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Chefarzt Dr. Peter Friedrich Petersen führt Mediziner und Pfleger durch die Notaufnahme am Höchster Klinikum.

Ärzte aus Hongkong lernen in Höchst dazu

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Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Deshalb informieren sich fünf Krankenhausärzte aus Hongkong, wie das Klinikum Höchst mit einem computergestützten Leitsystem und erfahrenen Expertenteams der Stroke Unit und Zentralen Notaufnahme im Notfall Menschenleben rettet.

Der 39-jährige Mitarbeiter der Flugzeugabfertigung klagte über Schwindelanfälle und Doppelbilder, seine Sprache wurde immer verwaschener. Die Kollegin erkannte die Warnzeichen und setzte sofort einen Notruf ab. Kaum 15 Minuten dauerte die Fahrt zum Klinikum Höchst, wo die Kernspintomographie bereits vorbereitet war, um weitere Untersuchungen und die operative Entfernung des Blutgerinnsels an der hinteren Hirnarterie durchzuführen – und das ohne ein einziges Telefongespräch zwischen den Rettungssanitätern und dem Klinikum.

Das neue Zauberwort heißt „IVENA“ (Interdisziplinärer Versorgungsnachweis): Eine Informationssoftware, die über das Internet der zuständigen Leitstelle für Notfälle im Minutentakt Informationen über medizinische Fachbereiche liefert und gleichzeitig die Krankenhäuser mit lebenswichtigen Erstinformationen über die einzuliefernden Patienten versorgt. „Ein Monitor mit so vielen Anzeigen, das sieht ja aus wie im Flughafen“, kommentiert ein Facharzt aus Hongkong das neue System, das kürzlich in Hessen als erstem deutschen Bundesland eingeführt wurde.

Doch das sechsköpfige chinesische Ärzte- und Pfleger-Team hat noch mehr Grund zum Staunen: Nur zehn Meter sind es von der Garage der Einsatzfahrzeuge in die Zentrale Notaufnahme, wo ein erfahrenes Team lebensgefährdete Patienten im Schockraum behandelt und die Verdachtsdiagnose auf Schlaganfall mit Computer- oder Kernspintomographie bestätigt. Gleichzeitig stehen in der Stroke Unit vier Spezialisten der Neurochirurgie und Neuroradiologie zur Überwachung und weiteren Versorgung der Patienten bereit.

Ein optimiertes System aus kurzen Wegen, schnellen Informationen und Hand in Hand arbeitenden Medizinern, das mit moderner, aber überschaubarer Operationstechnik dem 39-jährigen Arbeiter das Leben gerettet hat. Der hat sich einen Tag nach seinem Schlaganfall etwas erholt, steht sogar für Interviews mit den chinesischen Ärzten bereit: „Angst hatte ich trotzdem nicht, weil ich mich im Klinikum Höchst gleich gut aufgehoben und betreut fühlte“, betont er. „Doch in so einem Fall gibt es durchaus Momente, in denen es um Leben und Tod geht“, räumt Thorsten Steiner ein, Chefarzt der Stroke Unit.

Steiner ist auch Vorsitzender der Leitlinienkommission der europäischen Schlaganfallorganisation und deshalb ein international anerkannter Experte. Auch in der 7-Millionen-Stadt Hongkong, wo das Eastern Hospital für rund 700 000 Menschen zuständig ist – also etwa die Einwohnerzahl Frankfurts. Dort zählt die Stroke Unit 27 Betten, im Klinikum Höchst sind es acht Betten – zwölf wären wünschenswert, doch dafür mangelt es an Pflegepersonal. Doch auch in medizinischer und verwaltungstechnischer Hinsicht gibt es einige Unterschiede zwischen diesen beiden und anderen Krankenhäusern in Hongkong. Deshalb fragte man dort Steiner nach einem Besuch an, um einige Anregungen mit nach Hause nehmen zu können.

„In unserem Krankenhaus ist die Stroke Unit Teil der Inneren Medizin“, erklärt Richard Lee, Facharzt für Neurologie am Eastern Hospital in Hongkong. Deshalb könne dort nicht in vergleichbarer Weise ein Expertenteam der verschiedenen neurologischen Disziplinen zur Verfügung gestellt werden. Auch das Informationssystem IVENA, die medizinische Technik und die räumliche Struktur in den Fachabteilungen des Höchster Klinikums stoßen auf viel Bewunderung. „Bei uns vergeht dann doch mehr Zeit, bis Schlaganfallpatienten richtig untersucht und weiterbehandelt werden können“, gesteht Lee ein.

Das Klinikum Höchst arbeitet nach einem Konzept, um Patienten mit einem akuten Schlaganfall bedarfsgerecht zu versorgen. Oft genügt zur Auflösung von Gefäßverschlüssen eine intravenöse Therapie mit Medikamenten, genannt Thrombolyse. Gemeinsam schauen sich die Fachärzte aus Hongkong mit ihren Höchster Kollegen im Konferenzraum Kernspinaufnahmen vom Gehirn des 39-jährigen Arbeiters an, studieren Infarkte und Operationsmethoden, tauschen sich über Medikamente und Therapien aus.

Für den 39-jährigen Arbeiter wird sich in den nächsten Tagen entscheiden, wie es mit der Behandlung und Rehabilitation weitergeht und wann er voraussichtlich nach Hause darf. Das Gespräch mit den chinesischen Ärzten sieht er locker, auch was die Verständigung auf Englisch betrifft. „Na ja, manchmal fühlen sich ja die Deutschen kränker, als sie wirklich sind“, schmunzelt Peter-Friedrich Petersen, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme. Doch im Ernstfall komme es auf leicht bedienbare technische Geräte und ein geordnetes System an, wo für welchen Notfall was zu finden ist. Deutsche Ordnung eben.

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