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Frauen-Fastnachtssitzung

„Afrika“ ist fast überall

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Im Haus der Vereine wird alljährlich zur Fastnachtszeit ein Spektakel geboten: Die rührigen Okrifteler „Wilden Weiber“ richten ihre Fremdensitzungen aus.

„Du verpasst was, wenn du jetzt rausgehst“, raunt eine Zuschauerin ihrer Sitznachbarin zu, die gerade vom Platz aufstehen will. Sie weiß, dass eine Nummer bevorsteht, die das gesamte Publikum verzücken wird. Im Okrifteler Haus der Vereine sitzen zu diesem Zeitpunkt ausschließlich verkleidete und gut gelaunte Frauen – auf den Tischen stehen Sekt und kleine hochprozentige Liköre.

Der Frauen Lieblingsthema an diesem närrischen Abend: das andere Geschlecht! „Findet ihr auch, dass es Zeit wird für Männer?“, rufen die Moderatorinnen Mary Gutmann und Daniela Heislitz der sichtlich feierwütigen weiblichen Meute zu. Spitze Schreie aus dem Saal signalisieren Zustimmung. Also heißt es dann sofort: „Bühne frei“ für die „Pink Tigers“. Die Aktiven der einzigen schwulen Gardetanzgruppe Hessens rücken ins Rampenlicht und schwingen die Beine zu bekannten Disco-Hits. Die Zuschauerinnen stehen auf und feiern den ungewöhnlichen Auftritt stürmischem Applaus – auch die Dame, die gerade noch ihren Platz verlassen wollte, ist natürlich geblieben. „Wir trinken auf die Männer, die wir lieben, und die Männer, die wir kriegen“, erklären Mary Gutmann und Daniela Heislitz bei ihrem einem gemeinsam Trinkspruch zur Eröffnung des fastnachtlichen Abends. Die Närrinnen an den Tischen jubeln. Als Kerl muss man während des Programms im Haus der Vereine ein dickes Fell haben, denn viele Szenen und viele Sprüche werden auf Kosten der Männer gemacht. „Ihr wisst ja: Männer kommen manchmal ohne unsere weibliche Unterstützung nicht klar“, verkündet Daniela Heislitz.

Aus der Seele spricht den Närrinnen auch Jutta Schlosser in ihrer Rolle als türkische Putzfrau Aysche. Sie berichtet, dass sich ihr Mann Ali ein Buch gekauft habe, mit dem Titel „Der Herr im Haus“. Dann habe er sie aufgefordert, ihm Mittagessen zu kochen und ein Bad einzulassen. „Dreimal darfst Du raten, wer mir danach die Haare macht und die Fingernägel manikürt“, zitiert sie den Macho. Aysches Antwort: „Ein Bestattungsinstitut!“ Die Frauen im Saal johlen.

Auch die „Gres Girls“ Gabi Beese, Silke Straub und Renate Irmer-Nielsen vom Krifteler Karneval Klub treffen den Humor der Besucherinnen. Sie berichten vom Ausflug auf die Hamburger Reeperbahn, wo sie sich bei einem „Tagesabschnittgefährten“ vergnügen. Ein Lachen und unbestimmbar heiteres Raunen gehen durch den Saal.

Während das Publikum ganz in Frauenhand ist, können auf der Bühne auch einige Herren zur Unterhaltung beitragen. Premiere bei den „Wilden Weibern“ feiern die „Atzmann Tornados“ aus Heidenrod. Mit 19 Aktiven nimmt die geballte Männlichkeit der Showtanzgruppe gleich die gesamte Bühne in Beschlag. Diese ist übrigens äußerst stimmungsvoll zum Kampagnenthema „Afrika“ dekoriert. Auch auf diesem Kontinent gibt es ja Männer zuhauf. Afrika ist sozusagen überall. In der Bütt wagt sich nun unter anderem Hans-Joachim Greb als Hoppes vor das weibliche Publikum. Der Flörsheimer berichtet den Damen von seiner Männergrippe. „Mich hat’s erwischt, so richtig hart“, klagt Hoppes und erntet dafür ein übertriebenes Mitleids-„Ohhh“, das aber kein echtes Mitleid ausdrücken soll, sondern natürlich ironisch gemeint ist. Stimmungsbarde Andy Ost schafft es derweil auch ohne Grippe, ansteckend zu wirken: Der Musiker spielt eine bunte Mischung aus Rockklassikern, denen er einen neuen textlichen Anstrich verpasst hat. Aus Bruce Springsteens „Born in the USA“ wird so „Born on Rosenmonday“. Der Refrain schallt in der hohen Stimmlage des Publikums durch den gesamten Okrifteler Saal. Das Einzige, was den Wilden Weibern an diesem Abend fehlt, ist ein närrischer Jahresblick. Protokollerin Christa Fassl hat sich von ihrem Posten zurückgezogen und eine Lücke hinterlassen. Schade eigentlich.

Dass Männer und Frauen letztlich aber auch auf einer Damensitzung am selben Strang ziehen könnten, zeigt Mary Gutmann, als sie die Mitglieder der Kapelle „Spitzebube“ auf die Bühne ruft. Die vier Musiker begleiten das Programm der gesamten Kampagne mit Stimmungsmusik und Narrhallamarsch. Mary Gutmann beschenkt die Band dafür mit einer Flasche selbstgemachtem Eierlikör. „Wilde Weiber“ haben also auch ein Herz für Männer – manchmal jedenfalls. Doch die Gleichberechtigung ist auf einem guten Weg. Gespannt dürfen nämlich nun die Herren der Schöpfung sein, wann es wieder mal eine reine Männerfastnachtssitzung geben wird.

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