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Frauen aus allen Schichten werden Opfer häuslicher Gewalt

Aktion zum UN-Tag gegen häusliche Gewalt: „Gewalt kommt mir nicht in die Tüte“

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Zum UN-Tag gegen häusliche Gewalt bringt der Main-Taunus-Kreis mit einer ungewöhnlichen Tüten-Aktion das Thema in die Haushalte. Der Hofheimer Verein „Frauen helfen Frauen“ ist seit über 30 Jahren Ansprechpartner für Frauen, denen Gewalt angetan wird. Auch Annette S. bekam hier Unterstützung.

Mehrere Monate dauerte das Martyrium. Wenn sie nicht getan hatte, was ihr Ehemann wollte, dann bekam Annette S. (Name geändert) Schläge. Nicht täglich, aber immer wieder. Als der Familienvater auch noch die beiden Kinder schlug, rief Annette S. die Polizei. Die Beamten haben den Ehemann und Vater als erste Maßnahme 14 Tage des Hauses verwiesen. Das Jugendamt wurde informiert, und Annette S. gaben die Polizisten die Adresse vom Hofheimer Verein „Frauen helfen Frauen“.

Dem ersten Beratungsgespräch folgten Termine mit einer Anwältin, die beim Familiengericht das alleinige Sorgerecht für die Mutter beantragte. Denn auch die Kinder wollten den Papa erst einmal nicht mehr sehen. Eine Richterin entsprach im Eilverfahren dem Antrag. Doch der Ehemann hielt sich nicht an das Kontaktverbot und der Auflage, der Familie nicht näher als 50 Meter zu kommen. Annette S. konnte in der gemeinsamen Wohnung mit ihren Kindern bleiben. Doch der Ehemann bombardierte sie mit Mails, SMS und Briefen, er legte Geschenke vor die Tür und bedrängte seine Schwiegereltern.

Damit nicht genug: Der Mann, der die Trennung nicht akzeptieren wollte, erschien auf der Arbeitsstelle seiner Frau, woraufhin der Arbeitgeber ihm Hausverbot erteilte. Ein andermal stand er auf der anderen Straßenseite, als die Ehefrau von der Arbeit kam. In der nächsten Woche gibt es eine gerichtliche Anhörung von allen Beteiligten. Für Annette S. gibt es kein Zurück, und auch die Kinder wollen nicht mehr mit dem Vater zusammenleben. Doch noch ist offen, wie endgültig das Sorgerecht für die Kinder geregelt werden wird.

Annette S. ist kein Einzelfall. Viele Frauen werden bei ihrem langen Weg durch die Instanzen vom Verein „Frauen helfen Frauen“ begleitet. Ohne die Beratung und die psychosoziale Unterstützung des Vereins würden es viele Frauen nicht schaffen, diese schwierige Situation durchzustehen, weiß Vorstandsmitglied Anita Pieper, wobei ihre Kollegin Ruth Kreckel ergänzt: „Die Frauen erhalten von uns Unterstützung, die Entscheidungen treffen sie allein“.„Frauen helfen Frauen“ ist der Trägerverein für das Frauenhaus und die Beratungs- und Interventionsstelle des Kreises. Das Haus mit zehn Zimmern ist das ganze Jahr voll belegt. 2015 fragten hier 317 Frauen mit 269 Kindern nach, das ist ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Davon konnten 54 Frauen mit 60 Kindern aufgenommen werden, die übrigen Frauen wurden an andere Frauenhäuser oder Einrichtungen weitervermittelt, steht im Geschäftsbericht.

In die Beratungs- und Interventionsstelle kamen im vergangenen Jahr 273 Frauen zu 731 Gesprächen. Außerdem gab es 1735 telefonische Anfragen. Diese Zahlen bewegen sich so etwa im Niveau der Vorjahre. Der Polizeibericht des MTK hat für 2015 378 Fälle von häuslicher Gewalt festgehalten, das sind 104 mehr als im Vorjahr, „und die Dunkelziffer ist viel viel größer“, so die Dezernentin für Familie, Frauen und Integration im Main-Taunus-Kreis, Ingrid Hasse, als sie in der Krifteler Bäckerei Heislitz gestern die „Brötchentütenaktion“ vorstellte. 60 000 Tüten mit dem Aufdruck „Gewalt kommt mir nicht in die Tüte“ werden nun an 13 Bäckereien in Bad Soden, Hattersheim, Hochheim, Hofheim, Kelkheim Kriftel und Schwalbach verteilt.

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