitia Ahlbach. Schließlich sind die Mitarbeiter des Pflegedienstes oft die einzigen, die mitbekommen, dass es im Haus immer unordentlicher wird, dass sich der Lebensraum auf einen Raum reduziert hat.

Oder dass der Partner mit der Pflege überfordert ist, dass er erschöpft wirkt, dass es immer öfter Streit gibt, dass der pflegende Angehörige den Pflegebedürftigen mit Liebesentzug straft, ihn immer öfter im Bett lässt, ihm immer weniger zu Essen oder zu Trinken gibt. „Dann fragen wir, welche Alternativen es gibt“, sagt Andreas Ahlbach. Und zur Not bitten er oder seine Mitarbeiter auch mal das Gesundheitsamt um Hilfe. Auch wenn das nicht im Leistungskatalog steht – und nicht abgerechnet werden kann.

Immer mehr Bürokratie

Überhaupt: Die Abrechnung. Den Patienten habe das Pflegestärkungsgesetz Vorteile gebracht, sagt Andreas Ahlbach. „Den Pflegediensten nicht.“ Für sie bedeute es nur immer mehr Bürokratie. Dazu gehören die aufwendige Dokumentation der erbrachten Leistungen und die Abrechnung mit drei verschiedenen Kostenträgern. Mit den Krankenkassen, wenn medizinische Leitungen erbracht werden, zum Beispiel Tabletten verabreicht, und mit den Pflegekassen, wenn es um Körperpflege oder Ähnliches geht. Und dann gibt es noch Leistungen, die die Patienten selbst zahlen müssen. Und wer ist auch bei diesem Thema der Ansprechpartner? Der Mitarbeiter des Pflegedienstes. Das sei nicht immer leicht, sagt Letitia Ahlbach. „Viele Menschen verstehen nicht, warum sie Leistungen selbst bezahlen müssen, obwohl sie so lange in die Kassen einbezahlt haben.“

Die meisten Patienten profitierten aber vom Pflegestärkungsgesetz, sagt Andreas Ahlbach – auch wenn das Geld manchmal eher der Familie als den Patienten selbst zugute komme, und dafür bei den Pflegeleistungen gespart werde. „Aber es gibt immer noch genug Menschen, die dankbar sind, dass es uns gibt und dass wir sie unterstützen“, sagen die Ahlbachs. Und diese Patienten seien doch Grund genug, diese Arbeit zu machen.

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