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Aufklärung statt Krisentourismus

Es ist Ende Januar 2015: Fabian Annich ist mit seinen Freunden auf dem Weg zur irakischen Stadt Sindschar, um dort Soldaten an der Front zu fotografieren und zu interviewen.

Von Selina Bettendorf

Es ist Ende Januar 2015: Fabian Annich ist mit seinen Freunden auf dem Weg zur irakischen Stadt Sindschar, um dort Soldaten an der Front zu fotografieren und zu interviewen. Am Checkpoint auf dem Weg dorthin wird ihm von den örtlichen Sicherheitsbeamten die Einreise in die Stadt verwehrt, seine Freunde müssen ohne ihn weiter. Da er geplant hatte, noch am selben Tag mit ihnen wieder zurückzufahren und es in diesem Ort keinen Geldautomaten gibt, findet er sich in einer befremdlichen Situation wieder.

Ohne Geld und nur mit einem deutschen Handy ist er ganz alleine in einer fremden Stadt in einem fremden Land gestrandet. Da Fabian weder ein Hotel bezahlen kann, noch über ausreichend Geld für die Rückfahrt verfügt, macht sich der Student auf die Suche nach einer Parkbank. Dort will er sein Nachtlager aufschlagen, weil er nicht weiß, an welchem Ort er sonst die Nacht verbringen könnte.

Auf einem Hügel trifft Fabian kurdische Kinder, die auf seine Kamera zeigen. Mit Händen und Füßen kommunizieren sie miteinander, sie sprechen schließlich kein Englisch. Nach einiger Zeit kommt der Vater der Kinder und sieht Fabian. Er lädt ihn zum Abendessen ein und bietet ihm einen Schlafplatz an. Der Student teilt sich mit den Kindern das Schlafzimmer. Sein Tag ist gerettet. Obwohl die Familie selbst für irakische Verhältnisse sehr arm ist, war die Hilfe für sie eine Selbstverständlichkeit.

Als Fabian um elf Uhr abends gerade zu Bett gehen will, stehen unangekündigt drei Polizisten vor der Tür. Sie sprechen kein Wort Englisch und nehmen den jungen Deutschen kurzerhand mit. Als Ausländer in einem Kriegsgebiet mit Kamera erregt er Aufsehen. Auf der Polizeistation wird er mit Hilfe eines deutschen Übersetzers ausgefragt: „Wer sind Sie? Was machen Sie hier? Warum haben Sie eine Kamera dabei?“

Mitten im Gespräch erscheint Fabians Gastgeber, den er erst an diesem Tag kennengelernt hatte, zusammen mit dessen Nachbar. Die beiden verbürgen sich für ihn und setzen sich dafür ein, dass die Polizisten den jungen Deutschen gehen lassen. Dabei sind es doch Fremde. „Ich war total berührt. Diese Menschen haben mich einfach nur beeindruckt“, erklärt der 22-Jährige. Schließlich darf Fabian zusammen mit seinem Gastgeber zurück nach Hause. Vorher wollen die Polizisten allerdings noch Fotos mit Fabian machen, um diese auf Facebook zu posten. Deutsche sieht man in dieser umkämpften Region des Nordirak wohl nicht so häufig.

Doch wer ist eigentlich Fabian und was macht er im Irak? Der 22-Jährige kommt aus Bad Soden und wird diesen Sommer sein duales Bachelorstudium an der European Business School (EBS) in Wiesbaden und bei der Lufthansa beenden. Das Studium ermöglicht es ihm, günstig zu reisen. Nur reist Fabian nicht wie andere Studenten in idyllische Urlaubsregion, sondern gezielt für ein bis zwei Wochen in Kriegsgebiete – und das auch noch ohne Begleitung. Er berichtet über seine Erlebnisse auf einem englischsprachigen Blog im Internet.

Die Frage, warum er das tut, liegt auf der Hand. „Begonnen hat alles letztes Jahr. Ursprünglich interessierte ich mich einfach für Fotografie und habe nach Motiven gesucht, die ich in unserem Alltag hier nicht finden kann“, erklärt er. Aus diesem Grund unternahm Fabian seine erste Reise in die Ukraine, als der Konflikt zwischen pro-russischen und westlich orientierten Volksgruppen ausbrach.

Es folgte eine Exkursion in die Türkei während der Lokalwahlen im Mai 2014. Im Sommer 2014, als der Gaza-Konflikt neu ausbrach, flog er nach Palästina, nach Vietnam im Oktober 2014 und nun im Januar in den Irak. „Ich reise immer alleine in diese Länder. Zum einen bin ich so flexibler und kann meine Prioritäten besser setzen, und zum anderen, sind wir da mal ganz ehrlich, finden sich nicht viele, die sich auf solche Reisen einlassen. Aber auch wenn ich in den Ländern noch keine Leute kenne, schließe ich dort ganz schnell neue Bekanntschaften“, erklärt Fabian.

Mit seinen Geschichten möchte er die Menschen zum Nachdenken anregen. „Mit meinem Blog möchte ich den Leuten, die ich kennenlernen durfte, etwas zurückgeben. Ich möchte in erster Linie Aufklärungsarbeit leisten, denn meiner Meinung nach ist es wichtig, dass die Leute ihre kulturellen Ängste abbauen. Dann würde es auch Probleme wie die Pegida-Demonstrationen gar nicht geben. Die Menschen müssen sich mit den Schicksalen anderer auseinandersetzen und nicht nur mit Zahlen, die es von den Kriegen gibt. Das sind doch Menschen wie du und ich.“

Reisen in Kriegsgebiete bergen einige Gefahren. Fabian informiert sich darüber vorher in den Medien und beim Auswärtigen Amt. „Ich bin vor jeder Reise nervös, weil ich bin mir der Risiken bewusst bin. Vor allem, wenn ich in den Nachrichten mitbekomme, wie Fotografen enthauptet werden“, sagt der 22-Jährige und fährt fort: „Als ich zum ersten Mal eine Bombe gehört habe, war ich entsetzt. Der Tod war so präsent. Viele Male habe ich in gefährlichen Situationen überlegt, ob ich nicht zu weit gegangen bin. Trotzdem würde ich mit diesen Reisen nicht aufhören.“

Mehrere Male war der junge Bad Sodener bereits in brenzligen Situationen gewesen. „Ich bin in Palästina zu einer Demonstration gegen die Siedlungspolitik von Israel gegangen. Plötzlich mischte sich das israelische Militär ein und schoss mit Tränengas.“ Ein anderen kritisches Erlebnis hatte Fabian, als er in Donezk in der Ukraine zwischen eine Demonstration von pro-russischen Demonstranten und der Polizei geriet. „Ich wurde in die Masse hineingezogen, in der die Demonstranten Gewalt ausübten“, entsinnt sich Fabian.

Für solche Ausflüge rät der Student trotz allem Unbehagen zu Optimismus: „Wenn man solche Reisen macht, sollte man auf jeden Fall offen und tolerant sein.“ Außerdem ist Fabian der Ansicht, dass man den Menschen mit Vertrauen begegnen und sich auf die fremde Kultur einlassen sollte. „Mich haben zum Beispiel jesidische Flüchtlinge in ihrem Flüchtlingslager zum Essen eingeladen und mir sogar einen Schlafplatz angeboten. Die Menschen haben nichts, aber sie geben dir so viel“, sagt der junge Reisende, der es bei seinen gefährlichen Reisen mit dem Sinnspruch von Mark Twain – „Reisen ist tödlich für Vorurteile“ – hält.

Fabians englischsprachiger Reise-Blog mit vielen Fotos ist unter im Internet zu finden.

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