Tiere

Angriffslustige Taube attackiert Familie

Ein italienisches Sprichwort besagt: „Aus einem Adler wird kein Taube.“ Aber vielleicht ist das ja umgekehrt möglich? Eine Familie aus Kelkheim-Fischbach berichtet von aggressiven Flugattacken eines Taubenpaares, das sich seit Wochen rund ums Haus angeberisch herumtreibt, kontrollierend aufspielt und furchteinflößend aufplustert.

„Ruckedigu! Ruckedigu!“ Pünktlich zum Frühlingsbeginn fand sich das bereits vom vergangenen Jahr bekannte Ringeltaubenpärchen wieder in seinem angestammten Revier ein. Mit „Ruckedigu“ ging es dann auch ratzfatz los mit der Turtelei und Balz – ganz vogelfrei und ungeniert: Da wird der Kropf aufgeblasen und beeindruckend laut gegurrt. Das Federkleid wird hingebungsvoll geputzt und die Brustfedern selbstherrlich aufgespreizt. Es wird geschnäbelt und getanzt, majestätisch im Kreis stolziert, klatschend mit den Flügeln geschlagen und sich vor dem Objekt der Begierde tief verbeugt. All das nicht umsonst, sondern mit Erfolg: Mittlerweile brütet das Duo im Baum vorm Küchenfenster der Fischbacher Dachgeschosswohnung – und es beäugt und bewacht die Umgebung ganz genau. Aber es gibt auch Angriffe auf Menschen. Besonders auf die Mutter in der Familie S. (Name der Redaktion bekannt) hat es das geflügelte Paar abgesehen: Hantiert sie bei geöffnetem Fenster in der Küche, so wird sie umgehend von einer Taube ins Visier genommen.

Und es dauert meist nicht lange, dann schießt der gefiederte Beobachter mit rauschenden Schwingen und hoher Geschwindigkeit direkt auf sie zu. Der Schrecken ist jedes Mal groß, vor allem weil der aggressive Vogel erst im letzten Moment die Kurve kratzt, um sich dann auf einem Dachvorsprung über dem Fenster niederzulassen. Von wo aus das Tier mit Vorliebe Kot absetzt – auch mitten auf die Fensterscheibe. . . Sogar auf dem umseitig liegenden Balkon erfolgen diese furchterregenden Direktanflüge mit haarscharfem Abdrehen kurz vorm menschlichen Zielobjekt. Und steht die Dame an der Bushaltestelle, so beziehen die Vögel bestimmte Wachposten und nehmen sie ins Visier. „Das ist schon eine bedrückende und unheimliche Szenerie. Fast wie im Film ,Die Vögel‘ von Hitchcock“, beschreibt es die Betroffene.

Doch wie kann das sein? Und was steckt dahinter? Von angriffslustigen Raben, Krähen oder Möwen hat man ja schon gehört – aber Tauben? Die Kelkheimer Familie ist ratlos, hakt die „Verfolgung“ aber erst einmal unter den Stichworten „Territorial-, Imponier- und Drohverhalten“ ab: anders kann sie sich die kontrollierende Überwachung und die aufdringlichen Flugattacken nicht erklären.

Wie schätzen Tierexperten und Vogelkundler die Sache ein? Dazu meint der Kelkheimer Ornithologe Michael Orf, der für die HGON (Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz) aktiv ist: „Bei diesen Ringeltauben, übrigens nicht zu verwechseln mit den Stadttauben, die ja Gebäudebrüter sind, handelt es sich um Wildtiere. Und die haben eigentlich eine große Scheu vor Menschen. Verteidigungsattacken und Scheinangriffe erfolgen in der Regel nur gegen Artgenossen oder bedrohliche Beutegreifer."

Aber worin könnte dann so ein ungewöhnliche Verhalten einer Ringeltaube begründet sein, die vom Ornithologen als „im Normalfall harmlos und sanftmütig“ eingestuft wird? „Möglicherweise ist solch ein auffälliges Tier entsprechend individuell geprägt. Es stammt vielleicht aus einer Handaufzucht und hat seine natürliche Scheu vor Menschen verloren. Es ist also denkbar, dass auch eine Wildtaube, die auf Menschen geprägt ist, derart selbstbewusst in die Konfrontation und Offensive geht, wenn sie den Nestbereich und die Brut vor Menschen schützen will.“

Peter Barnickel aus Eppenhain ist im Kelkheimer Naturschutzbund Deutschland (NABU) engagiert und tippt in der Angelegenheit gleichfalls auf die „Verteidigung des Nestes und der Brut, wie bei vielen anderen Vögeln aus bekannten Fällen“.

Vizedirektor und Zoopädagoge Dr. Martin Becker im Kronberger Opel-Zoo kommentiert das Phänomen ganz gelassen so: „Nicht nur bei uns Menschen, sondern auch bei Tieren gibt es individuelle Prägungen und Auffälligkeiten, spezielle Eigenarten und besondere Charakterzüge.“

Das Fazit der attackierten Kelkheimer Familie lautet nun: Ein Tier ist auch nur ein Mensch. Irren ist tierisch. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und eine Taube steht nicht immer für Frieden. Ruckedigu!

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